Eins unterscheidet seine Choreografie deutlich von anderen Tanzstücken in Koblenz: die Lautstärke. Mit sieben Stepptänzern ist die Sebastian Weber Dance Company bereits zum zweiten Mal zu Gast. Nachdem sich „Cowboys“ um Populismus drehte, geht es nun erneut um politische Fragen. Doch mit „Folk Fiction“ wendet sich das Ensemble, das am 19. Dezember Premiere feiert, aus einem besonderen Grund von dystopischen Szenarien ab.

Was liegt eigentlich unter der Probebühne 1? Diese Frage schießt einem unfreiwillig durch den Kopf, wenn Sebastian Webers Tänzer ganz in ihrem Element sind. Mit ihren Stepptanzschuhen bringen sie den Raum zum Beben. Füllen ihn mit Lautstärke, Energie, Rhythmus und einer Kraft, der man sich kaum entziehen kann. Ganz anders fühlt sich Tanztheater bei diesem Probenbesuch an. Sind es meist die leisen und zerbrechlichen Elemente, die im Tanz berühren, ist es bei Choreograf Sebastian Weber eine entfesselte Urgewalt.

Mit „Folk Fiction“ zeigt das preisgekrönte Ensemble nach „Cowboys“ sein zweites Stück in Koblenz. Erst im Oktober hat Sebastian Weber für „Cowboys“ den sächsischen Tanzpreis gewonnen. Die Bundesförderung „Doppelpass“ macht die Kooperation zwischen dem Theater Koblenz und Leipziger Lofft-Theater möglich. In „Folk Fiction“ werden nun auf der Probebühne 4 erneut große Gesellschaftsfragen gestellt: Welche gemeinsamen Werte stiften kollektive Identität, wie halten Gruppen zusammen, in welchem Spannungsverhältnis stehen Individuum und Kollektiv in politisch unruhigen Zeiten? Sebastian Weber erklärt genauer, was hinter der Idee steckt.

(Foto: Jörg Singer)

Herr Weber, in „Folk Fiction“ beschäftigen Sie sich mit kollektiver Identität. Wie lässt sich dieser recht sperrige Begriff auf Ihr Ensemble herunterbrechen?
Erstmal haben wir selbst eine kollektive Identität: also eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Wurzeln, die Leidenschaft für den Stepptanz. Wir schmieden Pläne und haben ähnliche Vorstellungen davon, was gut und was schlecht ist – das sind alles Zutaten von kollektiver Identität. Gleichzeitig sind wir ein sehr bunter Haufen: aus sieben Ländern mit ganz unterschiedlichen kulturellen Prägungen. Wir spüren mit unserem Stück aber auch der Frage nach, welche Art von kollektiver Identität wir für eine Gesellschaft gut finden. Die klassischen Begriffe von Nationen oder „Völkern“ sind für uns eher abschreckend. Welche Ideen könnten wir dem entgegensetzen? Und welche Kompetenzen bräuchten wir selbst dafür?

Hinter kollektiver Identität stehen große soziologische und kulturwissenschaftliche Identitätskonzepte. „Folk Fiction“ erinnert mal an Initiationsriten oder Stammesrituale, mal an fast ikonografische Standbilder der gegenwärtigen Selfie-Kultur. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich habe eine tolle Radiosendung mit der Soziologin Heike Delitz gehört und war sofort angefixt von ihrer These, dass kollektive Identitäten immer erfunden sind! „Kontrafaktisch“ nennt sie das, also nicht auf Tatsachen beruhend, sondern auf Ideen, Gefühlen, Geschichten … irgendwie Hirngespinste, aber trotzdem enorm wirkungsmächtig – gerade heute, wo es so viele Rattenfänger gibt, die denken, sie müssten das „wahre“ Volk schützen. Mit diesen Ideen haben Rechtspopulisten plötzlich die halbe Welt gekapert. Ich dachte sofort, wir erfinden jetzt mal unsere eigene kollektive Identität!

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass es stets eine gewisse Diskrepanz zwischen dem intellektuellen Thema gibt, das sich Ihre Company vornimmt, und dem eigentlichen Tanz. Was meinen Sie damit?
Wir sind einerseits Stepptänzer, andererseits engagierte Menschen. Wir wollen auf der Bühne etwas machen, das uns auch „im echten Leben“ bewegt. Zum Beispiel der Frage nach dem Verlust oder der Sehnsucht nach einer verbindenden Identität nachgehen. Allein durch Reden und Analysieren werden wir dazu aber kein umfängliches Wissen generieren. Es gibt das Wissen des Körpers, der Emotionen, der Intuitionen, sehr komplexe Formen von Wissen – und die erreichen wir in Worten schlecht. Dafür ist der Tanz da. Insofern erlebe ich das nicht so sehr als Diskrepanz, sondern eher als eine Art Yin und Yang.

