Die Schutzbefohlenen
“Die Schutzbefohlenen” wird im Bühnenbild von “Die Troerinnen/Orestie” gespielt. Foto: Matthias Baus

von unserer Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm

Kaum ein Thema beschäftigt, mobilisiert und spaltet die Gesellschaft im Moment so vehement wie die Flüchtlinge, die Europa und konkret Deutschland erreichen. Das Theater Koblenz reagiert auf die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation mit einem Bühnenwerk, das sich von der ersten Aufführung im März 2016 an stetig weiterentwickeln soll – und besinnt sich dabei auf grundlegende Aufgaben und Möglichkeiten des Theaters als Zentrum der bürgerlichen Gesellschaft.

Das Sprachkunstwerk, das sich wie kein anderes genau in dieser Zeit dazu anbietet, ist Elfriede Jelineks in mehreren Arbeitsphasen fortgesetztes Textkonvolut „Die Schutzbefohlenen“, das in Anlehnung an das älteste Flüchtlingsdrama der Weltliteratur entstanden ist, nämlich „Die Schutzflehenden“ von Aischylos aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Begonnen hat die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit der Niederschrift der „Schutzbefohlenen“, nachdem sich im Jahre 2013 eine humanitäre Katastrophe ereignete. Mehr als 300 afrikanische Flüchtlinge ertranken vor Lampedusa im Mittelmeer. Jelinek entlarvt die Ohnmacht, Hilflosigkeit, Verstörung, auch den sich einschleichenden Überdruss angesichts dieser sich seither wiederholenden Fernsehnachrichten, Zeitungsbilder, Reportagen.

Beginnend mit dem „appendix“, dem 2015 hinzugekommenen Textteil der „Schutzbefohlenen“ sucht das Theater nach einer künstlerischen Äußerung zum Thema des Umgangs mit Flüchtlingen – und begreift als gesellschaftliche Institution seine Aufgabe auch darin, eine Fläche der Selbstvergewisserung für die Menschen zu bieten, die hier leben und die ihre Aufgabe darin sehen, Flüchtende aufzunehmen, Schutz und Hilfe zu bieten, eine „Einwanderungsgesellschaft“ zu werden oder zu sein. Das ist die gedankliche Leitlinie dieser Inszenierung: Theater als moralischer Anstalt im allerbesten Sinne zu bieten, davon ausgehend, dass die politische und soziale Aufgabe des Theaters in der künstlerischen Äußerung liegt.

Die Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ erfordert zunächst eine intensive Arbeit mit dem Sprachmaterial Elfriede Jelineks. Der Text liefert keine lineare oder chronologisch ablaufende Handlung und keine plausible Sprechsituation. Thematische Überschneidungen und Perspektivwechsel – zwischen der hiesigen Gesellschaft und den Flüchtenden – gehen mit der angenommenen individuellen wie chorischen Aufteilung der Sprecher einher.

Die mit dem „appendix“ beginnende Arbeit soll kontinuierlich fortgeführt und erweitert werden, wobei auch die weiteren drei Sparten des Theaters mit jeweils wechselnden Regisseuren und künstlerisch Verantwortlichen eingebunden sind. Die Vorstellungen von „Die Schutzbefohlenen“ werden –  auch mit Billigung der Autorin und des Verlages – bei freiem Eintritt gespielt. Das Theater wird statt der nicht erhobenen Eintrittsgelder nicht Spenden sammeln, sondern bittet die Zuschauer, eine angemessene Summe an eine Einrichtung ihrer Wahl zu spenden.

Die nächsten Termine: Samstag, 2. April 2016, 19:30 Uhr, und Sonntag, 1. Mai 2016, 18:00 Uhr.