„Romeo und Julia“ 2021/22 im Theater Koblenz: Wie hat es dieses „unsternbedrohte“ Liebespaar nur geschafft, den Spielplan so raumgreifend zu erobern? Im Sommer auf der Festung Ehrenbreitstein starb die Liebe von Tony und Maria auf dem harten Asphalt der New Yorker West Side. Gegen die Straßenkämpfe zwischen den verfeindeten Jets und Sharks hatte sie keine Chance auf eine gemeinsame Zukunft. „There’s a place for us…“ – die Liebenden konnten keinen Ort finden, an dem sie hätten glücklich werden können. Ihnen geht es damit so wie ihren Rollenvorbildern: Romeo und Julia. 

Ganz anders in „VRona“, dem spartenübergreifenden, interaktiven Experiment auf der Probebühne 4. Angeleitet durch eine Rahmenhandlung, die von zwei Puppenspielerinnen szenisch gestaltet wird, haben die Zuschauenden mithilfe von VR-Brillen und Controllern die Möglichkeit, den Ausgang der Liebesgeschichte mitzubestimmen: Trinkt Julia das vom Pater Lorenzo überreichte Gift, oder hat er ihr einfachen Hustensaft untergeschoben, um ihr junges Leben zu retten? Diese und andere Entscheidungshilfen leistet das Publikum. Der Ausgang ist daher für jede Vorstellung nicht vorhersehbar. Das Theater Koblenz hat für „VRona“ eine Kooperation mit dem Studiengang Digitale Medien und Computervisualistik der Universität Koblenz vereinbart. Da prallen Welten aufeinander: Programmierende Studierende und animierende Spielende – dazu ein auf Jugendstücke spezialisierter Autor, ein experimentierfreudiger Intendant, eine begeisterte Theaterpädagogin und jede Menge neugierige Kolleg*innen und mittlerweile viele Zuschauer*innen aus den Schulen aber auch aus dem Publikum klassischer Theaterabende. Wer weiß, wohin die damit begonnene Reise führen wird. 

Der Jugendclub Enthusiasten entwickelt einen eigenen Theaterabend unter dem Titel „Ich bin verletzt“. Hier soll unter anderem die Bedingungslosigkeit untersucht werden, mit der Romeo und Julia sich in ihre Liebe stürzen, die gerade einmal vier Begegnungen für sie bereithält vorm bitteren Ende. Aber auch die Unversöhnlichkeit der Familien Capulet und Montague wird hinterfragt: Was kann so schlimm sein, dass der Hass von Generation zu Generation vererbt wird, ohne dass dieser Wahnsinn beendet werden kann, indem endlich mal jemand fragt, warum das denn überhaupt so sein muss? 

Und dann steht „Romeo und Julia“ auf dem Spielplan, die „star-cross’d lovers“ von William Shakespeare, in der deutschen Übersetzung von Erich Fried. Regie führt Carlos Wagner, der zuvor in Koblenz bereits die Oper „Eugen Onegin“ und das Schauspiel „Engel in Amerika“ inszeniert hatte. Wie ist seine Lesart dieser Tragödie, die jeder zu kennen scheint? Was steckt hinter dem berühmten Zitat „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche“? Dazu vier Fragen an die stückbegleitende Dramaturgin Julia Schinke. 

Liebe Julia, eine der ersten Entscheidungen in der konzeptionellen Vorarbeit für eine Inszenierung ist die Frage nach der passenden Übersetzung. Von „Romeo und Julia“ gibt es unzählige Bearbeitungen und Fassungen und es ist bereits eine starke dramaturgische Festlegung, ob man sich beispielsweise mit August Wilhelm Schlegel für einen Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts entscheidet oder einen zeitgenössischen Bearbeiter. In Koblenz wird die Übersetzung von Erich Fried gespielt. Was spricht für diese Wahl?

Shakespeares Werke bergen zahlreiche Hürden für einen Übersetzer – das Versmaß, die z. T. nur im Englischen Sinn ergebenden Metaphern und Bilder und vor allem natürlich die für den Autor typischen Wortspiele. Gerade bei letzteren geht die Übersetzung von Erich Fried mit größter Sorgfalt auf den Inhalt, aber auch auf die Klangeigenschaften der Worte ein. Nach meinem Empfinden ist Frieds Übersetzung folglich besonders nah am Erlebnis „Shakespeare“ dran. Passend zur Inszenierung handelt es sich zudem um eine klassische, dem Versmaß treue und in der Shakespeare-Zeit verankerte Übertragung, die sich trotzdem durch Leichtigkeit und gute Verständlichkeit auszeichnet.  

