Dass Marianne Bachmeier den Mörder ihrer Tochter Anna erschoss, ist drei Jahrzehnte her. Es war der bislang aufsehenerregendste Fall von Selbstjustiz in Deutschland und beherrschte monatelang die Schlagzeilen. Die Berliner Autorin Sarah Amanda Dulgeris, damals sechs Jahre alt und heute selber Mutter, hat sich von diesem Fall zu einem Schauspiel inspirieren lassen. Benannt hat sie es nach der Tatwaffe: „beretta kaliber 22“. Die Uraufführung ihres Werks hatten wir für dieses Frühjahr im Theater geplant. Pandemiebedingt können wir es aber nun leider nicht vor einem Live-Publikum spielen. Deshalb haben wir beschlossen, es zu verfilmen.

Ensemble von Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten während der Dreharbeiten zu beretta kaliber

Entstanden ist es im Rahmen unseres Projekts „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ – ein Abend, für den Dulgeris und neun ihrer Kommiliton*innen Auftragswerke für das Theater Koblenz geschrieben haben. Sie alle studieren an der Berliner Universität der Künste (UdK) im renommierten Studiengang „Szenisches Schreiben“ unter der Leitung des Autors und Dramaturgen John von Düffel.

In den insgesamt neun Stücken, die wir bekommen haben – ein Werk ist das Teamwork zweier Studierender –, geht es immer um die Lüge. Deshalb aber eben auch um die Wahrheit. Die Autor*innen schauen auf Geschwisterbeziehungen und toxische Familienkonflikte, auf schreckliche Ereignisse mit tödlichem Ausgang, aber auch auf solche, die wie beiläufig zur Sprache kommen. Oder, wie Dulgeris’ Kollegin Rosa Rieck in „Hausmusik“, auf eine psychotische Mutter-Sohn-Beziehung. Assoziationen an den kleinen Konrad – den Jungen mit den abgeschnittenen Daumen – aus Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ sind dabei durchaus erwünscht.

Als uns klar war, dass aus diesem Projekt kein Theaterabend werden würde, sondern ein Film, haben wir uns entschieden, die neun Uraufführungen jeweils als Doppelpack zu zeigen, also als fünfteilige Serie. Jeder Teil wird von einem eigenen Programmheft begleitet. Als Einführung und zum kostenlosen Download gibt es hier das Heft des ersten Teils. Neugierig geworden? Die Verfilmungen finden Sie ab Sonntag, 2. Mai, hier.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten – Hausmusik

Text: Margot Weber
Foto: Arek Głębocki