Nach dem Tod des Ödipus versinkt der Stadtstaat Theben in blutigem Aufruhr: Ödipus’ Söhne Polyneikes und Eteokles kämpfen um den Thron und kommen schließlich beide ums Leben. Ihr Onkel Kreon übernimmt die Macht und regiert mit harter Hand; um die Bevölkerung von neuerlichem Aufstand abzuhalten, befiehlt er, Polyneikes’ Leichnam nicht beerdigen zu lassen. Aber Polyneikes’ Schwester Antigone ignoriert das Verbot … Der Antigone-Mythos zählt zu den bekanntesten Stoffen des antiken Griechenland, Sophokles’ gleichnamige Tragödie wird bis heute viel gespielt. Jean Anouilh schuf 1942 eine moderne Fassung, die in Koblenz als Puppentheater aufgeführt wird – als Puppentheater, in der das antike Theben eine Insel voller bunter Plüschtiere ist. Ein Interview mit Regisseurin Karin Herrmann und Dramaturgin Julia Schinke.

Antigone

Seit ich die Bühne das erste Mal gesehen habe, geht mir der Text des Tocotronic-Songs „Neue Zonen“ nicht mehr aus dem Kopf: „Wir haben weiche Ziele / Wir sind Plüschophile“.
Karin Herrmann: Oh! Das ist schön!

Plüsch ist tatsächlich was Schönes. Wenn man ein Kind beobachtet, das sich schlafend an ein Stofftier kuschelt, wirkt das sehr geborgen. Die „weichen Ziele“ aber tragen auch ein Moment der Gefahr in sich.
Herrmann: Erwachsene haben Dank der Horrorfilme auch andere Assoziationen zu Plüschtieren. Ganz ähnlich ist es mit Spieluhren. Wenn Spieluhren langsam nebeneinander laufen, dann entsteht etwas Bedrohliches. Sehr viele der Tiere auf unserer Bühne wurden gespendet, und da findet man die absurdesten Teile – es gibt Kuscheltiere, die auf einmal Geräusche machen oder laut loslachen: Wir haben jodelnde Bären, wiehernde Pferde, Sachen, die komische „Doing! Doing!“-Geräusche machen.

Gleich in der ersten Szene gibt es diese Bedrohung. Der Chor ist da eine wogende Plüschmasse, die einen zu verschlingen droht.
Herrmann: Das ist so eine Disney-Landschaft. Menschen reden ganz lieblich mit Tieren, alles ist bunt und plötzlich kippt das und ist ein Stephen King. Und es gibt diese Frage: Wieso möchte eine Person aus so einer plüschigen Landschaft ausbrechen? Hinsichtlich des politischen Geschehens in Deutschland stelle ich mir generell die Fragen: Was dulden wir und wie lange noch? Wieviel Bedrohung muss kommen, damit unsereins aktiv handelt? Wieviel Unmut muss es geben, um einen Weg so radikal einzuschlagen wie Antigone?

Antigone

In politischer Hinsicht muss man natürlich sagen: Die besseren Argumente hat Kreon. Antigone handelt eher affektgeladen.
Herrmann: Kreon hat auf jeden Fall Argumente, die man auch versteht. Aber das Schwarz-Weiß-Ding funktioniert einfach nicht immer. Wir müssen das Klima retten, und dass Kinder, Jugendliche, Viele auf die Straße gehen – das ist super und wichtig. Jedoch ist es ein Weg dahin. Es ist natürlich frustrierend, wenn man merkt, dass die Wege nicht bestritten werden wollen. Dann wird man wütend, und dann kann ich auch verstehen, dass gewisse Leute zu einer Radikalität greifen.

Bei Sophokles ist Antigone eigentlich die sympathische Figur, während Jean Annouilh das Ganze minimal verschiebt, so dass man plötzlich denkt: Antigone klammert sich an ein eigenartiges religiöses Pathos, während Kreon sagt, dass er wenigstens versuchen würde, etwas besser zu machen und ohnehin nicht anders könne.
Julia Schinke: Ich glaube, in der heutigen Zeit ist Kreon in seinem Pragmatismus vielen sogar näher. Aber gerade deshalb ist dieser Konflikt besonders interessant, weil klar ist: „Diese Argumente sind schlüssig, aber du musst Opfer bringen. Zum Beispiel, die Leiche des Polyneikes verrotten zu lassen.“ Und für Antigone ist das ein Opfer, bei dem sie sagt: Damit kann ich nicht mehr leben! Diese unterschiedliche Auffassung, was nicht mehr zu ertragen ist, was man nicht mehr opfern will und kann, das finde ich spannend. Auch ich denke tendenziell pragmatisch, aber dann frage ich mich, wieviel man eigentlich tolerieren will.

Antigone

Aber warum erträgt Antigone das nicht?
Schinke: Vielleicht hat das mit Moral oder Gewissen zu tun …
Herrmann: … oder auch mit Stolz und Sturheit? Ich meine, die ist ja noch verdammt jung. Sie argumentiert auch nicht richtig, sie sagt immer nur „Ich habe Nein gesagt, das ist mein Standpunkt!“ Das hat was sehr Bockiges. Auf der anderen Seite wünsche auch ich mir manchmal, im Alltag nicht immer nach Kompromissen zu suchen, sondern sich wie ein Kleinkind hinzuschmeißen und alle Viere von sich zu strecken. Insofern ist mir die Antigone sehr nah und lieb. Das ist eine Figur, die man beschützen möchte.

Kreon macht das. Er versucht sogar, sie vor der Bestrafung zu beschützen.
Herrmann: Aber indem er heftige Mittel anwendet. Dass er den eigenen Neffen verrotten lässt, um mit dem Gestank seine Macht zu etablieren, dass er Angst im Volk schürt – das ist alles andere als sympathisch. Und gegenüber Antigone etabliert er ein Frauen- und Familienbild, das abgeschafft gehört. Also, ein Sympath ist er nicht, trotz seiner Argumente.
Schinke: Er spielt ja auch alle Trümpfe. Ich denke da manchmal an ein Pokerspiel, wo er immer noch eine Karte mehr drauflegt. Von den politischen Argumenten geht er direkt über zu einer privaten Familiengeschichte und versucht so, Antigone persönlich und privat zu verletzen. Um am Ende doch seinen Willen durchzusetzen. Der will nicht Recht durchsetzen, sondern das, was ihm gut tut.

Naja, „ihm“. Er will das durchsetzen, von dem er glaubt, dass es der Gesellschaft gut täte. Er stellt sich vollkommen in den Dienst einer höheren Sache.
Schinke: Das ist ja bei vielen Diktatoren so, dass die sagen: „Schaut, wie gut es meinem Volk geht! Alle sind glücklich, wenn ich alles regle und keiner was gegen mich sagt!“

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Anja Merfeld