Ein Italiener für die italienische Oper: Der Venezianer Marco Comin dirigiert die anstehende Neuinszenierung der Oper „Lucia di Lammermoor“ am Theater Koblenz. Am Samstag, 10. Oktober, ist Premiere. Wir wollten ihn genauer kennenlernen und haben uns mit ihm auf einen Kaffee getroffen.

Foto: Dominik Ketz

Ein sonniger Samstagvormittag, Schäfchenwolken ziehen über den blauen Himmel, es weht ein leichter Wind, entspannte Menschen flanieren durch die Altstadt – Koblenz versprüht an diesem Tag italienisches Flair. Und was macht man zu dieser Stunde in Italien? Genau. Einen caffè trinken, sì, naturalmente. Am Görresplatz erwischen wir den letzten freien Tisch. „Was wollen Sie wissen?“, fragt Marco Comin, Dirigent aus Venedig, und nimmt seine Sonnenbrille ab. Nunja, alles über ihn und die Neuproduktion „Lucia di Lammermoor“, bei der er erstmals am Koblenzer Pult stehen wird.

Da wir uns gerade so italienisch fühlen, beginnen wir mit und in Venedig. Seiner Heimatstadt, in der er nach fast 20 Jahren in Deutschland nun wieder lebt. In die der 43-Jährige mit seiner Frau – die übrigens aus Koblenz stammt – und den beiden Kindern zurückgezogen ist, als sein Engagement als Chefdirigent am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz 2017 endete. Kleine Nachfrage: Er meint wirklich Venedig? La Serenissima? Und nicht den auf dem Festland davor liegenden Stadtteil Mestre? Oder ein Dorf im Umland? Er nickt.

Was für ein Geschenk.

Die Kinder, sechs und vier Jahre alt, wachsen zweisprachig auf. Sie sprechen italienisch mit dem Vater, deutsch mit der Mutter. Eigentlich. „Aber meine Frau spricht fließend italienisch, fast akzentfrei, und im Alltag vergisst sie diesen Vorsatz auch schon mal.“ Der Grund für den Umzug in die Lagunenstadt? „Wenn ich als freier Dirigent ohnehin an wechselnden Orten arbeite, ist es doch egal, ob ich aus München einfliege oder aus Venedig.“

Marco Comin während der Generalprobe für die Kostprobe
Marco Comin während der Generalprobe für die Kostprobe am 18. September

Die klassische Musik habe er einst dank der Schallplattensammlung des Vaters entdeckt, das gemeinsame Gitarrenspiel kam hinzu. „Meine Familie hat immer Musik gemacht. Wir haben Musik geliebt, meine Mutter hat ständig Platten gehört. Noch als meine Eltern klein waren, hat man in Italien viel auf der Straße gesungen. Nicht nur Schlager, auch Opern. Die Oper war für alle Italiener ein gemeinsames Kulturgut. Ich bin mit ihr aufgewachsen.“

Andere Kinder wollten Fußballer werden – Marco Comin Musiker. Freunde der Familie rieten dazu, als Basis dafür erst einmal das Klavierspiel zu lernen. Was auch geschah. Und, parallel zum Gymnasium, in ein Klavier- und Kompositionsstudium am heimischen Konservatorium mündete. Nach dem Diplom zog er 1999 nach Berlin, studierte an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Orchesterdirigieren, arbeitete währenddessen als Korrepetitor für Julia Varadys Gesangsklasse – und saugte fasziniert alles auf, was er hörte. „Die Chance bekommen zu haben, eine lebende Legende bei der Arbeit mit Sängern zu erleben, war für einen angehenden Dirigenten pures Gold.“

2005, nach  Abschluss des Studiums, wurde er als Zweiter Kapellmeister ans Deutsche Nationaltheater Weimar engagiert, 2008 wurde er Erster Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel, bis er 2012 nach München wechselte. Ein gradliniger Weg. Und die nun aktuelle Selbstständigkeit habe sich gut entwickelt: Heute arbeitet er frei in Stuttgart, Budapest, Graz, Essen und Bremen – und nun auch, erstmals, in Koblenz.

