Was hat die Oper „Doctor Atomic“ mit uns zu tun? Dürfen wir alles, was wir können? Und: Hätte ich selber daran mitgearbeitet, eine Massenvernichtungswaffe zu erschaffen? Wichtige Fragen. Wir haben gemeinsam mit dem Koblenzer Physik-Professor Hermann Schink darüber nachgedacht.

Doctor Atomic – Physik-Professor Hermann Schink

Die drei größten Physiker der 30er und 40er Jahre? Da muss Hermann Schink, Senior-Professor für Physik an der Hochschule Koblenz, nicht lange überlegen: Albert Einstein, Werner Heisenberg, Enrico Fermi – allesamt übrigens auch mit dem Nobelpreis gewürdigt. Und was ist mit J. Robert Oppenheimer? Der 68-Jährige zögert. „Oppenheimer wird, glaube ich, eher bewundert wegen seines Organisationstalents. Wegen seiner Fähigkeit, so viele herausragende Physiker zielgenau zu einem Ergebnis geführt zu haben.“

Was die originäre Forschungsleistung des Mannes betrifft, der heute oft als „Vater der Atombombe“ bezeichnet wird? Die ist noch immer schwierig zu beurteilen. Viele Dokumente und Aufzeichnungen des Manhattan Project, die Auskunft geben könnten, sind bis heute geheim. Schink verweist in unserem Gespräch auf die Ansicht Robert Jungks, die der österreichische Publizist und Zukunftsforscher in seinem Buch „Heller als tausend Sonnen“ vertreten hat.

Robert Jungk: „Als Robert Oppenheimer im Juli 1943 zum Direktor des Atombomben-Labors von Los Alamos ernannt wurde, war er – der noch nicht 40-Jährige – für die in Amerika heranwachsende Generation von Physikern Meister und Vorbild. Aber im Gegensatz zu den Atomforschern Rutherford, Bohr und Born, die zugleich große Lehrer und große Entdecker waren, hatte Oppenheimer bis dahin keine bahnbrechenden Gedanken verkünden können. Er hatte zwar einen ergebenen Arbeitskreis um sich gesammelt, aber keine eigene Schule physikalischen Denkens gegründet. Nach Ansicht seiner Freunde schmerzte es Oppenheimer, dass er nicht, wie die Altersgenossen (und Nobelpreisträger) Heisenberg, Dirac, Joliot und Fermi, diese höchste Stufe physikalischen Schöpferturns erklommen hatte. Und da er wusste, dass erfahrungsgemäß in der Physik fast nur jungen Menschen, die noch die Fähigkeit besitzen, ganz radikal zu denken, neue Konzeptionen einfallen, musste er mit dem Nahen des 40. Jahres sein höchstes Streben als gescheitert ansehen.“

Ein hartes Urteil. Und womöglich nicht ganz fair. Kann sich jemand, der im Alter von 23 Jahren Professor in Berkeley wird – und der schnell als einer der größten Köpfe der Quantenmechanik gilt –, tatsächlich als gescheitert empfinden? Aber da sich Oppenheimer in dieser Hinsicht niemals öffentlich geäußert hat, kann das niemand sagen.

Was jedoch sicher ist: Edward Teller, Kollege beim Manhattan Project und späterer Gegenspieler Oppenheimers, war von einem ganz anderen, weit heftigeren Forscherdrang getrieben. „Teller war ein anderer Charakter“, sagt Hermann Schink. „Für Oppenheimer war die Arbeit 1945 beendet. Für Teller nicht. Er brannte dafür, nach der Atombombe nun auch eine Wasserstoffbombe zu bauen.“

Doch der Exil-Ungar stand vor einem großen, zunächst unlösbaren Problem: Ein solcher Sprengkörper wäre so schwer gewesen, dass er niemals von einem Flugzeug hätte abgeworfen werden können. Überdies hätte die Herstellung eines solchen ungefügen Monstrums die Produktionskapazität der Plutoniumfabriken so sehr beansprucht, dass man mit demselben Fabrikationsaufwand etwa zweitausend normale Atombomben hätte bauen können. Die ultimative Herausforderung. Aber 1951 gelang es Teller tatsächlich, eine neuartige Theorie zu entwickeln, die einen neuen Weg zur Herstellung einer H-Bombe eröffnete.

