Eine ehemalige Getreidemühle mit Kesselhaus und Speichern vor den Toren der Stadt. Leere Lagerhallen und verwaiste Umschlagplätze unter blauem Himmel, dazu ein Opernchor, eine fünfköpfige Band, Schauspieler und ein Regieteam: Auf einem verlassenen Industriegelände in Lahnstein dreht Regisseur Markus Dietze heute einen Teil seines „Maria“-Films. Genauer gesagt: ein Musikvideo, das in seiner Inszenierung dieses Schauspiels eine wichtige Rolle spielen wird. Wir waren am Set zu Besuch.

Außendreh in Lahnstein

This is why events unnerve me,
They find it all, a different story,
Notice whom for wheels are turning,
Turn again and turn towards this time,
All she ask’s the strength to hold me,
Then again the same old story,
World will travel, oh so quickly,
Travel first and lean towards this time.

Ceremony“, Ian Curtis

Es ist zehn Uhr morgens, alle Mitwirkenden sind bereits – wie es das Corona-Hygienekonzept des Theaters verlangt – geschminkt und im Kostüm am Set erschienen. Einige stehen blinzelnd in der hellen Vormittagssonne, andere haben sich in den Schatten einer Lagerhalle zurückgezogen.

Knapp 60 Menschen warten darauf, dass ihr Arbeitstag beginnt, ein paar von ihnen haben sich Klapp- und Campingstühle mitgebracht. Nicht dumm, denn im Laufe des Tages wird, wie immer beim Film, das Warten einen Großteil der Zeit ausmachen.

Die beiden Kameramänner David Finn und Thiemo Hehl proben die erste Einstellung, Regisseur Markus Dietze dirigiert währenddessen die Mitglieder des Opernchors auf ihre Plätze. „Bitte locker auf dem Platz verteilen“, ruft er durch sein Megaphon – wobei alle, die im echten Leben ein Paar sind, eng beieinander stehen dürfen. Alle anderen müssen die zurzeit vorgeschriebenen eineinhalb Meter Abstand halten. „Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an diese Regel gewöhnt hat“, erzählt Dietze, coronabedingt mit Mund-Nasen-Bedeckung, sonnenbedingt mit Baseballcap. „Und wie gut sie zu einem Stück passt, in dem es um Einsamkeit geht.“

Was er hier eigentlich macht? Ein Musikvideo drehen, das Teil seiner „Maria“-Inszenierung sein wird. Das Schauspiel des britischen Dramatikers Simon Stephens hätte im Mai Premiere im Großen Haus gehabt. Das jedoch war aufgrund der Unterbrechung des Vorstellungsbetriebs nicht möglich. So wird „Maria“ demnächst als Film im Internet gestreamt (alle Infos dazu am Ende des Texts). Aber alternative Lösungen müssen ja nicht schlechter sein. Manchmal sind sie einfach nur anders.

Oh, I’ll break them down, no mercy shown,
Heaven knows, it’s got to be this time,
Watching her, these things she said,
The times she cried,
Too frail to wake this time.

„Ceremony“, Ian Curtis

Unter einem steinernen Vordach haben sich unterdessen auch die Musiker aufgebaut, mit dem Schauspieler Ian McMillan am Mikrophon. Ihr Job wird es sein, heute immer wieder den Song „Ceremony“ der britischen Post-Punk-Band Joy Division – gegründet 1976, aufgelöst 1980 – zu spielen. Er klingt durchaus melodiös, aber eher schwermütig und depressiv als hart und wild; dreimal soll er in „Maria“ zu hören sein, so verlangt es der Dramatiker. Frappant: wie ähnlich Ian McMillan seinem Namensvetter Ian Curtis sieht, dem einstigen Sänger der Band.

Doch Simon Stephens hat in seinem Stück noch eine weitere Idee verarbeitet: Er hat die Dialoge in einem der insgesamt drei Akte durch die Fibonacci-Folge rhythmisiert. Also jene unendliche Reihe, bei der die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen die unmittelbar danach folgende ergibt: 0-1-1-2-3-5-8-13-21-34 usw. Eine mathematische Formel, die überall in der Natur zu finden ist – im Wachstum von Kaninchenpopulationen wie in der Anordnung von Sonnenblumenkernen – und deren Umsetzung als vollendet harmonisch gilt.

