Ein Interims-Report über “Bürgerpuzzle”

Screenshot – digitale Proben für Bürgerpuzzle
Wenn die ganze Welt – dein Zuhause auch – Bühne ist

Eigentlich hätte dies hier ein anderer Text werden sollen. Aber bei einem Projekt, das eigentlich ein anderes hätte werden sollen, ist das wahrscheinlich genau richtig so. Unter dem Titel „Bürgerpuzzle“ haben die Enthusiasten, der Erwachsenenspielclub des Theater Koblenz, im vergangenen Frühjahr mitten im ersten Lockdown die Arbeit aufgenommen. Wie bei jedem Puzzle galt es auch für uns, sich zunächst mit den Teilen vertraut zu machen. Die Eckteile auszumachen, war nicht ganz so einfach. Und da unsere Teile lebendige Menschen und Begriffe waren, die dieselben beschreiben sollten, schienen die Ränder der Puzzlestücke umso verschwommener zu werden, je genauer wir versuchten sie in den Blick zu bekommen. So gelangten wir schnell zu einer ersten Einsicht: Schon sich nur mit den Koblenzer Bürger*innen– also dem unmittelbaren sozialen Raum der Spieler*innen – zu beschäftigen, würde ein ambitionierter Versuch werden.

Bei den ersten digitalen Zusammentreffen, die weniger durch spielerische Übungen, sondern viel Recherche, Begriffsklärungen und auch statistische Selbstversuche geprägt waren, sind wir immer wieder auf Begriffspaare gestoßen, die für uns einen Spannungsraum eröffnet haben. Etwa Bürger*innen – Einwohner*innen, Schängel – Zugezogene*r, privat – öffentlich, um nur einige wenige zu nennen. Und inmitten dieser Spannungsfelder, die sich aus all diesen Paaren ergeben haben, entstand eine entscheidende Frage: Wie gut kennen wir uns (hier) eigentlich wirklich aus? Es beschlich uns mehr und mehr der Verdacht, dass uns unser Alltag blind gemacht hat. Dass wir unser Umfeld nur noch so wahrnehmen, wie wir es gewohnt sind und es unhinterfragt als gegeben erleben. Wirklich zu Bewusstsein kommt nur das Außergewöhnliche, das in unsere vertraute Alltäglichkeit eindringt, wie etwa die Sperrung einer Straße, die sonst selbstverständlicher Teil unseres Weges zur Arbeit ist. Darüber hinaus aber haben unsere im Alltag entstandenen Routinen die blinden Flecken eher wieder vermehrt als verringert.

Wir mussten uns also eingestehen, dass wir gar nicht die Spezialisten sind, für die wir uns anfänglich gehalten haben. Und an diesem Punkt spielten uns die Umstände in die Karten. Denn der ursprüngliche Plan – das Öffentliche ins Private zu bringen und unser Spiel in den Privaträumen von Koblenzer Bürger*innen stattfinden zu lassen – zu Zeiten der nach wie vor herrschenden Pandemie mehr und mehr unmöglich. Was also tun? Mit ihrem produktiven und schier unaufhaltsamen Enthusiasmus (der Name des Spielclubs ist kein Zufall) gingen die Spieler*innen auf die Straßen. Und in die Parks, an die Ufer, auf die Friedhöfe und sogar nach Frankreich, von dem auch nahezu niemand wusste, dass es auch in Koblenz liegt. Die eigene Blindheit war dabei keine Schwäche. Im Gegenteil wurde sie, nachdem sie einmal bewusstgemacht war, zur methodischen Brille, die es uns erlaubte, unser Umfeld, unsere Stadt mit ihren Stadtteilen und Bewohner*innen neu zu entdecken.

Dabei war kein Stadtteil sicher vor den enthusiastischen Forscher*innen. Überall galt es etwas zu entdecken, das der Aufmerksamkeit bisher entgangen war. Das Ergebnis war eine neue Verwunderung. Gewundert haben wir uns beispielsweise über Hochbunker, leerstehende Schulen und all die Parkplätze. Aber auch über unsere eigenen Vorurteile und wie falsch wir damit liegen konnten. Was auf den ersten Blick wie ein fremder Ort voller Müll wirkte, hielt bei längerem Aufenthalt interessante und herzliche Begegnungen und auch allerorten kleine und große Geschichten bereit. Und immer wieder Parkplätze – die doch trotzdem nicht genug zu sein scheinen. Zu guter Letzt blieb die Verwunderung darüber, wie viele Fragen noch offen bleiben mussten. Denn wie so oft hat irgendwann die Zeit gedrängt.

Wir entschieden uns deshalb uns auf zwei Stadtteile zu fokussieren –  die Entscheidung fiel letztlich auf die Altstadt und Lützel. Die Form ergab sich teils aus den Umständen und teils aus unseren Fragen: Wir sind spazieren gegangen. Obwohl wir nur wenige Leute einladen konnten uns zu begleiten, gab es im öffentlichen Raum unzählige Zuschauer*innen, die sich über diese Gruppe von Enthusiasten wundern konnten. Und gewundert wurde sich. Über diese verspielte Schar, die sich aufgemacht hatte, ihre Verwunderung und ihre kleinen privaten Fragen groß in den öffentlichen Raum zu bringen.

Weil aber viele Fragen noch offen sind und hinter jeder Ecke neue lauern, soll die Erkundungstour weitergehen. Diesmal sogar mit Verstärkung von den Jungen Enthusiasten, denn das Puzzle ist groß und die Teile so vielfältig wie die Koblenzer Bürgerschaft. Um dies alles zu erfassen, braucht es viele forschende Blicke und noch mehr Fragen, die wahrscheinlich wieder niemand beantworten kann, die aber wichtig sind zu stellen. Nicht zuletzt, um sich gemeinsam vergnügt darüber zu wundern.

Text von Nils Naggatz


Screenshot – digitale Proben für Bürgerpuzzle
Die jungen Enthusiasten schauen ganz genau hin

Das Bürgerpuzzle startet in eine zweite Runde
Interessierte ab 16 Jahren bis 26 Jahren sind bis 24. Februar 2021 herzlich eingeladen sich der performativen Erkundung anzuschließen. Wir starten zunächst über das Videokonferenzsystem Zoom, um uns sobald wie möglich den öffentlichen Raum wieder zu erobern. Im Laufe der Zeit werden sich die Wege der Jungen Enthusiasten mit denen des Spielclubs für Erwachsene zu einem Gemeinschaftsprojekt verbinden.

Proben immer mittwochs 18:30 Uhr (über ZOOM)
und an ausgewählten Wochenenden
Premiere 25. Juni 2021

Anmeldung unter a.zimmer@theater-koblenz.de