von Juliane Wulfgramm

Im Theater ticken die Uhren irgendwie anders als draußen im echten Leben. Wichtige Wegmarken sind für uns die Premieren. Die Zeitrechnung ist „vor FAUST“, „nach FREISCHÜTZ“, „vor AMERICAN EXPRESS“, etc., ohne Rücksicht auf Wochentage, Feiertage oder private Anlässe. Steckt man erst mal tief in dieser Zeitrechnung, ist es erfrischend und amüsant, wenigstens virtuell ab und zu einen Ausflug in die Realität zu unternehmen. Ich liebe es, auf der Website „Kleiner Kalender“ vorbeizuschauen. Da sehe ich dann, welchem Gedenken oder Ereignis die einzelnen Kalendertage gewidmet sind. Das kann sehr ernst sein, aber auch heiter, lehrreich oder bisweilen einfach blöd.

Aktuell haben wir unter anderem den Tag des Toilettenpapiers am 26. August und nur einen Tag später den Gedenktag für Todesopfer in Abschiebehaft begangen. Dem Wolkenkratzertag am 3. September folgt der Abfraßtag am 6. September. An diesem wird der heilige Magnus angerufen, der speziell in Füssen gegen den Abfraß durch Ungeziefer angerufen wurde. Es wäre vielleicht den Versuch wert, auch hier am 6. September in unserer Weinbauregion nach dem Aufwachen einmal kurz Magnus zu huldigen, denn die Weinlese steht ja noch bevor …

Dem nachvollziehbar sinnvollen Deutschen Kindertag am 20. September folgt dann eine Woche später ein Tag mit gleich zwei denkwürdigen Anlässen: Der Welttourismustag teilt sich das Datum mit dem Tag des Deutschen Butterbrots. Yummi! Aber wer denkt sich das aus? Die für die Butterbrotherstellung zuständigen Branchen wie Bäcker, Molkereien, Metzgereien und Plastikdosen-mit-Comicfigurenaufdruckherstellungsindustrie? Genau! Urheberin war im Jahre 1999 die Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft.

Kaum ein Tag bleibt unbelegt durch Gedenken. Und – das muss man den Erfindern dieser Kalender lassen – wenn ihnen mal gar nichts einfällt, muss ein Tag deshalb noch lange nicht ereignislos bleiben: Am 27. August zeigt der Kalender den Einfach-so-Tag an, eine Erfindung aus den USA aus dem Jahre 2005 (Just Because Day), an dem man einfach mal etwas Sinnloses tun soll, einfach um des Tuns willen, und deswegen ist gerade dieser Tag fast philosophisch gefärbt. In diese Kategorie fällt im September – in diesem Jahr treffenderweise an einem Freitag, der 13. (!) – der sicherlich auch sehr brauchbare Tag des positiven Denkens, der einen gewissermaßen radikalen (hier natürlich optimistischen) Zweifel der eigenen skeptischen Erkenntnisfähigkeit und vor allem des tief existenzialistisch verankerten Aberglaubens … na ja, ihr wisst ja selbst, was das heißt.

Ich kann nur raten: Schaut gelegentlich beim Kleinen Kalender vorbei, da lernt ihr eine Menge. Wahrscheinlich kommt irgendwann im Laufe des Jahres auch der „Eine-Menge-lernen-Tag“, vielleicht findet ihr ihn ja.

Vergesst aber bitte auch unsere theatereigene Zeitrechnung nicht. Noch sind wir vor FAUST, vor FREISCHÜTZ, vor AMERICAN EXPRESS, aber die Zeit rast, und wir freuen uns darauf, bald viele Premieren mit euch zu feiern. Bis dahin gibt es noch viel Arbeit, daher schlägt jetzt für mich die „Zurück-zur-Probe”-Stunde. Tschüss.