Studienleiter Karsten Huschke im Gespräch mit Anja Merfeld, Grafikerin und Social Media-Beauftragte am Theater Koblenz

Für unser Interview treffen wir uns auf der Probebühne 4 im Neubau des Theaters Koblenz. Die Bühne ist wie leergefegt. Ein ungewöhnlicher Anblick. Bühnenbildelemente, Requisiten und Kostüme von der Produktion „Vor Sonnenaufgang“ sind von einem auf den anderen Tag verschwunden. Die Bühnentechniker haben ganze Arbeit geleistet, kurz nach der offiziellen Absage der Produktion durch die Theaterleitung. Nur der Flügel und die Stuhlreihen, in denen das Publikum normalweise Platz nimmt, stehen verloren im Raum. Wir versuchen es uns irgendwie gemütlich zu machen, schieben Stühle durch die Gegend und lassen uns dann ungewöhnlich weit auseinander nieder. So ist das nun einmal in außergewöhnlichen Zeiten.

Karsten Huschke während einer Probe im Oberen Foyer

Anja Merfeld: Wenn man auf den Tagesplan schaut, sieht man, dass du trotz Einschränkungen arbeitest. Wie sieht dein Arbeitsalltag gerade aus?
Karsten Huschke: Obwohl der Vorstellungsbetrieb unterbrochen ist, bin ich – was meine Arbeitssituation angeht – ungeheuer privilegiert, da sich für mich trotz der aktuellen Lage nicht viel geändert hat. Ich versuche weiterhin, die musikalische Abteilung am Laufen zu halten und zukünftige Produktionen vorzubereiten.

Worauf bereitet ihr euch in der musikalischen Abteilung aktuell vor?
Zu Beginn der Vorstellungsunterbrechung haben wir uns hauptsächlich auf Produktionen der kommenden Spielzeit vorbereitet. Und dann natürlich auch auf das, was für das Ersatzprogramm gebraucht wird. Wir arbeiten gerade an „The Last Ship“, „Nixon in China“, „Lucia di Lammermoor“ und am Ersatzprogramm, das online ausgestrahlt wird, wie zum Beispiel am 1. Akt der „Walküre“ von Wagner von vergangener Woche. Seitdem bekannt gegeben wurde, dass Theater unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen voraussichtlich auch wieder Vorstellungen mit Publikum spielen dürfen, haben wir auch die musikalischen Proben für „Nabucco“ wieder aufgenommen.

Welche der Produktionen bereitet dir am meisten Freude?
Auf „Nixon in China“ freue ich mich am meisten. In der Entstehungszeit war Adams mehr in der Minimal-Music verhaftet, was er ja nach und nach verlor. In „Doctor Atomic“, also in der Adams-Oper, die letztes Jahr auf unserem Spielplan stand, merkt man das gar nicht mehr so sehr und in „Nixon in China“ ist das eben sehr sehr spürbar. Das gefällt mir.

Karsten Huschke und Kollegen

Was ist bei deinem Probenalltag die größte Herausforderung?
Am aufwändigsten ist kurioser Weise die Planung. Wir haben momentan nicht viele Räume zur Verfügung, die so groß sind, dass wir den aktuellen Regelungen entsprechend proben können. Alles in allem sind es sehr viele Parameter, die beachtet werden müssen. Zum Beispiel lüften wir natürlich nach jeder Probe ausgiebig. Früher war das Komplizierte an der Planung das Verwalten der vielen Proben und jetzt das sensible Aufteilen der wenigen Proben.

Bringt diese Situation auch Vorteile für die Proben mit sich?
Oh ja, die Sängerinnen und Sänger müssen ihre Stücke oftmals unter Druck oder in Zeitnot lernen. Ich versuche zwar immer, die Proben sehr zeitig anzusetzen, aber hier und da wird es im normalen Theateralltag einfach stressig. Jetzt ist es für die Sängerinnen und Sänger beruhigend zu wissen, dass sie ihre Partien schon drauf haben, wenn sie gebraucht werden. Das genießen alle sehr.

Hast du das Gefühl, dass sich die Stimmung in den letzten Wochen, in denen nicht im herkömmlichen Sinne gearbeitet wurde, verändert hat? Waren Sorgen und Ängste irgendwann mal ein Thema?
Die Stimmung auf den Proben könnte gar nicht besser sein. Wahrscheinlich, weil die Proben als etwas ganz besonderes gesehen werden. Für die Sängerinnen und Sänger ist es teilweise diese eine Stunde Probe, die sie haben dürfen, um musikalisch arbeiten zu dürfen. Wir sind alle dankbar, dass wir irgendwie weiterarbeiten können.

Karsten Huschke nach der Aufnahme von

Man sieht dich momentan an vielen Abenden bei unserem Lied des Tages. Was ist deine Aufgabe bei diesem kleinen musikalischen Gruß, den wir jeden Abend live zeigen?
Ich hoffe, dass es ein Trostpflaster bleibt und dass es nicht inflationär wirkt. Meine Aufgabe ist, die Sängerinnen und Sänger zu koordinieren, also anzufragen und dann einzuteilen. Und vor allem habe ich das Glück, im Wechsel mit meinen Kolleginnen und Kollegen mitspielen zu können. Als die Aktion gestartet wurde, habe ich fast jeden Abend begleitet. Jetzt sind zusätzlich Mino Marani, Daniel Spogis, Laura Bos und Francisco Rico live am Klavier dabei.

Und wie fühlt es sich an, vor einem Handy zu musizieren?
Ganz furchtbar! Wenn das Handy läuft, wird eine normale C-Dur-Tonleiter zum Problem. Ok, Spaß beiseite. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Aktion für mich zu einem solchen Nervenkitzel wird. Ich entwickle mehr und mehr Verständnis für die Arbeit der Leute vom Fernsehen, die Live-Sendungen machen. Für mich ist es viel einfacher, in der Rhein-Mosel-Halle ein Konzert vor 2000 Leuten zu geben oder eine Vorstellung vor mehreren hundert Leuten zu spielen, weil dort im großen Fluss die Kunst stattfindet. Hier findet sie punktuell statt und ist jederzeit abrufbar. Wenn bei der Aufnahme ein Fehler passiert, ist er immer wieder abrufbar und das ist nicht unser Metier. Aber solange wir den Menschen damit Freude bereiten – und die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer ist durchweg positiv – ist alles gut.

Was möchtest du deinen Kolleginnen und Kollegen und allen Menschen da draußen mit auf den Weg geben?
So anstrengend und so bedrückend die Zeit gerade ist, lerne ich meine Arbeit und meinen Alltag viel mehr zu schätzen. Und wir tun ja immer noch Sinnvolles, indem wir uns vorbereiten auf das, was da noch kommen wird. Dafür bin ich einfach dankbar. Ansonsten ist Abwarten angesagt. Abwarten bis wir wieder richtig loslegen können.

Interview und Fotos: Anja Merfeld


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  • Folge 1: Ballettdirektor Steffen Fuchs im Gespräch mit Dramaturgieassistentin Julia Schinke