Immer dabei: "Faust" von Goethe
Gehört in jede Handtasche: “Faust” von Goethe

von Katharina Dielenhein

Dass Goethe Faust geschrieben hat, liegt mittlerweile mehr als 200 Jahre zurück. Und doch: Die Texte in Faust sind aktuell wie nie. Für fast alles, was dem Menschen im Laufe des Tages so passiert, gibt es ein Zitat aus Faust, mit dem man bei seinem Gegenüber mächtig Eindruck schinden kann. Wir haben fünf schöne Faust-Zitate gesammelt und erklären, wie man sie in Alltagssituationen nützlich anwenden kann.

“Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn; indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.” – Direktor

Dienstagvormittag, 11 Uhr, der Konferenzraum in der zweiten Etage: Ich glaube, dass man Projekte manchmal totreden kann. Planung ist wichtig, ja, aber die besten Ergebnisse gibt es oft, wenn man ab einem bestimmten Punkt einfach drauflosarbeitet. Während wir in einer Sitzung zum zehnten Mal diskutieren, auf welche Art wir dieses oder jenes Detail angehen, werfe ich heimlich einen Blick in meinen Faust im Hosentaschenformat, drehe mich um zur Kollegenschar und sage: “Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich auch endlich Taten sehn; indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.” Ein Kollege blickt mich kurz an und sagt: “Recht hat sie! Packen wir’s an!” Geht doch!

“Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele, als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!” – Faust

Samstagmorgen, 0.30 Uhr, eine Kneipe in der Altstadt: Beim Blick auf die Uhr denke ich, dass es eigentlich schon ganz schön spät ist. Aber wenn ich jetzt gehe, gehen alle anderen auch. Und wer ist schon gern die Person, die die Runde auflöst. Aber was soll’s! Ich muss morgen zwar nicht arbeiten, aber es steht eine ganze Menge an. Lange bleiben kann ich also nicht mehr. – Nun, wenn ich schon der bin, der an diesem Abend die Party sprengt, kann ich zumindest auf heitere Art die letzte Runde ankündigen: “Ihr Lieben”, sage ich und winke schon mal den Kellner heran, “der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele, als festlich hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!” Noch eine halbe Stunde. Dann bin ich zu Hause. Wirklich!

“Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?” – Margarete

Samstagabend, 23 Uhr, eine WG: Irgendwie habe ich es geschafft, auf einer Party voller Menschen, die ich kenne, in einer Gruppe zu landen voller Leute, die ich nicht kenne. Und besonders redselig sind meine Gesprächspartner leider nicht. Ein ordentlicher Wortwechsel will und will einfach nicht in Gang kommen. Leider bin ich in meinem Freundeskreis nicht gerade dafür bekannt, die Meisterin des Smalltalks zu sein. – Nun denn, wenn Wetter, Katzenbabys und beliebte Urlaubsziele nicht funktionieren, muss ich wohl die harten Geschütze auffahren, die Streitthemen, die wirklich keinen kaltlassen: das Rauchverbot in Kneipen und Restaurants, Prism und Religion. “Nun sagt”, frage ich in die Runde. “Wie habt ihr’s mit der Religion?” Wenn ich etwas Glück habe, befinden sich ein Atheist und ein Christ in der Runde. Mit viel Glück ist noch ein Agnostiker darunter. Auf einen Buddhisten zu hoffen, wäre zweifellos utopisch. Dennoch: Ich lehne mich entspannt zurück und beobachte das Schauspiel.

“Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht.”  Faust

Sonntagspätnachmittag, 17 Uhr, Familientreffen mit 200 Menschen, die ich zum großen Teil gar nicht kenne, irgendwo in Nordrhein-Westfalen: Während einer meiner entfernten Verwandten, dessen Name mir gerade nicht präsent ist, mich zum 30. Mal fragt, wieso ich eigentlich noch immer unverheiratet bin, blicke ich nervös zur Minibar. Hilfe! Meine Schwester fängt meinen Blick auf, nickt und verlässt unauffällig den Tisch. Zwei Minuten später steht sie neben mir – mit einem Glas Wein in der Hand. “Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht”, flüstert sie mir zu, damit der Vetter/Onkel/Großcousin es nicht hört. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel und schiele schon mal vorsorglich wieder in Richtung Minibar. Vielleicht sieht meine Schwester es ja.

“Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.” – Mephistopheles

Samstagnachmittag, 16 Uhr, eine kleine Vorstadt-Wohnung: Wenn meine beste Freundin am Telefon fragt: “Katharina, du weißt doch, was vorgestern in Neuseeland passiert ist, oder?” und ich nur mit Schweigen antworte, ist das wirklich mehr als peinlich. Nein, in diesem Moment habe ich leider nicht den Hauch einer Ahnung, was vorgestern in Neuseeland passiert ist. Ich bin doch gerade erst aus dem Urlaub wiedergekommen und da hatte ich weiß Gott anderes zu tun, als Zeitung zu lesen. Ja, jetzt ist mir das auch verdammt unangenehm. Trotzdem kann ich meine Unwissenheit jetzt beim besten Willen nicht zugeben. Kein Problem. Denn Goethe hat mir schon vor über zwei Jahrhunderten die passende Antwort geschrieben. “Allwissend bin ich nicht, liebe Freundin, doch viel ist mir bewusst.” Sie muss lachen. Und jetzt wechsel ich blitzschnell das Thema. “Du wirst nie erraten, wer mich vergangenes Wochenende angerufen hat.” Puh!