Dirigent Daniel Spogis und Ballettchef Steffen Fuchs über den Reiz von Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ in heutiger Zeit.

Die lustige Witwe

„Die lustige Witwe“ von Franz Lehár aus dem Jahr 1905 ist noch heute eine der meistgespielten Operetten. Dennoch haftet dem Libretto von Victor Léon und Leo Stein etwas Nostalgisches an. Im Mittelpunkt der Handlung steht die reiche Witwe Hanna. Einst war sie ein Mädel vom Land. Ihre Liebe zum Grafen Danilo scheiterte an Standesgrenzen. Nach Jahren treffen sich die zwei nun wieder. Wie lässt sich dieser Stoff denn heute aktuell lesen?
Steffen Fuchs: Ich liebe „Die lustige Witwe“! In meiner Tanzkarriere habe ich wenig Berührung mit Operetten gehabt. Diese Partitur und dieses Libretto sind einfach fantastisch. Zum einen ist die Musik cool. Die Geschichte ist spannend und aktuell. Es geht ja um ein ganz aktuelles Thema: Wie werden Frauen in der Gesellschaft gesehen? Und wie ändert sich die Sicht auf Frauen, wenn sie Geld haben? Wie sieht man Frauen, wenn sie an der Macht sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist da ein gutes Beispiel. Viele urteilen, dass sie „schon ein bisschen burschikos“ sei, seit sie regiert. Dann ist ja die spannende Frage, wie man damit umgeht – auch als Mann. Plötzlich sind die Grundfesten des Patriarchats gefährdet, weil eine Frau an der Macht steht. Dass sich in dieser Operette alles in einem Happy End auflöst, ist den Konventionen der Zeit geschuldet. Am Ende fragt sich das Publikum: Wo ist denn die starke Frau geblieben, die wir da erlebt haben?
Daniel Spogis: Trotz all der romantischen Melodien und all der Mitsumm-Musik hat die Partitur Biss. Es greift zu kurz, wenn man sie auf die bekannten Schlager reduziert. In den Proben mit dem Orchester merke ich, dass sich der Reiz der Partitur erst in der Instrumentierung entfaltet, die fantastisch ist. Natürlich kann man die Melodien auf dem Klavier nachspielen, aber erst mit den Orchesterfarben entfalten sie ihren vollen Reiz. Deshalb ist „Die lustige Witwe“ bis heute auf so vielen Spielplänen zu finden.

Die lustige Witwe

Tanzszenen sind in „Die lustige Witwe“ einige zu sehen, aber eine klassische Tanzoperette ist sie nicht. Was macht Lehárs Werk denn aus choreografischer Sicht so reizvoll?
Steffen Fuchs: „Die lustige Witwe“ ist keine Tanzoperette im eigentlichen Sinn. Es gibt keine Balletteinlagen, keine Vortänze oder keine Dance Breaks. Da gibt es die Grisetten, bei denen Danilo Zerstreuung sucht. Die besetzt Regisseur Ansgar Weigner mit Tänzerinnen; man könnte sie auch mit einem Chor besetzen. Auch die Pontevedrinische Party, die Hanna ausrichtet, wird getanzt. Im Gegensatz zur Vorarbeit in meinem eigenen Ballett habe ich hier das Privileg, dass der Komponist Franz Lehár und der Regisseur Ansgar Weigner bereits die Richtung vorgeben. Nun ist der Komponist ja schon seit 1948 tot. Aber wir haben mit unserem zweiten Kapellmeister Daniel Spogis einen wunderbaren Anwalt, der darauf achtet, dass am Ende alles nach Lehár klingt.
Daniel Spogis (lacht): Wir haben noch gar nicht über Tempi gesprochen…
Steffen Fuchs (lacht): Da gibt die Musik ganz klar vor, was passieren muss. Diesen Prämissen folgt der Tanz.

Musikalisch ist „Die lustige Witwe“ ja gerade deshalb so anspruchsvoll, weil die Operette so oft gespielt wird. Ist es denn da nötig, die Partitur stellenweise zu aktualisieren?
Daniel Spogis: Es ist ja ein Stück, das mit ganz vielen Traditionen besetzt ist. Gerade diese Traditionen sind aber bei keinem anderen Genre so wichtig wie bei der Operette. Das Fantastische ist, dass es bei dieser Operette ein paar Tondokumente gibt, die gleich nach der Uraufführung im Jahr 1905 mit den Sängern der Uraufführung entstanden sind. Das heißt, dass wir die Partitur Franz Lehárs sehr schön dem gegenüberstellen können, was dann tatsächlich an den Bühnen der damaligen Zeit musiziert wurde. Es ist haarsträubend, wie weit das auseinandergeht. Es war alles andere als eine notengetreue Wiedergabe, wie sie heute zum Beispiel bei Beethovens oder Mozarts Werken meist angestrebt wird. Ich glaube, das würde bei der „lustigen Witwe“ auch etwas danebengreifen. Von Anfang an wurde diese Operette mit einer großen Freiheit interpretiert. Diesen Spielraum, bisweilen zu experimentieren, nehme ich mir auch, und lasse mich gerne von den Sängern, von der Inszenierung und von den Orchestermusikern inspirieren, von denen viele die „Die lustige Witwe“ schon in anderen Produktionen gespielt haben.

Kann man mit den guten, alten Operetten denn auch ein junges Publikum begeistern?
Steffen Fuchs: Wenn man es nicht Operette nennt – unbedingt ja! Deshalb sind ja auch die Musicals so erfolgreich. Die kommen natürlich aus der amerikanischen Tradition, aus dem Vaudeville. Wenn man eine Operette findet, die uns heute noch was zu sagen hat, dann bin ich überzeugt, dass man junges Publikum dafür begeistern kann. Da denke ich an die „Aida“ von Tim Rice und Elton John.
Daniel Spogis: Die prägenden Häuser für die Operette wie die Komische Oper Berlin oder die Volksoper Wien probieren ja sehr radikale Ansätze aus. Sie orchestrieren Stücke um, bringen andere Tempi und andere Rhythmen rein. Darüber kann man diskutieren. Ich finde es sehr spannend, was da aus den Werken entsteht. Operndirektor Rüdiger Schillig, Regisseur Ansgar Weigner und ich haben lange an der Koblenzer Fassung der „Lustigen Witwe“ gearbeitet – auch bei uns wird es immerhin ein paar kleine Einlagen geben, die es so in diesem Stück noch nicht gegeben hat und die neue Zwischentöne in den Abend bringen.

Interview: Elisabeth Maier
Figurinen und Bühnenbildmodell: Kristopher Kempf
Fotos: Anja Merfeld