Das Schauspiel „Maria“ des britischen Dramatikers Simon Stephens erzählt von einer 18-Jährigen, die versucht, einen Platz im Leben zu finden. Suchend irrt sie durch ihre Stadt, schwanger ist sie zudem. Ihre Herberge, in der sie gebären wird – das örtliche Krankenhaus –, hat sie allerdings bereits ausgemacht. Einerseits ist das Stück also eine Art modernes Mysterienspiel: Maria ohne Josef. Andererseits aber auch unglaublich tagesaktuell, weil es wie für unsere Corona-Zeit geschrieben zu sein scheint. Denn fast jeder Mensch in „Maria“ sucht Nähe und Kontakt – doch alles, was er bekommt, sind Abstand und Distanz. Da passt es gut, dass ohnehin mit ausgefeiltem Hygienekonzept und Mund-Nasen-Bedeckung geprobt werden muss. Die Wirklichkeit hat die Fiktion überholt – das ist das erste, was beim Probenbesuch deutlich wird.

Maria Dreh – Foto: Matthias Baus

RIA Darf ich in die Badewanne?
OMA Eher nicht, Liebes, nein.
RIA Was ist mit duschen?
OMA Nein.
RIA Wie oft wird die Vagina untersucht?
OMA Die ganze Zeit.
RIA Wirklich?
OMA Ja, das tun sie gern.

‚Ich frage, also bin ich’ – das scheint Marias Motto zu sein. Sie offenbart sich ohne Punkt und Komma. Reden als Selbstvergewisserung? Als Mittel gegen die Angst? Gegen die Einsamkeit? Die innere Leere? Vielleicht ist es ein bisschen von allem. In diesem Augenblick beschäftigt die 18-Jährige, was im Kreißsaal mit ihr passieren wird, denn sie ist im sechsten Monat schwanger. Ihre Mutter ist tot, vor zwei Jahren wurde sie von einem Lastwagen überfahren, ihr Bruder ist verschwunden, und wer der Kindsvater ist, weiß sie auch nicht. Sie hat nur noch ihre Oma. Esther Hilsemer spielt diese Maria mit verhaltenen Worten, reduzierten Gesten und intensiven Blicken aus großen, braunen Augen. Unmöglich, sich ihr zu entziehen.

„Maria“, dieses Schauspiel des britischen Dramatikers Simon Stephens, uraufgeführt erst 2019, erzählt von der oft scheiternden Suche nach Kontakt in unserer heutigen Welt. Die Hauptfigur will echte, spürbare Nähe – und kann sie gleichwohl nirgends finden. Maria ist einsam. Alles, was sie erfährt, sind Distanz und Kälte. Selbst die Oma hält ihre Enkelin auf Abstand – nicht nur innerlich. Weshalb das Stück auf merkwürdige Art und Weise geradezu perfekt in unsere Corona-Zeit zu passen scheint. „Ja, das stimmt“, bestätigt Regisseur Markus Dietze. „Aber geplant war das nicht.“

Doch das war so vieles andere ja auch nicht. Etwa, dass die „Maria“-Premiere im Großen Haus, vorgesehen für den 16. Mai, wegen der Unterbrechung des Vorstellungsbetriebs abgesagt werden musste. Und dass nun statt einer Theaterinszenierung ein Film entsteht. Ein abendfüllender gleichwohl, nicht nur ein kurzer Clip. Voraussichtlich zweieinhalb Stunden wird er dauern und seine virtuelle Premiere am 20. Juni auf dem neu geschaffenen, hauseigenen Streaming-Portal feiern (alle Infos dazu am Ende des Texts).

Eine spektakuläre Lösung, auf die das Theater Koblenz da gekommen ist? Der Regisseur winkt ab. „Da Film ohnehin ein wichtiges Medium in meiner Inszenierung gewesen wäre – Thiemo Hehl, der jetzt die Bildregie macht, war ohnehin als Videokünstler mit an Bord –, war der Weg, sie filmisch fürs Internet umzusetzen, gar nicht so weit.“

Maria Dreh – Foto: Matthias Baus

RIA Ist es furchtbar, Sex zu haben, nachdem man ein Baby gekriegt hat?
OMA Ja, Liebes, schon.
RIA Wirklich?
OMA Grauenhaft.
RIA Ich mache mir Sorgen, dass ich eine schreckliche Mutter werde.
OMA Die Sorge haben wir alle.
RIA Willst du mit mir hingehen?
OMA Wohin?
RIA Ins Krankenhaus, wenn ich mein Baby kriege.
OMA Nein danke.

Claudia Felke ist die Oma. Die Akustik im Großen Haus kennt sie seit Jahrzehnten. Dass die erfahrene Theaterschauspielerin nun für den Film agieren muss, ist auch für sie erst einmal ungewohnt. Denn der verlangt ein anderes Spiel. Die Geste muss nicht mehr bis in den zweiten Rang zu sehen sein – es reicht, wenn sie von den Kameras eingefangen wird.

