Das Ballett geht ins Netz: Die letzte Spartenpremiere ist „Nicht mit dir und nicht ohne dich“, eine 15-teilige Choreografie zu Bachs Goldberg-Variationen, die ab 28. Juni auf stream.theater-koblenz.de zu sehen sein wird. Ein Experiment. Ballettdirektor Steffen Fuchs ist gespannt, immerhin: „Reglementierungen, Verknappungen und Verengungen heben den kreativen Geist ungemein.“

Falk Schreiber: „Nicht mit dir und nicht ohne dich“ ist angekündigt als „Veranstaltung fürs Internet“. Was habe ich mir im Tanz da vorzustellen?
Steffen Fuchs: Tanz. Es ist ein Tanzstück, aber von Anfang an nicht für ein analoges Medium konzipiert. Die 15 Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie haben die Möglichkeit, sich nach einer doch recht langen Zeit der Bühnenabstinenz vorzustellen. Und sie werden von der Kamera auf eine Weise gefordert, wie man sie so im Theater noch nicht kennt.

Kein Zuschauer wird im Theatersaal sitzen?
Nein. Es gibt ja im Moment auch gar keine Stühle im Saal. Aber es ist auch nicht geplant, da irgendwie eine analoge Version zu machen. Um es auf den Punkt zu bringen: Das ist kein Mitschnitt einer Vorstellung, sondern es ist wirklich für das digitale Format konzipiert und wird auch so gefilmt. Exklusiv.

Fotos – Matthias Baus

Das Stück besteht aus 15 Soli. Soll man die sich alle nacheinander anschauen, oder haben die auch einzeln ihren Wert?
Das ist nicht wie der Tanz des Tages oder das Lied des Tages, wo man was zwischendurch konsumieren kann. Auch wenn die Soli sich nicht aufeinander beziehen, auch wenn sie nicht in einem Stück aufgenommen werden, ist die Idee, das als ganzes Stück durchzuschauen.

Immerhin wird ein Bezug durch die Musik hergestellt.
Genau. Johann Sebastian Bach, die Goldberg-Variationen, aber nur 15 davon, nicht alle 30. Gespielt von der Harfenistin Stephanie Zimmer.

Nicht mit dir und nicht ohne dich – Matthias Baus

Warum mit Harfe statt wie üblich mit Klavier?
Unser Studienleiter Karsten Huschke hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass Stephanie Zimmer von “unserem” Staatsorchester Rheinischen Philharmonie die Goldberg-Variationen gerade für sich auf der Harfe einstudiert, und das fanden wir eine irre Idee! Und Stephanie war auch gleich Feuer und Flamme. Das ist ein sehr unterhaltsames Miteinander.

Zurück zum Tanz. Für jede Variation wird eine Tänzerin, ein Tänzer ein Solo tanzen. Kontakt zwischen den Tänzern zueinander gibt es nicht?
(macht ein Gottseibeiuns-Zeichen) Nein!

Beim Hamburg Ballett zum Beispiel werden auch Duette geprobt. Zwischen Tänzerpaaren, die ohnehin zusammenleben.
Das war bei uns auch mal eine Idee. Aber dann haben wir gesagt: Lass uns doch die Möglichkeiten des One to One nutzen. Es gibt nur einen Tanzenden, es gibt nur einen Choreografen, und die arbeiten zusammen, nicht im Ballettsaal, sondern auf der spiegellosen Probebühne 3. Und wirklich alle sollen die Möglichkeit haben, einzeln ihr Gesicht zu zeigen. Ohne Duette, lass uns konsequent bleiben.

Wie fühlt sich ein Tänzer, der seit einem Vierteljahr nicht mehr mit jemand anders tanzen kann? Ist da nicht eine riesige Sehnsucht, endlich wieder den Austausch mit dem Ensemble zu spüren?
Ich sehe die Tänzer ja im Training, und ich sehe die alle auf den Proben. Aber natürlich muss man sich fragen, was dieses Nicht-als-Gruppe-Agieren ob auf Dauer mit einer Gruppe macht. Wir haben bis zum letzten Tag, bis zum Probenstopp, an „Macbeth“ gearbeitet, die letzte Probe war eine Gruppenprobe – und da müssen wir halt ein bisschen von den Erinnerungen zehren. Ich bin aber gespannt, was passiert, wenn wir mit der nächsten Spielzeit beginnen. Ein paar Tänzer sind dann nicht mehr da, neue kommen dazu. Die kommen dann nicht in diese Gruppe sondern in Grüppchen. Mal sehen.

Das heißt: Nächste Spielzeit wird gespielt.
Davon gehen wir aus. Wir müssen die Konzepte nochmal überdenken, für den Fall, dass die Abstandsregeln für die Darstellenden weiterhin bestehen. Wir werden ja „Schwanensee“ machen, aber in dieser traditionellen Geschichtenvariante, mit mindestens einem Pas de deux in jedem Akt und großen Ensembleszenen wird das mit Abstandsregeln natürlich nicht möglich sein. Aber wie heißt es immer so schön? Reglementierungen, Verknappungen und Verengungen heben den kreativen Geist ungemein.

Nicht mit dir und nicht ohne dich – Matthias Baus

Vorige Woche meinte aber eine Kollegin zu Recht, dass es keine Kunst gebe, bei der Berührung im physischen Sinne so wichtig sei wie beim Tanz. Geht da gerade was verloren?
Das hängt ein bisschen davon ab, wie lange das dauern wird. Im Moment glaube ich nicht, dass viel verloren geht: Sobald die Bedrohung vorbei ist, werden sich die Choreografen auch wieder auf Berührungen besinnen. Es gibt ja auch das sogenannte Gala-Programm – Tänzchen in kleinen Gruppen, nacheinander, kaum Überschneidungen, Gruppengefühl vielleicht mal durch Simultanduette, wenn die Bühne groß genug ist. Aber ich denke, dass sich das schnell totläuft. Weil die Interaktion ja durch die Berührung passiert und nicht, weil da eine Darstellerin ist, die sich die Seele aus dem Leib tanzt, und unten sitzt das Publikum und schaut zu. Keine Frage, man kann das mit Emotionen füllen, eine Weile ist es auch spannend. Aber ich würde nicht drei oder vier Jahre lang ausschließlich solche Arten von Abenden sehen wollen.

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Matthias Baus