Die Solist*innen von Lucia di Lammermoor
Die Solist*innen von “Lucia di Lammermoor” unter der Leitung von Marco Comin während der Generalprobe für die Kostprobe

„Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti, eine Oper aus dem Jahr 1835 nach einem Roman des Dichters Walter Scott. Was ist das, kurz gesagt, eigentlich für eine Geschichte? „Oh, das ist sogar recht leicht zu erklären: Das ist so etwas wie ‚Romeo und Julia’ auf Schottisch – auch wenn das jetzt eine eher oberflächliche Beschreibung ist.“ Aber auch in „Lucia“ müssen zwei junge Menschen unter der Feindseligkeit ihrer Familien leiden. Und letztlich daran sterben.

Eine typische Story einer Belcanto-Oper also. Ein Werk des 19. Jahrhunderts, mit dem für diese Gattung üblichen tragischen Schluss. „Im 18. Jahrhundert hätte so eine Geschichte noch ein Happy End gehabt. Im 19. hingegen hatte man keine Bedenken mehr, auch die dunklen Seiten zu zeigen.“ Was das Aktuelle an diesem Werk ist? „Lucia di Lammermoor“ zeige uns den Druck, unter dem eine junge Frau steht, erwidert Comin. Wozu es führt, sich gesellschaftlichen Konventionen unterordnen zu müssen. Die dramatischen Konsequenzen, die das haben kann.

Bringt aber nicht der Belcanto – was ja wörtlich übersetzt „Schöner Gesang“ heißt – eine enorme Künstlichkeit mit sich? Selbst im Wahnsinn, der Lucia ergreift, singt sie ja noch Kadenzen, Ornamente und Spitzentöne in höchster Perfektion. „Das stimmt“, sagt Comin. Aber was man verstehen müsse: Der Belcanto sei nun einmal das musikalische Ausdrucksmittel, das zu Donizettis Zeit zur Verfügung gestanden habe.

Durch ihn werde eine ganze Palette von Gefühlen ausgedrückt. „Der Belcanto ist eine Kunstform. Der dann nachfolgende Verismo zeigt realistische Beschreibungen. Gleichwohl erleben wir bereits in Belcanto-Opern Menschen wie wir. Es müssen keine Vorbilder mehr sein, von denen wir lernen sollen. Sie zeigen uns die Welt, wie sie ist, auch mit all ihren dunklen und schrecklichen Seiten.“

Nun ist es ja nicht so, dass die Menschen nördlich der Alpen Rossini, Bellini und Donizetti nicht lieben. Im Gegenteil. Aber: „Um den Belcanto auch in seiner Tiefe begreifen zu können, muss man vielleicht auch mal eine Weile in Italien gewesen sein.“ Und das dort bis heute allgegenwärtige Nebeneinander von Künstlichkeit und Natürlichkeit, Schönheit und Hässlichkeit, Liebe und Tod einmal hautnah gespürt haben.

Marco Comin und Regisseur Elmar Goerden im Großen Haus

Marco Comin ist ein belesener Mensch, philosophisch wie musikhistorisch umfassend gebildet. Leichtfüßig springt er durch die Musikgeschichte, beginnt bei den Barockopern, die er ja auch dirigiert, stoppt kurz bei Aribert Reimanns „Melusine“, die er einst in Weimar erarbeitete, und endet beim Modern Jazz. Da liegt die Frage nahe, ob er trotzdem besondere Vorlieben hat. Ob es Lieblingskomponisten oder Lieblingswerke gibt.

Er antwortet diplomatisch: „Ich finde in jeder Epoche etwas, das mich fasziniert.“ Wobei seine größten Helden, das gesteht er auf Nachfrage dann doch ein – abgesehen von Mozart, Händel und Bach –, tatsächlich einige Komponisten des 19. Jahrhunderts sind. Brahms, Beethoven, Verdi („ein Wunder“) und Schubert („für mich der Thelonius Monk seiner Zeit: Mit zwei Noten und einem Akkord beschreibt er eine ganze Welt“).

Und im Opernbereich – gibt es da offene Wünsche? In der Tat. „Ich würde sehr gerne einmal ‚Fidelio’ dirigieren. Und ‚Samson et Dalila’. Und ‚Porgy and Bess’. Dass Opernhäuser allerdings für dieses Repertoire nicht unbedingt auf die Idee kommen, einen Italiener zu fragen – das kann ich sogar verstehen.“ Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Marco Comin ist noch lange nicht am Ende seiner Karriere angekommen.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld