Am kommenden Samstag, 3. Oktober, hebt sich erstmals seit März wieder der Vorhang im Großen Haus für eine Vorstellung mit Publikum. Dann steht die Premiere von Eugène Labiches Komödie „Das Sparschwein“ auf dem Spielplan, es inszeniert Intendant Markus Dietze. Wir haben mit ihm gesprochen. Über das Theater in schwierigen Zeiten und das, was uns allen fehlt: die Erfahrung von Nähe und gemeinsamem Erleben.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die neue Spielzeit hat begonnen, das Theater Koblenz ist wieder da.
Wir waren doch nie weg! Wir waren während der Einstellung des Vorstellungsbetriebs – einschließlich der beiden Wochen, in denen wir nicht geprobt haben – anderweitig präsent. Wir haben uns zum Beispiel ja mit unterschiedlichen Projekten im Netz gezeigt.

Und wie war das Feedback?
Unsere digitalen Angebote sind unglaublich gut angenommen worden. Unser regionales Publikum war sehr präsent, sehr aufmerksam, und wir haben viel Zuspruch und Anerkennung erfahren. Davon abgesehen waren wir aber auch intern durchgehend da. Einige Mitarbeiter, beispielsweise die Kollegen an der Theaterkasse und in der Verwaltung, hatten sogar viel mehr Arbeit als sonst. Auch eine Krise muss ja gewissermaßen verwaltet werden.

Gab es – bei aller Ohnmacht und aller Sorge – in den vergangenen Monaten auch unverhofft angenehme Erfahrungen?
Einige. Die Zusammenarbeit mit den anderen Ämtern der Stadtverwaltung, die man in so einer Situation ja braucht, war ganz toll und hat sehr gut gewirkt. Natürlich trug dazu bei, dass wir uns aktiv für den Gesundheitsschutz engagiert haben: Wir haben Acrylglaswände für städtische Einrichtungen gefertigt. Wir waren aber auch eines der ersten Theater, das Mund-Nasen-Bedeckungen für Ordnungsamt und Feuerwehr genäht hat. Dass wir einen guten Draht zum Ordnungsamt oder zum Amt für Brand- und Katastrophenschutz haben, war sehr hilfreich, um Entscheidungen treffen zu können.

Und die Abonnentinnen und Abonnenten?
Waren wunderbar. Wir konnten ihnen gegenüber ja unsere Seite des „Abonnementsvertrags“ nicht erfüllen. Selbstverständlich haben wir angeboten, dass wir ihr verbleibendes Guthaben auf ihr nächstes Abo anrechnen werden. Aber rund 70 Prozent haben das nicht angenommen und uns das Geld gespendet.

Hat das Corona-Thema Sie auch durch die Theaterferien begleitet?
Ich war zwar im Urlaub und außerhalb der Stadt – aber das bedeutete nicht, dass ich das Theater loslassen konnte. Der Austausch innerhalb der Leitung – also zwischen mir und unserem Verwaltungsleiter Raimund Lehmkühler, aber auch mit unserem Technischen Direktor Johannes Kessler – war weit intensiver als sonst. Wir waren viel dauerhafter in Kontakt, haben fast jeden Tag gemailt oder telefoniert. Das hatte zwar auch mit unserer Sanierung zu tun, aber auch die wäre ohne Corona problemloser verlaufen.

Inwiefern?
Beispielsweise haben die Lieferengpässe, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben, damit zu tun, dass gewisse Komponenten für unsere neue Lüftungsanlage in Norditalien gefertigt werden – und wir wissen ja alle, was in Norditalien in den vergangenen Monaten los war.

Intendant Markus Dietze mit Wolfram Boelzle und Isabel Mascarenhas während einer Probe für Das Sparschwein
Intendant Markus Dietze mit Wolfram Boelzle und Isabel Mascarenhas während einer Probe für “Das Sparschwein” (Foto: Anja Merfeld)

Nun steht in wenigen Tagen die erste Premiere im Großen Haus an, Eugène Labiches Komödie „Das Sparschwein“. Wie ist Ihr Gefühlszustand angesichts dessen? Freudig? Erwartungsvoll?
Ehrlich gesagt: eher gespannt. Für reine Freude ist die Situation – insbesondere angesichts der steigenden Infektionszahlen – im Augenblick einfach zu kritisch.