Was jedoch bedeutet diese intellektuelle Spielerei konkret für besagten Akt? Der Regisseur erklärt’s: „Also: In der erste Szene gibt es eine Replik. In der zweiten Szene ebenfalls. In der dritten Szene dann zwei, in der vierten drei, in der fünften fünf.“ Und so weiter. Ein Zahlenspiel, das Dietze inspiriert hat, auch die neun Szenen des Musikvideos nach diesem Prinzip zu strukturieren: anwachsend von einer 1-Personen-Szene bis zu einer abschließenden 34-Personen-Szene.

Avenues all lined with trees,
Picture me and then you start watching,
Watching forever, forever,
Watching love grow, forever,
Letting me know, forever.

„Ceremony“, Ian Curtis

Der Dreh beginnt. Und da ein Film nicht chronologisch gedreht werden muss, kann sich der Regisseur als erstes der Schlussszene widmen: 29 Personen, darunter der gesamte Opernchor des Theaters, stehen auf einem verrosteten Luftschacht und swingen vor der 5-köpfigen Joy-Division-Coverband. Immer wieder fährt die Kamera durch die 34 Menschen hindurch und an ihnen vorbei. 90 Minuten dauert die Aufnahme für wahrscheinlich 30 Sekunden Film. Dann dürfen die Chormitglieder zurück in die Stadt, ihr eher ungewöhnlicher Job ist für heute getan.

In einer leeren Lagerhalle folgt nun die 13-Personen-Szene. Es treten auf: die fünf Männer der Band plus acht Schauspieler. Dann, in einer weiteren Halle, die 5-Personen-Szene: die Band. Inzwischen spielen die Musiker den Song seit drei pausenlosen Stunden. Denn natürlich sind immer wieder neue Takes erforderlich: Mal steht jemand woanders als zuvor, mal blendet die Sonne, mal ist ein Crewmitglied im Bild.

Im Team und beim Regisseur machen sich allmählich Ermüdungserscheinungen breit – die ersten singen und summen bereits unbewusst mit –, und in den langen Ausleuchtungs- und Drehpausen werden, halb im Scherz, halb im Ernst, stetig zusätzliche Requisiten erwogen. So findet sich in der Ecke einer Lagerhalle ein halbkaputter, leerer Eimer. Seine Aufschrift: „Spezialmineralfutter der Extraklasse für Hochleistungskühe“. Einbauen? Hm. Ja, danke, total interessant, nickt der Regisseur. Aber vielleicht doch: eher nicht.

Claudia Felke während des Außendrehs in Lahnstein

Mittlerweile ist es früher Abend geworden, die vorletzte Einstellung steht an: die 1-Personen-Szene mit der Oma der Hauptfigur, gespielt von Claudia Felke. Dafür zieht die Crew in einen surrealen Kellerraum um, in dem unter der Decke lediglich ein verrostetes Förderband verläuft – und in dem ansonsten nur noch pfundschwere Spinnweben, eine schmutzige Schubkarre und ein blauer Campingstuhl zu finden sind.

So verstaubt, wie er anmutet, wurde er vermutlich in den 90er-Jahren dort zurückgelassen. Die Requisite schrubbt, reinigt und desinfiziert, dann darf Claudia Felke Platz nehmen. 19 Sekunden müssen nun gedreht werden. Sagen muss sie nichts, nur in ein Sandwich beißen. Drei hat ihr die Requisite mitgebracht – und alle drei kommen tatsächlich nach und nach zum Einsatz.

Nach zehn Stunden in Lahnstein ist pünktlich zum Sonnenuntergang endlich auch die letzte Szene im Kasten. Es ist vorbei, die Crew packt zusammen. Am Ende werden ungefähr vier Sendeminuten entstanden sein. Es war ein guter Tag.

Nahaufnahmen vom Maria-Dreh in Lahnstein

„Maria“ angucken
Der Film wird erstmals am 20. Juni 2020 ab 20 Uhr auf stream.theater-koblenz.de gezeigt. Abonnenten haben durch ihr Abonnement auf Wunsch einmalig freien Zugriff. Für alle anderen sind für das Streaming ab 22. Juni Tickets zum Preis von 9 Euro über unsere Homepage erhältlich.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld


Einen weiteren Text über die Entstehung der Koblenzer Inszenierung von „Maria“ finden Sie hier.