Irina Golovatskaia als Königin in Der Schwanensee

Der Weg des Helden Siegfried zum Erwachsenwerden ist schwer. Diesen spannenden Prozess spiegelt der Koblenzer Ballettdirektor Steffen Fuchs in Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Ballett „Schwanensee”. Doch der Klassiker mit den märchenhaften Motiven hat für Fuchs eine tiefere Bedeutung. In seiner Choreografie am Theater Koblenz kämpft ein junger Mann um die Liebe. Für den Part der Königin hat er die Solistin Irina Golovatskaia ausgewählt. Es ist ihre letzte Rolle auf der Bühne. Dennoch bleibt die 40-Jährige dem Koblenzer Ballett erhalten. Ab dieser Spielzeit ist sie hauptberuflich als Assistentin des Ballettdirektors tätig. Berufsbegleitend studiert sie an der renommierten Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden Tanzpädagogik.

„Ich freue mich auf diese neue Herausforderung”, schwärmt die gebürtige Georgierin. Besonders glücklich ist die Künstlerin darüber, dass sie in diesem Beruf ihre langjährige Erfahrung an junge Tänzerinnen und Tänzer weitergeben darf. „Ich habe das Gefühl, dass sich mein Tänzerdasein immer stärker mit meiner Stimme als Lehrerin verbindet.” Deshalb sei es nun Zeit für den nächsten Schritt. Dass sie nun sogar an der Hochschule weiter lernen darf, das findet sie einfach schön. Seit diesem Semester belegt die angehende Ballettmeisterin den Masterstudiengang in Tanzpädagogik. Sie selbst tanzt schon seit der frühen Kindheit Ballett. Ihre Ausbildung begann sie in ihrer Heimat Georgien. Als 19-Jährige schloss sie diese an der berühmten Académie Princesse Grace in Monaco ab. Dass sie am Theater Koblenz ein Vierspartenhaus gefunden hat, „das meine künstlerische Entwicklung immer gefördert hat“, freut die Teamspielerin sehr.

Irina Golovatskaia

Dass sie nun wieder studieren darf, ist für die Mutter dreier Kinder eine wunderbare Chance. Sie habe es kaum für möglich gehalten, unter zahlreichen hoch begabten Bewerber*innen einer der 16 begehrten Studienplätze an der Hochschule in Dresden zu ergattern. An der Palucca Hochschule für Tanz hat auch Ballettchef Fuchs studiert. Irina Golovatskaias Tochter, die am Landesmusikgymnasium in Montabaur das Abitur gemacht hat, wird an einer Musikhochschule studieren. In der aufregenden Bewerbungsphase haben sich Mutter und Tochter gegenseitig bestärkt. „Da haben wir beide ungeduldig auf die Post gewartet”, sagt die Mutter lachend. Dass die zwei nun parallel ein künstlerisches Studium beginnen, macht sie stolz. Und auch die Geschwister fieberten mit.

Nun freut sich Irina Golovatskaia zunächst auf die Premiere von „Der Schwanensee”. Was reizt sie an der Rolle der Königin? „Ich sehe eine spannende Mutter-Sohn-Beziehung zwischen den beiden”, findet die Tänzerin, die sich intensiv mit der Rolle beschäftigt hat. Die Königin steht nach den Worten des Choreografen Steffen Fuchs für die alten Normen, für die Konventionen, die der junge Siegfried mit der Liebe zu Odette überwinden will. „Die Auseinandersetzung mit der Königin zwingt Siegfried, sich seiner Stärke und seiner wirklichen Aufgabe bewusst zu werden.” Die Schwanenprinzessin steht unter dem Bann des Zauberers Rotbart. Im Morgengrauen verwandelt sie sich in einen weißen Schwan, nur nachts darf sie Mensch sein. Ihre Leidenschaft hilft Siegfried, sich selbst und die Liebe zu erkennen. Dieser Geist des Aufbruchs in ein neues Leben macht den Reiz von Tschaikowskis oft aufgeführtem Klassiker aus.

Diese Liebesgeschichte in Zeiten von Corona mit den Mitteln des Tanzes zu erzählen, das ist für Ballettchef Steffen Fuchs die große Herausforderung. „Tanz lebt von der Reibung zwischen Nähe und Distanz”, bringt der Choreograf seine Philosophie auf den Punkt. Das ist derzeit wegen der Abstandsregeln nicht möglich. „Ein Pas de Deux wird es allerdings geben”, verrät Fuchs, „denn Paare, die privat zusammen leben, dürfen auch auf der Bühne gemeinsam tanzen.” Ihn reizen die psychologischen Tiefenschichten in dem Klassiker des Balletts.

Sofort nach der Einstellung des Proben- und Vorstellungsbetriebs am Theater Koblenz im März haben Steffen Fuchs und der Koblenzer Intendant Markus Dietze an einem Konzept gearbeitet, wie sich in allen Sparten nicht nur digitale Aufführungsformate realisieren lassen – auch die Proben sollten weitergehen. Zwar habe das mit Zoom-Workshops geklappt, findet Steffen Fuchs. Aber gerade der Tanz lebe von der Körperlichkeit. 

Das spürt auch Irina Golovatskaia: „Mir hat die Energie gefehlt, die  zwischen dem Publikum und den Tänzerinnen und Tänzern entsteht.” Deshalb tut die Assistentin alles, um die Proben am Theater Koblenz unter deutlich erschwerten Bedingungen möglich zu machen. Die Ballettcompagnie probt in zwei Schichten. Dazwischen ist eine Stunde Pause, da wird der Ballettsaal gründlich gereinigt. In ihrer Doppelrolle als Assistentin und Tänzerin ist die 40-jährige derzeit immer wieder in beiden Schichten dabei. „Es ist eine wunderbare Chance, dass ich mich mit dieser Rolle vom Publikum verabschieden darf”, schwärmt die Künstlerin. Eigentlich sollte die Lady Macbeth ihre letzte Rolle in Koblenz sein. Zehn Tage vor der Premiere aber kam der Shutdown. Zwar wird die Choreografie von Steffen Fuchs, der sein besonderes Gespür für literarische Ballette in vielen seiner Arbeiten bewies, in der nächsten Spielzeit mit der Auftragskomposition von Calo de Azevedo nachgeholt. Irina Golovatskaia setzt mit der Königin im „Schwanensee” aber bewusst einen Schlusspunkt ihrer langen Tanzkarriere. Die neue berufliche Perspektive ist auch für sie ein Aufbruch in ein neues Leben. Den genießt sie in vollen Zügen: „Ich möchte mich ganz auf die Arbeit mit dem Ensemble und auf das Studium konzentrieren.”    

Text: Elisabeth Maier
Fotos: Matthias Baus