Warum er so besessen davon war? Eine sehr grundsätzliche Frage, aber womöglich gibt es darauf keine einfache Antwort. Reicht die Erklärung vom Forschungsdrang aus? Vielleicht. Denn Fakt sei, so Schink: „Mit der Erfindung der Wasserstoffbombe hat Edward Teller ein ganz anderes, deutlich größeres technisches Problem gelöst als Oppenheimer zuvor mit der Atombombe.“

Doch über die moralisch-ethische Bewertung dieser Leistungen diskutieren die Physiker nun seit sieben Jahrzehnten. Denn der entscheidende Aspekt in der naturwissenschaftlichen Forschung ist ja: Dürfen wir alles, was wir können? „Sicher stellt sich hier irgendwann auch die Frage, was man selbst getan hätte“ sagt Hermann Schink. „Hätte ich selber mitgeholfen, die Atombombe zu entwickeln? Und hätte ich mich, nachdem ich gesehen habe, was in Hiroshima und Nagasaki passiert ist, dann auch noch entschieden, an einer weit schlimmeren Bombe mitzuarbeiten?“

Doctor Atomic – Physik-Professor Hermann Schink

Oppenheimer selber hat seine Motivation – nachdem seine Erfindung hunderttausende Menschenleben gekostet hatte – mit einem einzigen, recht nüchternen Satz begründet. Vor dem Untersuchungsausschuss der Atomenergiekommission, der klären soll, ob ihm die Sicherheitsgarantie erteilt werden kann, wird er vom Anwalt der Atomenergiekommission, Roger Robb, zu seiner Beteiligung am US-Atomwaffenforschungsprojekt befragt. Es ist der 12. April 1954, es ist also ein knappes Jahrzehnt vergangen seit der Zündung seiner Schöpfung in der Wüste New Mexicos.

Robb: „Doktor, in Ihrer Arbeit, litten Sie da an moralischen Skrupeln oder wurden Sie durch moralische Bedenken von der Entwicklung dieser Waffe abgeschreckt?“
Oppenheimer: „Gewiss …“
Robb: „Aber Sie blieben doch noch an der Arbeit, nicht wahr?“
Oppenheimer: „Ja, weil dies eine Forschungsarbeit war. Es war nicht die Vorbereitung einer Waffe.“
Robb: „Sie meinen, dass es nur eben eine akademische Exkursion war?“
Oppenheimer: „Es war ein Versuch, herauszufinden, was man machen könnte.“

Die Sache mit den moralischen Bedenken, dem Gewissen und den Skrupeln – das sei ein schwieriges und komplexes Feld, sagt der Koblenzer Professor. Im Großen, wie bei Teller und Oppenheimer – aber auch im Kleinen, fügt er dann an. Und erzählt von seiner eigenen Berufsbiographie: Nach seiner Promotion in Festkörperphysik an der RWTH Aachen und vor seiner Professur hat er, der überzeugte Kernkraftgegner, gleichwohl fünf Jahre lang in der Neutronenstreuung gearbeitet – am damaligen GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht bei Hamburg.

Und das, nachdem er an den großen Friedensdemonstrationen in Bonn Anfang der 80er Jahre teilgenommen hatte. Und nachdem er an seiner Alma mater in diesen Jahren auch eine Vorlesungsreihe mitorganisiert hatte: „Verantwortung für den Frieden“. Doch auch wenn er mit seiner Arbeit lediglich erforscht hat, wie die inneren Strukturen und Bewegungen von Molekülen beschaffen sind – „letztlich bin ich mit meiner ablehnenden Einstellung zur Kernenergie damals trotzdem an einem Kernforschungszentrum gelandet“, sagt Schink.



Die beiden historischen Zitate entnahmen wir folgenden Quellen:

  • Robert Jungk, „Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher“, Bern/Stuttgart/Wien 1956. Neuauflage 1988
  • Roger Robb, Robert Oppenheimer, „Doktor, in Ihrer Arbeit…“ in: „Der Spiegel“, 2/1957, S. 35ff.


Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld


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