Dieses Gewusel im Theater

Das Theater Koblenz ist für den Publikumsverkehr geschlossen, bleibt aber präsent: mit digitalen Formaten, in den sozialen Medien. Aber was machen eigentlich die Menschen hinter der Bühne in Zeiten der Pandemie? Sie arbeiten. Drei Besuche im nichtkünstlerischen Bereich des Kulturbetriebs: in der Theaterpädagogik, im Bühnenbetrieb, in der Lohnbuchhaltung.

Leere Bühne – Theater in außergewöhnlichen Zeiten

Man erreicht Anne Riecke bei der Arbeit. Die Theaterpädagogin bereitet gerade einen Schnupperworkshop Darstellendes Spiel in Zusammenarbeit mit der Uni Koblenz vor, digital natürlich: Seit Mitte März sind wegen der Corona-Pandemie Kontaktsperren in Kraft, an klassischen Hochschulbetrieb ist so wenig zu denken wie an Theater.

Frau Riecke, was heißt Theaterpädagogik, in Zeiten, in denen das Theater nicht spielen kann?
Anne Riecke: Das Belastende ist sicherlich, dass der direkte Kontakt mit den Menschen im Rahmen der Vermittlungsarbeit nicht stattfinden kann. Und damit auch keine Arbeit im geschützten Raum. Was aber auch ein großer Teil unserer Arbeit ist: die Konzeption dieser Vermittlungsarbeit. So wie das Theater das Spielzeitheft für die kommende Spielzeit veröffentlicht hat, so haben wir eine Broschüre rausgegeben, „Theater und Schule“, wo wir unsere künstlerischen Theaterproduktionen im Zusammenhang mit verschiedenen Vermittlungsangeboten vorstellen. Und das jetzt zu konzipieren, das kann nach wie vor stattfinden. Das hat jetzt Ruhe und Raum wie sonst vielleicht nie.

Die aktuelle Situation ist ein Auf-Null-Schalten der Arbeitsroutine, ein Neudenken.
Riecke: Wir Theaterpädagoginnen sind sozusagen Spezialistinnen im kreativen Umgang mit offenen Situationen. Nichts anderes machen wir in den Workshops: in szenische Experimente gehen, Sachen befragen, überdenken, wieder verwerfen und Neues ausprobieren. Und das, was wir in diesem Rahmen geübt haben, wird jetzt nochmal anders auf die Probe gestellt. All das ist uns aus unserem Arbeitsalltag tatsächlich geläufig und vertraut. Nicht immer auf Ergebnis zu spielen, sondern den Fokus auf den Prozess zu legen.

Anne Riecke – Theater in außergewöhnlichen Zeiten

Auf der anderen Seite fehlt der direkte Kontakt zum Publikum, zum Gegenüber.
Riecke: Ja. Das betrifft einerseits den Kontakt mit unseren, ich sag mal: „Kunden“, egal ob es um Erwachsene oder um Schüler geht. Aber auch wir als Theaterpädagoginnen untereinander haben ein starkes Kommunikationsbedürfnis, das auf analoger Ebene gerade überhaupt nicht befriedigt werden kann. Und das ist sehr schade. Die unmittelbare Rückmeldung zu unserem Tun fehlt uns jetzt.

Wir wissen ja alle nicht, wie es weitergeht. Momentan sind die Infektionszahlen gar nicht so schlecht, aber niemand weiß, ob im September wieder Theater gespielt wird.
Riecke: Ich bin da gnadenlos optimistisch. Wir bereiten die theaterpädagogische Arbeit für die nächste Spielzeit vor, Plan A hat nicht funktioniert, das wissen wir jetzt, aber wir haben Plan B, und wenn Plan B nicht greift, werden wir über Plan C nachdenken. Aber von A auf C zu springen, das verbietet sich mir gerade. Ich bin da guter Dinge. Wir alle brauchen nur ein wenig Geduld, Gelassenheit und Zuversicht. Die habe ich im Moment.

Ich stelle fest, dass ich früher ungeduldiger war als jetzt.
Riecke: Geduld ist eigentlich nicht meine allergrößte Stärke. Aber es ist ein Vorzug des Alters, dass ich gelernt habe, geduldiger und gelassener zu werden – auch durch meine theaterpädagogische Arbeit.


Proben finden nur sehr eingeschränkt statt, Aufführungen selbstverständlich nicht. Was macht da die Bühnentechnik? Leiter Thomas Kurz organisiert Hilfsleistungen für die Koblenzer Berufsfeuerwehr.

Herr Kurz, normalerweise ist ihre Aufgabe als Leiter des Bühnenbetriebs …
Thomas Kurz: … der Tagesablauf: Funktioniert die Dispo? Können wir die Umbauzeiten einhalten, von der Probe vormittags zur Vorstellung am Abend? Und mit Blick auf die Jahresdispo: Schaffen wir das, gerade zur Märchenzeit? Was fällt am Tag an? Außerdem habe ich die Personalverantwortung für alle Beschäftigten in den Abteilungen.

Das alles findet gerade nicht statt.
Kurz: Langsam findet es schon wieder statt. Die Proben rollen langsam an, auch mit unserem neuen Sonderspielplan, und auch mit den digitalen Medien. Die letzten Wochen war natürlich nichts los. Da war ich Pandemiebeauftragter.