Steht die Liebe von Romeo und Julia tatsächlich unter einem schlechten Stern, also ist ihr Schicksal unausweichlich? Welche Chancen haben oder hätten sie, ihr Leben und ihre Liebe zu retten?

Tatsächlich befasst sich unsere Interpretation wenig mit der Idee der schicksalhaften Vorbestimmung. Vielmehr geht es um einen gesellschaftlichen Zwang, eine Welt, in der die Reinheit von Romeos und Julias Liebe etwas so Besonderes ist, dass sie am Ende keinen Bestand haben kann. Beide Liebenden treffen ihre Entscheidungen, indem sie auf ihr Bauchgefühl vertrauen und ganz zu sich selbst stehen – das läuft so konträr zu ihrer Umwelt, dass es schief gehen muss. Ein anderer Aspekt ist natürlich, dass nur durch den frühen Tod diese fast wahnhafte Verliebtheit als ewig andauernd konserviert werden kann. Wir erleben nicht, wie sich der anfängliche Rausch der Gefühle im Laufe der Jahre weiterentwickelt. Von außen betrachtet müssen Romeo und Julia folglich sterben – sonst würden wir eine ganz andere Geschichte erzählen.

Vor allem der Blick auf die Frauenrollen ist hervorzuheben. Julia und in gewisser Weise auch ihre Amme erscheinen sehr tatkräftig. Vielleicht sogar im Gegensatz zu den blindwütigen Männern: den Vätern, den jungen Männern Tybalt, Mercutio, Benvolio, Romeo. Selbst der Prinz Escalus führt nur fort, was Generationen vor ihm begonnen haben. Klagen und Draufhauen, das ist die Männerwelt (aus der allerdings Pater Lorenzo ausgenommen werden sollte). Oder ist das ein zu eindimensionales Bild?

Tatsächlich war ich bei meiner erneuten Beschäftigung mit dem Stoff erstaunt, wie eigenständig und modern vor allem Julia mit ihren nicht einmal 14 Jahren ist. Sie ist es, die Romeo die Ehe vorschlägt, sie bittet ihn jenseits jeder verklärten Romantik „schwöre nicht beim unbeständigen Mond“, sondern ganz bei dir selbst. Als Romeo verbannt wird, stellt sie sich dem riskanten Plan von Pater Lorenzo, nimmt den Schlaftrunk und wendet sich für ihre Überzeugung gegen die gesamte sie umgebende Familie und Gesellschaft. Bei der Amme lassen sich ähnliche Situationen ausmachen, z.B. wenn sie die Liebesbotin zwischen Romeo und Julia spielt oder versucht, Julias gewaltsamen Vater aufzuhalten. Im Vergleich dazu erscheinen mir die Männerrollen in der Tat deutlich weniger proaktiv, obwohl sie natürlich handeln. Doch all ihr Tun folgt den etablierten Regeln der Gesellschaft oder der seit Jahren tradierten Blutfehde – Pater Lorenzo einmal ausgenommen. Allein Romeo schafft es – in seinem Zusammensein mit Julia –, diese Muster zu überkommen und über den Tellerrand seines bisherigen Lebens hinauszuschauen.

In den vielen Bearbeitungen – im Theater, im Film, in der Musik – erreichen die Zuschauenden immer den Punkt, dass sie wider besseres Wissen hoffen, dass doch noch alles gut geht. Ist das in der Koblenzer Inszenierung ebenfalls so, oder fallen die Würfel schon viel früher? 

Tatsächlich lebt unsere Inszenierung von einer starken Kontrastbildung. Die ersten beiden Akte sind von enormer Leichtigkeit, Spielfreude und jugendlicher Frische geprägt, sodass man fast vergessen mag, wohin dieses Stück gehen wird. Gleichzeitig schwebt allein durch den Text eine Todesvorahnung über den beiden Liebenden, die sie aber gekonnt ignorieren, statt in ihr zu schwelgen. Die Tragik und das unausweichliche Ende brechen somit für die Figuren wie hoffentlich auch für die Zuschauenden überraschend, dafür umso heftiger in die Erzählung ein. Im Idealfall hofft man nicht nur auf ein glückliches Ende, sondern vergisst für einen Augenblick die bereits bekannte Zukunft und genießt es für einen Moment, mit Romeo und Julia im Jetzt zu leben. 

Die Fragen stellte Juliane Wulfgramm
Fotos: Matthias Baus, Arek Głębocki (VRona)