Wie sieht Ihre „Sparschwein“-Inszenierung aus? Tut sie so, als gäbe es kein Corona? Oder werden die Schauspieler Masken tragen? Man kann mit dem Thema ja unterschiedlich umgehen.
Als wir – noch vor den Theaterferien – mit den Proben begonnen haben, haben wir das, gemäß der damals gültigen Vorschriften, noch mit Mund-Nasen-Bedeckungen getan. Sie aber inhaltlich ins Stück einzubauen – da hat sich schnell gezeigt, dass das nur begrenzt komisch ist.

Weil …
… die Masken etwas thematisieren, was im Augenblick in unserer Realität total präsent ist. Mehr aber auch nicht. Das beinhaltet weder eine darüber hinausgehende Aussage noch ist das allein schon Kunst.

Also sehen wir keine Mund-Nasen-Bedeckungen auf der Bühne?
Nicht als Teil der Kunst. Inhaltlich benutzen wir sie nicht. Aber wir haben uns trotzdem – aus Gründen des Gesundheitsschutzes – entschlossen, durchgehend mit transparenten Acryl-Masken zu spielen. Sie werden am Kinn und hinter den Ohren befestigt und gehen bis kurz unter die Nase.

Schön wird das vermutlich nicht aussehen.
„Schön“ gibt’s im Moment manchmal eben nicht in Gänze. Genauso wenig wie eine „optimale Lösung“. Es gibt im Moment, wenn wir ehrlich sind, manchmal nur die am wenigsten unpassende Lösung.

Nun konnte bei der Planung dieser Spielzeit niemand ahnen, wie sehr die Pandemie heute unser Leben bestimmen würde. Aber Sie hätten den Spielplan ja im Frühjahr durchaus noch ändern können. Das haben Sie nicht getan. Sie haben es bei dem Schenkelklopfer von 1864 belassen. Warum?
Wir haben damals tatsächlich diskutiert, ob wir den Spielplan umbauen sollen. Aber wir haben angenommen, dass sich die Besucher, wenn wir wieder spielen dürfen, freuen werden, wenn sie dann eine Komödie sehen können. Und diese Vermutung hat sich bewahrheitet.

Woher wissen Sie das?
Wir mussten all unsere Abonnenten kontaktieren – wir mussten ja alle neu platzieren. Dabei haben wir viel erfahren. Wir haben oft gehört, dass sich die Menschen, im Großen wie im Kleinen, nach so etwas wie Sicherheit sehnen. Und so ein Theaterspielplan, der unverändert bleibt – egal, was gerade passiert, und egal, ob mit Masken gespielt werden muss –, signalisiert auf seiner Ebene natürlich eine Form von Beständigkeit.

Auch im Opernbereich haben Sie nichts geändert oder modifiziert. Am 10. Oktober erwarten wir die Premiere von „Lucia di Lammermoor“, einer großen Belcanto-Oper mit Chor und Orchester. Danach folgt die Operette „Gräfin Mariza“, dann „Luisa Miller“ von Verdi. Alles nicht gerade Kammermusik. Warum diese Kraftakte?
Diese Pandemie wird uns nicht so schnell wieder verlassen. Deshalb tun wir meiner Meinung nach gut daran, uns an die Krise zu adaptieren statt ihr auszuweichen. Wir können uns nicht verstecken – und wir können auch das Theater nicht so lange schließen, bis Corona wieder weg ist. Insofern finde ich es sinnvoll, in diesen Tagen an einer Lösung zu arbeiten, wie wir eine Choroper wie „Lucia di Lammermoor“ aufführen können. Dieses Know-how werden wir demnächst brauchen.

Wieso?
Es gibt doch, die nähere Zukunft betreffend, nur drei Szenarien: Es wird schlimmer, weil die Infektionszahlen steigen, so dass die Landesregierung beschließt, die Theater erneut zu schließen. Dann ist es egal, ob wir gerade eine Kammeroper proben oder „Luisa Miller“. Oder – vermutlich unwahrscheinlich – alles wird sehr schnell besser. Dann ist es doch gut, dass wir gerade „Luisa Miller“ vorbereiten. Oder, drittens – und das halte ich persönlich für das realistischste Szenario: Es bleibt noch länger genau so schwierig, wie es gerade ist. Und dann tun wir doch gut daran, wenn wir so früh wie möglich lernen, mit der Situation konstruktiv umzugehen.