(Foto: Jörg Singer)

In einer Recherchewoche hat sich die Company dem Komplex theoretisch genähert. Viel wurde dabei aus den eigenen Biografien geholt. Welche Termine in einem Jahr können folkloristische Elemente entfalten (etwa Singen an Weihnachten), welche Menschen haben die Tänzer inspiriert – nur zwei Aspekte, die Sebastian Weber als Beispiele anführt. Er selbst sagt, Tanz sei wie eine Ausgrabung. Als Choreograf lege er frei, was ohnehin unter der Oberfläche schlummere. „Choreografieren ist für mich häufig das rechtzeitige Hinschauen. Den spannenden Moment muss ich dann nur noch packen.“

Der Stepptanz spielt dabei die entscheidende Rolle. Er steht in der Tradition des Jazz. Laut Weber geht es beim Steppen, um die Fähigkeit zur Improvisation, darum, spontan in einen Groove einzusteigen und den Sound einer Band mit dem eigenen Körper zu ergänzen. Aber wie sieht das konkret in „Folk Fiction“ aus?

(Foto: Jörg Singer)

Herr Weber, Sie entwerfen auf der Bühne eine fiktive Folklore – da gibt es Szenen, die an Volkstanz erinnern, dann wiederum Motive aus der Tierwelt. Können Sie Genaueres zu den so unterschiedlichen Bildern sagen?
Damit möchte ich mich zurückhalten. „Folk Fiction“ soll kein Bilderrätsel werden. Ich persönlich fühle mich am wohlsten, wenn der Tanz widersprüchliche oder vieldeutige Erfahrungen zusammenbringt. In „Folk Fiction“ gibt es zum Beispiel eine Szene, die wir „Punta“ nennen. In der Heimat einer unserer Tänzerinnen wird die Punta zu Beerdigungen getanzt. Die Bewegungen ahmen aber den Balztanz von Vögeln am Strand nach. Ein Paarungstanz! Auf einmal kommen also ganz viele Zutaten zusammen: das Ritual des Todes, die Lebensfreude des Flirtens, die Sinnlichkeit der Paare am Strand, die grotesken Bilder der balzenden Vögel. Im Tanz können wir dieser Vieldeutigkeit nachgehen und irgendwie unsere „Wahrheit“ finden. Aber es gibt keine einzelne „richtige“ Art, das zu lesen.

Auch das Miteinander von Individuum und Kollektiv wird thematisiert. Und das sieht meist sehr harmonisch aus. Höchstens zeitweilig scheren einige aus der Form, dann fügt sich alles wieder friedlich zusammen. Inwiefern ist „Folk Fiction“ eine Utopie eines Miteianders?
Zusammensein kann berauschen! Das Individuum kann sich ein Stück weit in der Gruppe auflösen. Das kennen wir ja alle. In einer Szene peitschen wir uns gemeinsam zur Musik an. Das putscht auf. Allerdings haben wir die Sequenzen polymetrisch angelegt. Das heißt, die Tänzer orientieren sich an unterschiedlichen Taktarten. Dadurch verschiebt sich alles und führt später wieder zusammen. Das ist vielleicht genau der Punkt: Das Nebeneinander einzelner Geschwindigkeiten oder Weltanschauungen schließt ein gemeinsames Ganzes nicht aus. „Folk Fiction“ ist auch der Blick voraus auf eine hybride Gesellschaft, die respektvoll miteinander lebt. Das setzt voraus, dass das Individuum den Verlust von Eindeutigkeit nicht als Bedrohung empfindet, sondern als Bereicherung. Ist aber nicht so einfach erreicht wie gesagt.

Im Gegensatz zu Ihrem letzten Bühnenstück „Cowboys“ verzichten Sie diesmal auf Livemusik. Welche Gründe hat das und wie beeinflusst es den Stepptanz?
Musik ist für uns enorm wichtig, weil ja der Stepptanz selbst Musik ist, aber der Einsatz von Livemusik ist in der Aufführungspraxis extrem viel aufwendiger! In „Folk Fiction“ hätte uns das überfordert, und wir haben uns stattdessen auf den Tanz konzentriert. Allerdings wird die Musik trotzdem für das Stück maßgeschneidert. Wir benutzen viele Aufnahmen, die für uns persönliche Bedeutung haben, zum Beispiel peruanische Musik, die wir bei einer Gastspielreise aufgenommen haben oder Stücke von befreundeten Kollegen aus Benin. Auch diese Klänge sind Teil unserer hybriden Identität.

Folk Fiction (Foto: Jörg Singer)

Inzwischen hat die Sebastian Weber Dance Company vier Stücke im Repertoire. Zwei davon sind in im Rahmen des Doppelpass-Projekts in Kooperation mit dem Theater Koblenz entstanden. Ziel ist es künftig, diese Stücke möglichst oft an verschiedenen Bühnen zu spielen. Die Förderung ermöglicht laut Weber noch Gastspiele im kommenden Jahr. Danach muss sich sein freies Off-Ensemble eine neue Perspektive suchen.

Text: Melanie Schröder
Fotos: Jörg Singer