„Schwanensee“ ist ein absoluter Klassiker des Balletts, reich an märchenhaften Motiven. Doch was interessiert dich als Choreograf hinter dieser ersten Assoziation mit dem Thema?

„Schwanensee“ ist der Ballettklassiker schlechthin, das erste Stück, das mit klassischem Ballett verbunden wird: Tanz der kleinen Schwäne, Tutus, Spitzenschuhe. „Schwanensee“ ist aber zunächst die Geschichte Siegfrieds, des jungen Prinzen, der versucht, sich aus den starren höfischen Konventionen zu befreien. Er versucht herauszufinden, wie er eigentlich leben möchte – denn er weiß erst einmal nur, was er nicht will: König werden und damit das Leben fortführen, das seine Mutter ihn gelehrt hat. Wobei, das sollte man nicht komplett unterschlagen, die Mutter auch Gefühle für ihren Sohn hat und nicht nur eindimensional machtfixiert ist. Aber an diesem Königshof gibt es seit Jahrhunderten etablierte und starr fixierte Rituale und Vorgaben, die wenig Platz lassen für ein Individuum. Dieses System stellt Siegfried in Frage und gefährdet es damit natürlich auch. Das ist auch heutzutage nicht ganz fremd: Gerade hat die japanische Prinzessin Mako ihren Titel und alle Privilegien aufgegeben, um einen bürgerlichen Mann heiraten zu dürfen. Die Figur des Siegfried lasse ich von zwei Tänzern darstellen: seine höfisch-zeremonielle, starre und unfreie Seite tanzt Odsuren Dagva, den suchenden, träumenden, melancholischen Heranwachsenden tanzt Arsen Azatyan. Prinz Siegfried als Suchender weiß zunächst nicht konkret, welche alternative Lebensform er sich wünscht. Er fasst seine Haltung zu seiner Herkunft, seinem bisherigen Leben bestimmt nicht als Revolution auf. Das Thema ist eher eine Evolution, denn er möchte eine neue, individuelle Zukunft für sich entwerfen – bis zu dem Moment, als er am Schwanensee auftaucht und Odette erblickt. Sie ist so etwas wie ein seltsames Mischwesen, nachts Mensch, tagsüber Schwan. Er lernt sie in der Nacht, also als junge Frau kennen. Anders als in der traditionellen Choreografie, wo die Tänzerin als Schwan ihre Arme wie Flügel schwingen lässt, ist sie bei uns auch menschlich dargestellt. Odette ist genau wie Siegfried Gefangene eines Systems: Sie wird durch den Zauberer Rotbart in dieser Wechselform festgehalten. Auch wenn dies wie ein goldener Käfig wirkt. Sie kann sich mit ihren Freundinnen umgeben, sie kann sich den Avancen des Zauberers erwehren, ihr geht es nicht schlecht. Sie ist also recht selbstbewusst, hat allerdings den Weg aus ihrem goldenen Käfig noch nicht gefunden. Dann lernt sie diesen jungen Mann kennen, der ein wenig verwirrt scheint, aber auch sehr süß ist. Die aufkeimende Liebe gibt ihr Kraft. Auch als Siegfried sie unwissentlich betrügt und Odile seine Liebe schwört, kann sie ihm vergeben und den Weg mit ihm gemeinsam weitergehen. Odette befreit sich dadurch vom Bann des Zauberers und wird zum Menschen. Das fasziniert mich an dieser Geschichte: Was aus dem ursprünglichen Mutter-Sohn-Konflikt dann in einer märchenhaften Liebesgeschichte hervorgeht –  Selbstfindung, auch zu dem Preis, die Sicherheit seines bisherigen Lebens aufzugeben. 

In deinen Choreografien darf der Humor nie zu kurz kommen. Wie ist es damit beim „Schwanensee“, einem romantischen Märchenstoff? Ist das vereinbar?

Klar ist das vereinbar! Wobei ich in meinen Choreografien nie bewusst nach lustigen Nummern suche, sondern der Humor sich von selbst ergibt. So bin ich halt. Und ich habe die Tänzer*innen, die dabei mitmachen und die Lust darauf haben. Zum Beispiel: die vier kleinen Schwäne. Die Musik dazu ist ein Hit – unglaublich zum Beispiel, sie wurde auch Werbespots für Kühlschränke benutzt. Jedenfalls kann ich mich so einem Mythos nur mit einer gehörigen Portion Humor zuwenden – wissend, dass dies eine der schwersten, anstrengendsten und boshaftesten Choreografien im klassischen Repertoire ist. Also wollte ich, dass die vier Tänzerinnen Spaß daran haben, und so habe ich auch Spaß und alles ist gut. 

Odette und Odile – eine Tänzerin oder zwei? Wie hast du dich entschieden und warum?