„Bitte den ersten Teil der Szene“, sagt der Regisseur nun. „Achtung, wir drehen!“ Esther Hilsemer spricht ihre Fragen hyperrealistisch verwischt und leise. Eine Pause entsteht, dann schüttelt Claudia Felke, vier Meter weiter, ratlos den Kopf. „Wäre ich jetzt dran gewesen? Es tut mir leid, aber ich höre nichts.“ Also noch einmal. Den richtigen Ton – und die passende Lautstärke – müssen die beiden Schauspielerinnen erst noch finden. Wie im ZDF-Montagskino soll es trotzdem nicht wirken. „Es soll immer noch deutlich sein, dass wir ein Theaterstück vor uns haben“, erklärt Markus Dietze. Allerdings nicht einfach nur abgefilmt in der Totalen. „Das fände ich weder sinnvoll noch notwendig.“ Ein bisschen Ehrgeiz, etwas ästhetisch Eigenes und Unverwechselbares zu schaffen, darf schon sein.

Sein langjähriger Bühnenbildner Bodo Demelius hat ihm mehrere weiße, halboffene Räume entworfen, die alle ein bisschen wirken wie die Londoner Tate Modern. Ein modernes Kunstmuseum als Metapher für Marias Welt: Beide sind kalt und fast leer – und dennoch angefüllt von den Artefakten unserer Kultur und Zivilisation. Erdacht und konzipiert wurde all das lange vor der Pandemie. Doch da in dieser Koblenzer Tate nun ein Film gedreht wird, sieht es auf der Bühne auch ziemlich anders aus als sonst: Zwei übermannsgroße HMI-Scheinwerfer stehen im Bühnenbild, überall liegen Stative, Stangen, schwarze Tücher, Lichtreflektoren und Objektive.

Maria Dreh – Foto: Matthias Baus

RIA Du wirst immer kleiner, Oma. Je älter du wirst.
OMA Ich weiß.
RIA Am Ende verschwindest du noch.
OMA Ich weiß.
RIA Wär doch ein guter Tod, finde ich. So klein werden, dass man verschwindet.
OMA Ja.
RIA Besser als von einem Lastwagen überfahren werden.
OMA Auf jeden Fall.

Markus Dietze merkt, dass in einem der Museumsräume ein wesentliches Requisit fehlt: ein Kunstobjekt. Das Foto eines Lastwagens wäre gut. Gesagt, geordert. Bei der nächsten Probe dieser Szene, ein paar Tage später, hängt es bereits an der Wand. Dafür gibt’s aber nun leider ein Problem mit dem Licht. Ein Scheinwerfer hängt zu tief und wäre im Bild zu sehen. Nach der Korrektur hängt er höher, aber nun ist Esther Hilsemers Gesicht ein wenig zu dunkel ausgeleuchtet. Die Regieassistentin bringt den weißen Lichtreflektor. Nun könnte es gehen. Aber erst probieren. Okay. Von links halten? Ja, aber ein bisschen schräger, bitte. Ach, oder besser, vielleicht doch nur von halblinks und eher so halbmittig. Oh, und vielleicht doch etwas weniger schräg, bitte.

Die Minuten verfließen. Beim Theater-Regisseur Dietze ist mittlerweile eine leichte Ungeduld zu spüren: „So. Danke. Jetzt passt es. Jetzt müssen wir nur noch das Bühnenbild zurückbauen, die Drehbühne zurückfahren und dann können wir ja vielleicht sogar drehen.“ Aber: zu früh gefreut. Da beide Schauspielerinnen in den Pausen ihre Mund-Nasen-Bedeckung getragen haben, hat sich ihr Make-up aufgelöst. Beide müssen nachgeschminkt werden. Als das erledigt ist, stellt sich heraus, dass Esther Hilsemers Mikrophon eine Tonstörung hat. Es rauscht, wenn sie sich bewegt. Also muss sie neu verkabelt werden. Kein Problem, aber das dauert eben nochmal zehn Minuten.

Als der erste Take im Kasten ist, folgt der zweite. Danach sagt der Kameramann: „Was war das eigentlich am Ende für ein weißer Fleck?“ Also folgt der dritte. Danach sagt die Regieassistentin: „Die Skulpturen standen falsch herum.“ Nach dem vierten sagt die Souffleuse: „Im Text habt ihr einen kleinen Sprung gemacht – es fehlen zwei Sätze.“ Im fünften hält Esther Hilsemer ihre Getränkedose in der falschen Hand. Der sechste – oder war’s der siebte? – ist dann zu gebrauchen. Nach über vier Stunden heißt es endlich: „Danke, wir haben’s. Der Drehtag ist beendet.“ Auch wenn es sich nicht so anfühlt: Es war ein ebenso erfolgreicher wie effizienter Tag. In nur acht Stunden hat das Team immerhin acht Filmminuten geschafft.

Maria Dreh – Foto: Matthias Baus

„Maria“ angucken
Der Film wird erstmals am 20. Juni 2020 ab 20 Uhr auf stream.theater-koblenz.de gezeigt. Abonnenten haben durch ihr Abonnement auf Wunsch einmalig freien Zugriff. Für alle anderen sind ab 11. Juni Tickets für das Streaming ab 22. Juni zum Preis von 9 Euro über unsere Homepage erhältlich.

Text: Margot Weber
Fotos: Matthias Baus