Vorgefühlt: „Pippi auf den sieben Meeren“

Eine Flaschenpost ist immer aufregend. Man nimmt eine Flasche, ein Blatt Papier, einen Stift und einen Korken, naja oder eben eine Plastikflasche mit Schraubverschluss, geht auch, ist aber irgendwie nicht so aufregend wie eine Glasflasche mit Korken. Dann schreibt man eine Botschaft auf den Zettel, sowas wie: Lieber Unbekannter, wenn Du diese Nachricht findest, schreibe mir doch mal, wo Du die Flaschenpost gefunden hast. Oder man schreibt eine Bitte oder einen Wunsch, den man selbst hat auf den Zettel. Und dann kann man die Flaschenpost schon auf ihre große Reise schicken.

Ein unschlagbares Team (Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

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Vorgefühlt:“Hexenjagd“

(Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

Wir legten einen Kreis aus Buchstaben auf den Tisch, verdunkelten den Raum, zündeten Kerzen und einige von diesen penetrant riechenden Räucherstäbchen an und stellten ein Glas in die Mitte des Tisches. Aufregend war das, der verbotene Blick in die Zukunft und in das Reich der Toten. Bedeutungsvoll sahen wir uns an, reichten uns die Hände und die Mutigste meiner Klassenkameradinnen übernahm die Rolle des Mediums. Wir atmeten tief ein und aus, schlossen die Augen, legten unsere Zeigefinger auf den Rand des Glases. Insgeheim hoffte ich, dass unser Vorhaben nicht funktioniert, was wäre passiert, wenn wir durch einen kleinen Fehler den Teufel gerufen hätten, der uns einen Dämon schickt. Kurz vor unserer ersten spiritistischen Sitzung hatte ich mich sicherheitshalber schon einmal mit den Merkmalen und Kennzeichen, an denen man den Teufel oder die dämonische Besessenheit angeblich erkennt, beschäftigt, um im Notfall rechtzeitig den Exorzisten informieren zu können. Ich hatte nämlich keinesfalls vor wie das Mädchen aus dem Film „Der Exorzist“ schreiend, schwitzend, mit Krämpfen und Schaum vor dem Mund unseren Gemeindepfarrer zu beleidigen. Besessene plaudern nämlich oft Bosheiten über andere aus, die sie eigentlich nicht wissen können. Ich war auf folgende Symptome vorbereitet:

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Vorgefühlt: „König Lear“

König Lear und sein Narr (Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

Manchmal sagt der Opa Sachen, über die wir heimlich lachen.
Er verwechselt, wie wir heißen, möchte mit der Droschke reisen
und ruft: „Oma, komm mal her!“, dabei lebt sie doch nicht mehr.

Abends zählt er dann alleine seine schwer ersparten Scheine
und versteckt sie unterm Kissen, weiß nicht, dass es alle wissen.
Plötzlich ruft er ganz erregt: „Wo habe ich mein Geld verlegt?“

Keinen Faden lässt er liegen. Krumme Nägel will er biegen,
dass man sie noch mal verwendet. Nicht ein Krümchen wird verschwendet,
weil er weiß, was Hunger ist und die Not nie mehr vergisst.

Manchmal sagt der Opa Sachen, die uns still und traurig machen,
sagt: „Bald muss ich von euch gehen, habe genug mich umgesehen.“
Und in solchen Augenblicken möchten wir ihn an uns drücken.

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KÖNIG LEAR revisited
Die Neubearbeitung für das Koblenzer Ensemble

von John von Düffel

Seien wir ehrlich: An einem Shakespeare kann man nur scheitern. Die Frage ist nur, wie? Dabei haben wir hierzulande einen großen Vorteil gegenüber dem Mutterland des großen Theaterbarden, und die Engländer beneiden uns regelmäßig darum: Auf deutschsprachigen Bühnen gibt es kein Shakespeare-Original. Bei uns darf, kann und muss jeder Shakespeare-Text übersetzt, übertragen und damit transformiert werden. Und diese Heraus- und Überforderung ist zugleich eine Chance, weil jede Zeit sich damit neu und anders in die Matrix der großen Shakespeare-Werke einschreibt – von der Romantik bis heute. Immer wieder gibt es die Notwendigkeit, die Kräfte von Shakespeares Sprache, die Wucht seiner szenischen Setzungen und die Größe seiner Figuren neu aufzusuchen und heraufzubeschwören. Dieser Versuch, an den phantastischen Kern und den vibrierenden Puls seines „Lear“ heranzukommen, hat mich bei meiner Neufassung für das Theater Koblenz geleitet.

Georg Marin (König Lear) und Bühnenbildner Bodo Demelius im Gespräch (Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

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Vorgefühlt: „Deportation Cast“

„Deportation Cast“ von Björn Bicker bringt ein komplexes gesellschaftliches Thema anschaulich auf die Bühne (Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz)

Ende Mai blieb ich in den sozialen Netzwerken bei einem Skype-Video hängen, in dem ein 15-jähriges Mädchen weinend und tief verzweifelt erzählte, dass sie aus dem Unterricht geholt wurde und noch am selben Tag mit ihrer Familie nach Nepal abgeschoben wurde. In ein Land, dass ihr bis dahin völlig unbekannt war. „Das gibt es doch nicht!“, dachte ich voller Empörung. Wie kann das denn möglich sein, dass ein voll integriertes jugendliches Mädchen, das in die 9. Klasse eines Gymnasiums geht und in Deutschland geboren wurde, wie ein Verbrecher aus dem Unterricht geholt wird und abgeschoben wird. Unfassbar!

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Vorgefühlt: „Das Grundgesetz“

(Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

An einem sonnigen Nachmittag, habe ich mich in den Garten zurück gezogen und genüsslich im Grundgesetz geschmöckert, schließlich garantiert mir dieser wichtige Text mein Recht auf freie Meinungsäußerung, Religionsfreiheit, meinen Frieden und noch vieles mehr, das ich hier gar nicht wie aus der Pistole geschossen aufzählen kann, weil ich mich nämlich vorher noch nie ausführlich mit dem Grundgesetz beschäftigt habe.

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