Rathgeber_New_York
Zeit für ein Erinnerungsfoto muss sein: Tobias Rathgeber flog nach New York, um in der berühmten MET vorzusingen. Foto: privat

von Michael Defrancesco, Leiter des Ressorts “Journal, Leben und Reise” bei der Rhein-Zeitung

Wenn er spricht, möchte man ihn eigentlich sofort singen hören. Seine Stimme klingt voluminös – eben „Marke ausgebildeter Opernsänger“. Tobias Rathgeber ist 34 Jahre alt und seit 2008 am Theater Koblenz engagiert. Er ist meistens Chorsänger. Manchmal tritt er auch nach vorn ins Rampenlicht und singt solo, zum Beispiel jüngst als Geharnischter in Mozarts „Zauberflöte“. Und manchmal macht er etwas ganz Verrücktes – da erfüllt er sich so ganz nebenbei einen Lebenstraum: einmal an der berühmten New Yorker MET zu singen.

Die Metropolitan Opera ist eines der berühmtesten Opernhäuser überhaupt. Dort ließ Puccini seine Werke uraufführen, dort dirigierte Gustav Mahler, dort sang Enrico Caruso. Und jetzt auch Tobias Rathgeber.

„Eigentlich entstand die Idee aus einer Bierlaune heraus“, erzählt der junge Sänger. Im Internet hatte er gesehen, dass die MET für ihre kommende Spielzeit neue Chorsänger suchte. „Na los, bewirb dich doch“,

frotzelten gute Freunde – und Rathgeber bewarb sich. Er tippte eine E-Mail, hängte ein Dokument mit seinem Lebenslauf an und sandte die Daten durch den Atlantik. „Danach habe ich die ganze Sache wieder vergessen“, sagt Rathgeber und grinst: „Bis die Einladung aus New York zum Vorsingen kam.“

Da half nur eins: hin zum Koblenzer Theaterintendanten sowie zum Chordirektor und um Urlaub gebeten. Dann wurde das Flugticket gekauft, ein Hotel reserviert – und während gut betuchte Deutsche zum Christmas Shopping nach New York flogen, flog

Tobias Rathgeber zum Vorsingen. Allein. Die Daumendrücker blieben zu Hause. „Das war aber okay, ich war schon einige Male in New York und kenne mich da gut aus.“ Nach 8,5 Stunden Flug – „wir hatten ziemlich Verspätung“ – hatte Rathgeber nur noch Zeit, sich im Hotel rasch umzuziehen, und dann ging es schon zur MET.

Hoffnungen machen durfte sich der deutsche Sänger durchaus, denn die New Yorker sind bekannt dafür, immer wieder deutschsprachige Werke von Wagner oder Strauss aufzuführen – im Original. Ein deutscher Chorsänger bei einer auf Deutsch aufgeführten

Oper könnte durchaus von Vorteil sein – oder?

„Ich würde sehr gern mehr Wagner, Puccini oder Verdi singen. Vor allen Dingen Wagner, den muss man als Chorsänger einfach gesungen haben.“ Ab und zu erfüllt das Theater

Koblenz auch diesen Herzenswunsch von Tobias Rathgeber, „der ,Lohengrin’ war ein echter Höhepunkt für mich. Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn viele Chorsänger das Gleiche fühlen, wenn wir alle gemeinsam einatmen und dann dieselbe Phrase

singen. So etwas gibt es nur im Chor. Als Solist ist man immer auch ein Stück weit einsam.“

Einsam war Rathgeber in New York nicht ganz. Als Koblenz für die Rolle der „Königin der Nacht“ in der Produktion der „Zauberflöte“ eine Sängerin suchte, war eine Kollegin mit Kind und Babysitterin zum Probesingen erschienen. „Die Babysitterin war auch eine ausgezeichnete Sängerin – und genau diese Frau traf ich in New York an der MET beim Vorsingen wieder“, erzählt Rathgeber begeistert. „Das tat schon gut, nicht ganz allein

zu sein und wenigstens ein bekanntes Gesicht zu haben.“

Angekommen in der MET, ging das turbulente Leben los. „Ich fragte, wo ich mich einsingen könnte. Man sah mich nur seltsam an und sagte dann: ,In der Tiefgarage.’“ Ganz so hatte sich der Koblenzer seinen Start in New York nicht vorgestellt, „zumal

ich eher schüchtern bin. Ich stelle mich ja nicht mitten in eine Tiefgarage und fange an zu schmettern.“ Aber es half nichts: Blicke nach links, Blicke nach rechts, und mit einem fröhlich-leisen „Mimimi“ auf den Lippen brachte Rathgeber seine Stimme auf Betriebstemperatur.

