Wilhelm Jacoby und Carl Laufs schrieben 1890 das Lustspiel „Pension Schöller“ als beißende Satire auf das Spießbürgertum im Kaiserreich. In Koblenz wird das Stück in die Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts verlegt – und erweist sich so als nicht weniger scharf. Ein Kantinengespräch mit Regisseur Christian Schlüter, Dramaturgin Juliane Wulfgramm und Bühnenmusiker Ralf Schurbohm.

Pension Schöller – Theater Koblenz

Sie haben „Pension Schöller“ in die Fünfzigerjahre verlegt. Wir alle hier am Tisch sind noch nicht so alt, dass wir sagen würden: Die Fünfziger, das müssen wir unbedingt verarbeiten! Warum also diese Zeitverschiebung?
Christian Schlüter: Das Ganze direkt ins Heute zu übertragen, hätte mir zwar auch Spaß gemacht, aber irgendwie geht das nicht mehr. Einige Situationen würden heute gar nicht mehr funktionieren – zum Beispiel der Major von Mühlen, der ist traumatisiert durch das Kriegsende. Bei uns in den Fünfzigern ist seine Bezugsfigur nicht der Kaiser, sondern der Führer, auch wenn er das Wort nicht ausspricht. Mitte, Ende der Fünfziger, die beginnenden Sechziger, das ist die Zeit vor der berühmt-berüchtigten Achtundsechziger-Revolution, sowohl der politischen als auch der sexuellen. Bestimmte Rollenbilder und Klischees sind noch existent, und der Krieg ist noch nicht so lange her. Die Fernsehserie „Mad Men“ hat auch nicht Werber von heute porträtiert, sondern Werber aus den Sechzigern – um so bestimmte Sachen von heute nochmal anders zu erzählen.
Juliane Wulfgramm: Die Fünfzigerjahre sind eine Sehnsuchtszeit. Sehnsucht nach Frieden, Sehnsucht nach Wohlstand – und auch eine Sehnsucht nach der Fremde. In „Pension Schöller“ hat eigentlich jeder so eine Sehnsucht, nach Abenteuern, nach Reisen, nach einem Mann, nach Essen, nach einem tollen Stoff für einen Roman, nach Vergnügen …
Schlüter: … nach der Vergangenheit!
Wulfgramm: Und gleichzeitig spürt man in den Fünfzigern noch die Grenzen, die einen einengen, auch finanziell. Und die Spießigkeit der Epoche.
Schlüter: Ich finde das Kleinbürgerliche an dem Genre Komödie ganz toll. Teile meiner Verwandtschaft kommen aus einem sehr kleinbürgerlichen Kontext, ich kenne die Verdrängung, den Chauvinismus, die sexuellen Repressionen, wie alles verlacht wird. Ich bin mit Willy Millowitsch und dem Ohnsorg-Theater aufgewachsen. Und wenn wir da eine Art Turbo-Ohnsorg machen könnten, dann würde mich das freuen.

Pension Schöller – Theater Koblenz

Eigentlich gibt es in „Pension Schöller“ nur zwei Kleinbürger – Klapproth und seine Schwester. Die anderen sind Exzentriker. Aber im Grunde hat selbst Klapproth eine exzentrische Ader …
Wulfgramm: Aber seine Exzentrik ist eher so ein kleiner Urlaub vom Alltag. Die Pension Schöller ist ein Ort, der Exzentriker anzieht, die Leute da leben das. Aber für Klapproth ist das nur ein kleines Ausbrechen.
Schlüter: Klapproth hat eine Art Angstlust. Das findet man bei Kindern, das findet man aber auch auf der Hamburger Reeperbahn, in diesen seltsamen Tingeltangel-Varietéschuppen: Da kommen die Leute aus der Nordheide angereist und drehen durch! Und die Varietékünstler gehen dann auch mit dieser Angstlust um! Es ist frivol, es ist anzüglich, es ist richtiggehend sexistisch – aber da sollte man nicht die Nase drüber rümpfen! Es macht viel mehr Spaß, das künstlerisch zu kreativem Potenzial umzumünzen.
Ralf Schurbohm: Ich komme ja aus Quickborn in Schleswig-Holstein. Als Jugendlicher war ich natürlich häufig in Hamburg, und das war dann aufregend. Aber im Anschluss war es auch immer wieder schön, nach Hause aufs Land zurückzufahren. Und Klapproth sagt das über Berlin: Gerne mal hinfahren.

Das berührt eines der aktuell wichtigsten politischen Problemfelder: den Gegensatz zwischen urbanem und ländlichen Raum. Klapproth sagt an einer Stelle: „Berlin, da leben Verbrecher und Verrückte!“ Den gleichen Satz hört man von Pegida.
Schlüter: Ja. Das geht gegen die sogenannten Eliten. Gegen Kritik und Intellektualität. Dabei haben sich ja zum Beispiel im Theater die sogenannten Metropolästhetiken auch außerhalb der Zentren durchgesetzt. Aber es gibt auch die Sehnsucht nach dem Ungebrochenen. Viele Erwachsene gehen ins Weihnachtsmärchen, und wenn man die fragt, warum, sagen sie: „Das ist einfach schönes Theater!“ Das ist romantisch, da ist Musik dabei. Das ist aber legitim. Ich kenne das von mir im Kino: Ich gehe total ungern in Kunstfilme, aber Entertainment liebe ich!
Schurbohm: Das deckt sich mit meiner Erfahrung als Schauspielmusiker: Wenn in Stücken gesungen wird, dann finden das die Leute meistens gut. Wir versuchen aber in unserer „Pension Schöller“, den musikalischen Zeitgeist der Fünfziger und beginnenden Sechziger möglichst organisch mit dem Schauspiel zu verzahnen. Und wir wollen nicht nur Gassenhauer einbauen, „Zwei kleine Italiener“ oder so, Titel, die jeder kennt, sondern die Zuschauer mitnehmen auf eine kleine musikalische Entdeckungsreise. Dabei soll eine stilistisch möglichst große Bandbreite abgedeckt werden, auch unter teilweiser Verwendung nicht so geläufiger Titel.

Pension Schöller – Theater Koblenz

Im bösen, gefährlichen Berlin wurde „Pension Schöller“ in den Neunzigern mal inszeniert: von Frank Castorf, gekoppelt mit Heiner Müllers „Die Schlacht“.
Schlüter: Die Dekonstruktion, tja … Es gibt Leute, die können das ganz toll. Das sind aber gar nicht mal so viele. Frank Castorf jedenfalls kann das. Aber ich habe auch einfach Bock auf Genres. Vielleicht hatte auch Castorf damals Lust auf so ein kleinbürgerliches Genre, aber weil er gschamig war, musste er es wertig aufpfropfen mit Heiner Müller. Könnte man böse sagen.

Aber ist die Verschiebung des Stoffes in die Fünfzigerjahre nicht auch eine Dekonstruktion?
Schlüter: An einer Stelle hört man kurz ein patriotisches Lied, im Hintergrund ist ein Bild vom Rhein zu sehen, mit einer Burg … Koblenz und der Mittelrhein, das ist ja auch eine sehr deutsche Region! Das ist geschichtlich in vielfacher Hinsicht total aufgeladen. Wenn man das sehen will, sieht man es in unserer Inszenierung, aber wir wollen dem Publikum damit nicht auf den Schoß springen. Wenn man da rein boulevardesk ran geht, dann ist das ganz okay und lustig. Aber wenn man an die Brüche und Nöte der Figuren kommt, wenn man die ernst nimmt, dann ist das wie ein Energiezugewinn.

Interview: Falk Schreiber
Fotos: Anja Merfeld