Bei uns ist Ami Watanabe die Odile und Kaho Kishinami ist Odette. In der Urversion tanzt eine Ballerina beide Rollen. Mich hat das nie wirklich überzeugt, denn entweder ist sie eine lyrische Tänzerin, die ist dann eher Odette. Oder doch etwas kapriziös, dann ist sie Odile. Ich finde den Verrat an Odette größer, auch das Bild, das Siegfried blind vor Liebe nicht merkt, dass er der falschen Frau seine Liebe schwört, wenn es sich tatsächlich um zwei verschiedene Tänzerinnen handelt. Odile erinnert ihn nur ansatzweise an Odette, und schon fällt er auf sie herein. Auch sein Zustand, zwischen den beiden hin und her gerissen zu sein, lässt sich so sehr deutlich darstellen. Ich denke zudem, dass Odile in unserem Abend mehr Tiefe erhält, wenn sie nicht nur das böse Abziehbild Odettes sein darf. Odile ist für mich eine der faszinierendsten Figuren, die es in der Ballettliteratur gibt. Sie ist schwer zu greifen, ich habe sie in den Proben immer „die Frau mit den tausend Gesichtern“ genannt. Terry Pratchett würde schreiben, sie benutzt Spiegelmagie und verliert sich dabei. Sie geht in meiner Fassung daran zugrunde, dass sie jemand anderes darstellen muss, eine Frau, die sie nicht ist. Odile ist deshalb wirklich eine Chimäre. Und sie wird von ihrem Vater benutzt, ihrer beider Beziehung ist hochkomplex. In der Vorlage wird diese Vater-Tochter-Beziehung überhaupt nicht thematisiert, ich aber wollte sie wenigstens ansatzweise in Analogie setzen zur Mutter-Sohn-Konstellation von Siegfried und der Königin. Letztendlich benutzt Rotbart seine Tochter für eine Intrige und beweist so kein Zeichen von Liebe oder Verantwortung ihr gegenüber. 

Wie kam es zu der Musikauswahl für deinen „Schwanensee“? Du kombinierst die Musik von Tschaikowski aus dem Jahr 1877 mit dem Werk „Amjad“ des zeitgenössischen englischen Komponisten Gavin Bryars, der eher der Minimal Music zugeschrieben wird. „Amjad“ hat er 2007 für den Choreografen Edouard Lock geschrieben. 

Die Musik von Tschaikowski ist etwas sehr Besonderes. Er hat als erster ein sinfonisches Ballett geschrieben, Elemente wie z.B. Leitmotive gab es vorher im klassischen Ballett nicht. Trotzdem gibt es Erzählmomente, von denen ich denke, sie kommen bei Tschaikowski nicht vor. Das ist beispielsweise meine Sicht auf Odile, wie ich sie gerade geschildert habe. „Amjad“ wurde als Auftragskomposition für „Lalala Human Steps“, eine neoklassische Compagnie geschrieben, die einen Tschaikowski-Abend erarbeiten und dafür auch neue Musik verwenden wollte. Ähnlich wie Max Richter „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi „recomposed“ hat, ist dann „Amjad“ entstanden. Es finden sich natürlich immer noch die Motive, die Tschaikowski vorgegeben hat, aber in der Komposition von Bryars sind sie brüchiger, rauer, herber. Und sie haben eine ganz andere Intimität. Tschaikowski hat für ein großes Orchester komponiert, Bryars jedoch für ein Kammerorchester, bestehend aus Klavier, Cello und zwei Bratschen. Beispielsweise der Walzer aus dem 1. Akt klingt bei Bryars, als käme er von einer kaputten Spieluhr, das gefällt mir sehr und passt gut in das Bild, das ich von der Gesellschaft am Hof habe. Ich habe zudem Musiken umgestellt, also aus Tschaikowskis Chronologie gelöst. Alle bekannten „Hits“ aus dem „Schwanensee“ kommen natürlich. Und die beiden Kompositionsstile greifen absolut gut ineinander. Bryars hat sich für seine Arbeit sehr intensiv mit Tschaikowski auseinandergesetzt, das hört man deutlich heraus. Diese Mischung führt dazu, dass die Aufmerksamkeit beim Hören sehr viel stärker gefordert ist, denn ein wohliges Einsinken in bekannte Melodien gibt es nicht bzw. nicht durchgehend. Was übrigens auch für mich und die Compagnie diese Arbeit sehr reizvoll und spannend gemacht hat. 

Es sind bereits mehrere Schlüsse der Geschichte erzählt worden: Tragik oder ein Happy-End sind möglich. Wofür hast du dich entschieden und warum?

Anfangs dachte ich noch: Siegfried muss bestraft werden für seinen Verrat. Und Tschaikowski hat vorausgesetzt, dass es ein tragisches Ende gibt, obwohl er ein C-Dur als musikalischen Schlusspunkt setzt. Aber andererseits bin ich ein absoluter Optimist und ich glaube einfach unbeirrt an die Kraft der Liebe. Und ich mag die Idee, dass eine Utopie entstehen kann, die Chance auf einen Neuanfang. Ohne zu wissen, ob es besser wird. Das erfahren wir (glücklicherweise) nicht. Es gibt ja auch die Varianten, in denen nur Siegfried stirbt, oder nur Odette. Aber gerade sie wollte ich nicht bestrafen, denn sie verzeiht, und sie bekennt sich zu ihrer Liebe zu Siegfried. Um auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Im Märchen gewinnt immer das Gute. 

Interview: Juliane Wulfgramm
Fotos: Matthias Baus