„Dann wurden wir in Gruppen eingeteilt, etwa 40, 50 Sänger pro Gruppe.“ Die einzelnen Gruppen wurden aufgerufen, „und dann mussten wir warten, bis wir einzeln dran waren.“ Als ein gewisser „Tobeias“ aufgerufen wurde, wusste Rathgeber, dass er gemeint ist – „meinen Nachnamen konnte niemand aussprechen“, erzählt er lachend.

Es ging rein auf die Probebühne, mit einem großen Zuschauerraum, der wie ein Auditorium angelegt war. „Eigentlich sollte ich zwei Arien vorbereiten, aber sie wollten nur eine Arie von Tschaikowsky hören. Auf Russisch.“ Rathgeber holte Luft, der Begleitpianist legte los, „und die ersten Töne kamen schon noch etwas wackelig und aufgeregt. Aber dann habe ich mich schnell gefangen.“

Der Chordirektor der MET sowie seine Assistenten lauschten aufmerksam. „Mich hat schon irritiert, dass die Assistenten mich die ganze Zeit anblickten und dabei Laptops vor sich hatten, auf denen sie ständig tippten. Das Ganze war schon irgendwie surreal.

Da steht man in der größten und berühmtesten Oper der Welt und singt – und nach ein paar Tönen hat man es dann fast vergessen und singt einfach nur noch.“

Keine fünf Minuten dauerte der Auftritt, dann wurde „Tobeias“ freundlich entlassen. „Das war die teuerste Arie meines Lebens“, sagt Rathgeber und muss grinsen. „Normalerweise bekomme ich ja Geld fürs Singen. Aber hier habe ich eine Menge

dafür bezahlt, um fünf Minuten in der MET singen zu dürfen.“

Was da gerade geschehen war, realisierte Rathgeber dann erst, als alles vorbei war. Bei einem Bier mit der befreundeten Kollegin. „Und danach hatte ich sogar noch Zeit, ein paar Weihnachtsgeschenke für die Lieben daheim einzukaufen, bevor es wieder zurück nach Deutschland ging.“

Dort fielen die Daumendrücker sofort über ihn her. Alle wollten wissen, wie es gelaufen war. „Ich hatte das Gefühl, als ob ich Wochen weg gewesen wäre.“

Jetzt heißt es warten. „Es ist bei Vorsingen dieser Größenordnung üblich, dass man nur eine Zusage bekommt und keine Absage. Das wäre bei so vielen Sängern gar nicht möglich“, erklärt Rathgeber. Hört er also nichts, dann bleibt er Chorsänger in

Koblenz. Aber was, wenn er doch eine Nachricht aus New York erhält?

Es arbeitet sichtlich in seinem Gesicht. „Das wäre natürlich völlig verrückt. Denn ich mag das Familiäre hier in Koblenz wirklich sehr. Das würde ich nur gegen ein unglaubliches

Repertoire eintauschen.“ Es wäre eine Bilderbuchkarriere – vom Kinderchor, in den er mit fünf Jahren gekommen war, über Knabenchor, Gesangsstudium bis hin zum Profichor des Koblenzer Theaters.

Einen Traum braucht jeder – und sollte New York platzen, hat Tobias Rathgeber noch einen weiteren Traum: die Wiener Staatsoper. „Die Mailänder Scala liegt mir nicht so, Italien reizt mich überhaupt nicht“, sagt er und lächelt. „Aber Wien, das wäre

schon auch noch was.“ Träume sind Schäume? Wer weiß. „Man muss es einfach ausprobieren“, sagt Tobias Rathgeber. „Und egal, was kommt: Ich habe fünf Minuten in der Metropolitan Opera von New York gesungen. Das nimmt mir keiner.“

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Die Reportage “Die teuerste Arie meines Lebens” ist am Samstag, 11. Januar, im Wochenendjournal der Rhein-Zeitung und ihrer Heimatausgaben erschienen.