Thomas Kurz – Theater in außergewöhnlichen Zeiten

Was heißt das?
Kurz: Die Berufsfeuerwehr fragte an, ob es möglich wäre, Trennwände für eine Pflegehilfseinrichtung zu bauen. Da gab es Mehrbettzimmer, und die wollten flexible Wände zwischen den Betten, damit die Patienten ein bisschen Privatsphäre haben. Und im Anschluss hat unser Intendant Markus Dietze der Stadtverwaltung angeboten, dass wir für die auch Trennwände aus Plexiglas bauen, für den Kundenkontakt und als Arbeitsschutz für die Mitarbeiter.

Einerseits stelle ich mir das befriedigend vor, trotz der Einstellung des Vorstellungsbetriebs was zu tun zu haben. Gleichzeitig ist das nicht Ihr eigentlicher Job.
Kurz: Ja, man hat was zu tun, das ist gut. Die ersten Tage haben wir die Zeit genutzt, um Unterlagen zu ordnen, Dinge zu digitalisieren, Sachen abzuarbeiten, zu denen man normalerweise nicht kommt. Und jetzt geht das so: „Wir brauchen jetzt Wände!“ „Wieviele denn?“ „Wissen wir noch nicht.“ „Wie groß sollen die denn sein?“ „Müssen wir mal gucken.“ Das ist auch anstrengend und hektisch.

Manche hinterfragen momentan ihre Alltagsroutinen. Sie auch?
Kurz: Ja und nein. Es ist schon so, der Alltag ist entschleunigt. Und dann guckt man: Ist es der richtige Weg, wie man immer an eine Sache rangeht? So einen Stillstand zu erzeugen, das ist relativ einfach. Aber ein Wiedereinstieg ist kompliziert. Die Situation erfordert tatsächlich auch, zu gucken: Was machen wir? Wie machen wir es? Können wir was anders machen? Vielleicht besser?


Edith Fischbach hat alle Hände voll zu tun. Zwar finden gerade am Theater keine Proben und keine Aufführungen statt, als Arbeitgeber ist das Haus allerdings weiter aktiv. Und im Personalbüro muss  dieser Alltag als Arbeitgeber organisiert werden. Im Homeoffice geht das nicht, weil man Zugang zu den Personalakten braucht.

Wie habe ich mir ihren Arbeitsalltag vorzustellen, Frau Fischbach? Das Theatergebäude ist praktisch leer …
Edith Fischbach: Naja, verschiedene Tätigkeiten laufen ja im Hintergrund weiter, auch wenn der Vorstellungsbetrieb eingestellt ist. Weil wir vorbereitet sein wollen auf den Tag X. Wenn es dann irgendwann heißt, dass wir wieder Vorstellungen durchführen dürfen, wollen wir auch möglichst schnell wieder einsatzbereit sein.

Edith Fischbach – Theater in außergewöhnlichen Zeiten

Was machen Sie gerade?
Fischbach: Durch die Corona-Pandemie gibt es besondere Herausforderungen, auch für die Lohnbuchhaltung. An erster Stelle stehen eigentlich die Abrechnungen der Gastkünstler: Während der Zeit, in der kein Entgelt gezahlt wird, werden für die Gäste auch keine Krankenkassenbeiträge gezahlt, das heißt, die wären dann erstmal nicht krankenversichert. Wir schauen also, dass es sozialverträglich bleibt. Die Mitglieder des Festensembles haben ihr regelmäßiges monatliches Gehalt, da gibt es kein Problem, aber bei den Gästen muss man Lösungen finden.

Das betrifft Schauspieler, Sängerinnen, die Leute auf der Bühne. Bei der Regie zum Beispiel ist das ein bisschen anders, da sind die Künstler freischaffend …
Fischbach: Da sollen Abschlagszahlungen vorgenommen werden, wenn die Arbeit im Hinblick auf die anstehende Premiere weitergeführt wird. Im Moment ist aber alles stillgelegt, und wir müssen mit der Intendanz abklären, inwieweit Arbeit im Hintergrund geleistet worden ist: Sollen wir den Abschlag auszahlen? Wie handhaben wir das?

Sie haben vorhin den Tag X angesprochen, den Tag, an dem wieder gespielt werden kann. Ich bin mir total unsicher, wann das sein wird …
Fischbach: Ich stehe ganz genauso da. Ich hoffe, dass wir noch vor der offiziellen Spielzeitpause noch irgendwas aufführen können, und wenn das nichts wird, dann wenigstens danach, im August oder September. Uns fehlt das natürlich: die Vorstellungen, die Proben, dieses Gewusel im Theater.

Interviews: Falk Schreiber


Weitere Beiträge aus der Reihe „Ein bisschen Alltag in außergewöhnlichen Zeiten“:

  • Folge 1: Ballettdirektor Steffen Fuchs im Gespräch mit Dramaturgieassistentin Julia Schinke
  • Folge 2: Studienleiter Karsten Huschke im Gespräch mit Anja Merfeld, Grafikerin und Social-Media-Beauftragten des Theaters Koblenz