Theater ist Drama. Und Horaz war vor 2000 Jahren erste, der fand, dass eine Geschichte in fünf Akten berichtet gehört. Also versuchen wir es doch mal: Die Entstehung des „Holländer“-Bühnenbilds von Bodo Demelius, erzählt nach dem Schema der antiken Dramentheorie.

Erster Akt

Exposition (Einleitung). Die handelnden Personen werden eingeführt, der dramatische Konflikt kündigt sich an.

Schon vor knapp einem Jahrzehnt hat Bühnenbildner Bodo Demelius sein Grundmodell des hiesigen Theaters gebaut. Es entstand 2009 zu seinem ersten Koblenzer Auftrag – „Jeff Koons“ von Rainald Goetz, damals wie heute gemeinsam mit Markus Dietze – und sieht aus wie eine Puppenstube. Die seitdem mit jeder Neuinszenierung auch eine neue Innenausstattung bekommt.

Aber von Anfang an. Wie geht’s denn normalerweise los? „Markus teilt mir das Stück mit, das er mit mir erarbeiten möchte – und das ich dann erst einmal ganz genau kennenlerne“, antwortet der 57-Jährige. Was bedeutet das konkret? „Ich frage mich: Wer hat es geschrieben? In welcher Zeit ist es entstanden? In welchem Kontext? Parallel dazu sammeln sich dann auch schon die ersten Bilder in meinem Kopf.“ Schielt er dabei auch auf die Gunst der Zuschauer? „Gar nicht. In diesem Stadium gehe ich nur von mir aus.“

Zweiter Akt

Komplikation (Steigerung). Steigende Handlung mit erregendem Moment. Die Situation verschärft sich.

Die ersten Ideen sind da. Was den „Holländer“ betrifft, lautete eine davon: Wie wäre es, den kompletten Boden durchgehend mit etwa einem Zentimeter Wasser zu bedecken? Aber wäre das überhaupt möglich? Die Antwort war schnell klar: Nein, leider nicht. Zu kompliziert für ein Bühnenbild, das innerhalb eines Repertoirebetriebs 14-mal mittags auf- und abends wieder abgebaut und zwischendurch auf der Hinterbühne gelagert werden muss. Die Lösung stattdessen: ein dunkel schimmernder Bodenbelag, der eine Impression von Wasser bietet.

Dritter Akt

Peripetie. Die Handlung erreicht ihren Höhepunkt (Klimax).

1. Aufzug Neun Monate vor der Premiere. Das erste Treffen mit Regisseur Markus Dietze und Kostümbildnerin Su Sigmund. Nur ein einziges intensives Arbeitswochenende, dann ist das Fundament der Inszenierung gelegt. „Das geht deshalb so schnell, weil wir schon so viele Jahre zusammenarbeiten, dass wir uns fast wortlos verstehen.“ Wie das konkret abläuft? „Wir arbeiten uns gemeinsam Szene für Szene durch das Stück. Und fragen es: Was brauchst du von uns?“, erzählt Demelius. Und was hat der „Holländer“ geantwortet? „Er sagte, er brauche einen kühlen und strukturierten Raum, in dem Projektion möglich sei.“ Noch am ersten Abend stellt Demelius ein Arbeitsmodell aus Pappe her, in dem bereits grob angelegt ist, wie das Bühnenbild später aussehen soll.

2. Aufzug Ein paar Wochen später. Zweites Treffen des Teams. Manchmal bleibt’s beim Besprochenen, „manchmal kommen aber auch neue Erfindungen hinzu, so dass ich das Modell nochmal ändere“, so Demelius. „Manchmal baue ich nach dem zweiten Treffen aber auch eine ganz neue Alternative.“

Vierter Akt

Retardation (Verlangsamung). Die Handlung verlangsamt sich zunächst, um dann in einer Phase der höchsten Spannung auf das Ende hinzuarbeiten.

Sechs Monate vor der Premiere. Bauprobe auf der Bühne. Podeste simulieren die späteren Umläufe, Klebebänder auf dem Boden die späteren Stege. Das puppenstubenartige Bühnenbildmodell steht auf einem Tisch in der Ecke, zur Einsicht für alle. Technische Fragen werden geklärt: Wie hoch werden die Wände sein? Wie werden die beiden Türen gestützt? Was hängt im Schnürboden – und wo genau? Auf welcher Höhe befindet sich der Orchestergraben? Und: Woher kann das Licht kommen? „Die Bühne ist ein dunkler Ort“, sagt Demelius. „Wenn ich nicht von Anfang an das Licht mitdenke, rächt sich das später furchtbar.“

Ist das alles geklärt, kommt das Stück in die Werkstätten. Nun endet die Zeit der einsamen bühnenbildnerischen Entschlüsse und die Zeit der Kompromisse beginnt: Was stellt sich jetzt als doch nicht realisierbar heraus? Was kann zwar möglich gemacht werden, aber nur unter Abstrichen?

Fünfter Akt

Entweder kommt es zur Katastrophe und die Handelnden sind verdammt. Oder es werden alle Konflikte gelöst und die Handelnden sind sittlich gereinigt (Katharsis).

Sieben Woche vor der Premiere. Die szenische Arbeit beginnt. Demelius – der im idyllischen Chiemgau wohnt – versucht, zu jeder Probe, die auf der Bühne stattfindet, vor Ort zu sein. „Nun werden praktische Fragen wichtig.“ Etwa: Wie breit müssen die Türen sein? Haben sie einen echten Griff, damit die Sänger sie so schließen können, dass sie geschlossen bleiben? Durch welchen Zugang oder welche Gasse gelangen die Sänger auf die Bühne? Sind die Zugänge breit genug, um auch größere Requisiten auf die Bühne zu schaffen? „Jetzt ist es wichtig, offen zu sein, gleich zu helfen und alle Konflikte sofort zu lösen.“ Damit am Ende eben nicht die Katastrophe steht, sondern die Katharsis.

Epilog

Samstag, 20. Januar, 19.30 Uhr. Der Vorhang hebt sich. Der Premierenabend beginnt.

 

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld

In unserer Reihe zur Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ sind bereits folgende Texte erschienen:
Vom Wasser
Mit Markus Dietze, dem Regisseur der Neuinszenierung, auf dem Rhein
Hier spielt die Musik!
Ein Gespräch mit dem Koblenzer Chefdirigenten Enrico Delamboye und dem Dirigenten der Neuproduktion, Mino Marani
„Kinder, schafft Neues!“
Su Sigmund, die Kostümbildnerin der Produktion über ihre Arbeit als Künstlerin
Der Holländer als Holländer
Bassbariton Nico Wouterse, der Sänger der Titelrolle