Ballettdirektor Steffen Fuchs im Gespräch mit Dramaturgieassistentin Julia Schinke

Wenn man die Augen zu macht, könnte es fast ein ganz normaler Morgen im Ballettsaal sein: Die Compagnie scherzt und lacht, Steffen Fuchs begrüßt die langsam eintrudelnden Mitglieder und Olga Bojkova schlägt einzelne Tasten am Klavier an. Doch sobald man die Augen öffnet, zeigt sich einem ein recht leerer Saal – die Tänzer und Tänzerinnen sind zuhause und über App zum digitalen Balletttraining zugeschaltet. Sobald alle ihr Mikrofon ausgeschaltet haben, geht es dann in gewohnter Manier los: Mit Steffen Fuchs, der die Übungen an der Stange sowie ein paar Sequenzen mit Drehungen und kleinen Sprüngen erklärt, während die Korrepetitorin ihn live begleitet. Das Ganze wirkt trotz seiner ungewöhnlichen Form vertraut und scheint in dieser Ausnahmesituation ein bisschen normaler Ballettalltag zu sein.

Steffen Fuchs – digitales Training

Julia Schinke: Steffen, zunächst wurden die Vorstellungen, dann die Proben ausgesetzt. Wie wurde seitdem in deiner Abteilung gearbeitet?
Steffen Fuchs: Momentan gibt es unglaublich viele Möglichkeiten, mit großen Tanz-Stars zu arbeiten, wozu man unter normalen Umständen wahrscheinlich nicht die Chance hätte. Im wöchentlichen Company-Meeting tauschen wir uns über den aktuellen Stand aus und können uns auch als Gruppe sehen und wenigstens virtuell begegnen. Jetzt habe wir wieder mit einem von mir täglich geführten Training angefangen, wenn auch nur per Video. So bekommt der Alltag mehr Struktur und wir nehmen uns wieder mehr als Compagnie wahr. Was als Ergänzung dazu nahtlos weiterging waren die Yogastunden für die Tänzer. Normalerweise biete ich diese einmal pro Woche an, momentan sogar mehrmals.

Wie fühlt es sich für dich an, alleine vor dem Handy zu unterrichten?
Das allererste Mal bei einer Yoga-Stunde war schon merkwürdig. Bei dem Balletttraining bin ich ja nicht wirklich alleine, denn Olga ist ebenfalls im Saal. Das ist ein gutes Gefühl. Mit Korrekturen ist es natürlich schwierig, weil man durch die einzelnen Bildausschnitte nicht immer alles gut sehen kann. Besonders ungewohnt ist für mich die Tatsache, dass ich selbst, erstmals seit zehn Jahren, wieder so kontinuierlich trainiere. Allein deshalb freut sich mein Körper schon wieder auf die Zeit, wenn wir alle gemeinsam im Ballettsaal stehen.

Und wie ist das Feedback deiner Tänzerinnen und Tänzer?
Tatsächlich war das Feedback von Anfang an sehr positiv. Es gibt immer wieder Wünsche, manche Übungen noch intensiver zu gestalten, oder den Fokus auf einzelne Elemente wie z.B. Tendues zu legen, darauf gehe ich gerne ein, auch wenn es zu jedem Wunsch meist eine Gegenmeinung gibt – das ist genau wie beim analogen Training. Bei dem großen internationalen Angebot ist es schön, auch ein privates Training nur für uns zu haben.

Worin bestehen Herausforderungen für die Compagnie bei dieser Form der Arbeit?
Für mich ist es definitiv eine Übergangslösung. Eine tolle Möglichkeit trotz der Beschränkungen miteinander zu trainieren, aber eben kein Ersatz für unsere gemeinsame Arbeit im Ballettsaal. Natürlich haben die Tänzer zuhause weniger Platz, weshalb wir einige Übungen, wie Diagonalen und große Sprünge, nicht machen können. Wenn ich nur einen Teilbereich des Körpers auf dem Bildschirm sehe, kann ich erahnen, wo vielleicht etwas zu verbessern ist, aber vielleicht ändert der Tänzer die Übung auch ab, um ausreichend Platz zu haben. Das spannende am Theater ist am Ende eben doch, dass es 3D ist und dass man mit viel Sensibilität auf seine direkte Umgebung reagiert.

Steffen Fuchs – digitales Training

Was nimmst du als Ballettdirektor aus dieser Situation mit?
Uns traf der Vorstellungsausfall kurz vor der Premiere von „Macbeth“ – eine ganz merkwürdige Situation wirklich. Aber auf der anderen Seite habe ich auf einmal die Zeit viel intensiver als im normalen Alltag, über kommende Stücke nachzudenken, mir wirklich Zeit zu lassen ohne den Druck einer parallel laufenden Produktion. Jetzt habe ich den Raum über „Der Schwanensee“nachzudenken, zu überlegen, wo ich mit „Carmen“ und „Im goldenen Schloss“ hinwill. Ich habe auch gelernt Masken zu nähen! Man kann also auch viel Neues in dieser Situation erleben.

Wir können keine genaue Voraussage treffen, wie es in den nächsten Wochen weitergeht – was gibt dir Sicherheit in dieser ungewissen Zeit?
Natürlich mache ich mir – wie alle – Gedanken darüber, wie es wohl weitergehen mag und sorge mich, wie Theater und auch Ballett in den kommenden Monaten aussehen wird. Doch ich bin ein geborener Optimist. Ich ziehe viel Kraft aus dem Yoga. Zudem lerne ich momentan manche Dinge einfach loszulassen. Zum einen, weil sie im Moment gar nicht erreichbar sind, zum anderen, weil ich sie nicht erreichen muss.

Was möchtest du Kolleginnen und Kollegen und den Menschen da draußen mit auf den Weg geben?
Ich mag das Lied „Morgen“ von Richard Strauss unheimlich gerne. Die erste Zeile „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ ist wie ein Lebensmotto für mich, das ich in diesen Zeiten auch allen anderen mitgeben möchte.

Interview: Julia Schinke
Fotos und Videos: Anja Merfeld