Was vermissen Sie gerade am meisten?
Nähe. Diese Wochen und Monate zeichnen sich ja vor allem durch Distanz aus. Das ist zwar sinnvoll, aber trotzdem nicht schön. Und Theater hat ja auch mit einer gewissen, auch physischen Nähe zueinander zu tun. Außerdem vermisse ich die Unbeschwertheit von Begegnungen. Aber ich möchte das nicht als Klage verstanden wissen. Ich fände es für einen Intendanten eines deutschen Theaters unangemessen, zu klagen. Es gibt so viele Menschen, denen es schlechter geht als uns.

Wen meinen Sie mit „uns“?
Uns, die wir am Theater Koblenz arbeiten. In anderen Regionen der Welt, in anderen Berufen haben die Menschen ganz anders zu kämpfen. Wir hier befinden uns alle in einer glücklichen und privilegierten Situation. Da reicht es schon, einfach mal auf die freiberuflichen Künstlerinnen und Künstler in Deutschland zu gucken. Oder auf die Musikerinnen und Musiker in den Vereinigten Staaten. Die weltberühmte New Yorker Met hat ihren Chor und ihr Orchester freigestellt, seit April erhalten die Mitglieder kein Gehalt mehr.

Sanierungsarbeiten zum Spielzeitstart 20/21
Der neu bestuhlte Zuschauerraum des Großen Hauses (Foto: Anja Merfeld)

Wie sieht es im Augenblick im Koblenzer Theater aus? Drehen sich Meetings und Konferenzen jetzt um Corona statt um Kunst?
Nein, das stimmt so nicht. Aber natürlich hat sich etwas verändert. Durch die weltweite Lage, die wir selber nicht beherrschen, gibt es nun – ergänzend zu aller Kommunikation, die wir sonst intern haben – eine zweite Kommunikationsebene. Und auf ihr beschäftigen wir uns mit den vielfältigen Auswirkungen, die Corona auf unseren Betrieb hat, von Hygienevorschriften bis zu Vertragsfragen. Die interne Kommunikation ist also umfänglicher geworden.

Haben Sie ein Beispiel?
Zum Beispiel müssen wir zunächst alle Corona-Fragen klären, bevor wir uns der Kunst widmen können. Erst nachdem wir das Hygiene- und Sicherheitskonzept für die Probebühne entwickelt haben, kann dort Kunst stattfinden. Die sich dann aber auch wiederum nach dem Hygiene- und Sicherheitskonzept richten muss. Es ist alles sehr verzahnt und sehr viel komplexer geworden.

Das klingt kompliziert.
Natürlich ist es das, aber ich habe auf meinen „Sparschwein“-Proben eine verblüffende Erfahrung gemacht: Innerhalb der Kunst selbst entsteht gerade aufgrund der alles überschattenden Pandemie auf einmal ein Raum, der noch viel wertvoller ist als bisher. Weil man sich in ihm nämlich nicht mehr mit Corona beschäftigen muss. Sondern damit, was Provinzbürger erleben, wenn sie in die Metropole reisen. Oder man kann sich, wie derzeit das Team von „Lucia di Lammermoor“, mit einer tragischen Liebesgeschichte im schottischen Hochland beschäftigen. Oder, wie im Sommer bei „Nabucco“, mit einem wahnsinnig gewordenen babylonischen König.

Nennen Sie mir einen Grund, einen einzigen, warum ich als Besucher in diesen Zeiten ins Theater gehen soll.
Was den Menschen jetzt ja lange gefehlt hat, ist Anwesenheitskommunikation. Also die physische Präsenz bei einem Ereignis. Das Wahrnehmen eines anderen über Blicke, Gerüche, Berührungen und verbale Kommunikation. Das gemeinsame Erleben von etwas, das live und somit nicht wiederholbar ist. Das bietet das Theater, das fehlt uns allen seit Monaten und genau das können wir jetzt im Theater wieder erleben. Ein Theaterbesuch ist also sicherlich – noch mehr als sonst – eine große Bereicherung.

Margot Weber