Mit was für Instrumenten haben die Physiker vor sieben Jahrzehnten gearbeitet? Und wie sah das alles eigentlich aus? Einen Ort gibt es, an dem das historische Wissen rund um die Atomphysik plastisch erfahrbar ist: das Deutsche Museum in München. Dort befindet sich, neben vielen anderen Exponaten, auch ein schlichter hölzerner Arbeitstisch, an dem Otto Hahn, Fritz Straßmann und Lise Meitner vor 80 Jahren eine bahnbrechende Entdeckung machten. Mit der sie schlussendlich J. Robert Oppenheimer und seinen Kollegen den Weg zur Atombombe ermöglichten. Wir haben uns, gemeinsam mit Regisseur Markus Dietze, die Ausstellungsstücke einmal angesehen.

Markus Dietze – „Doctor Atomic“

Das Atomzeitalter beginnt am 17. Dezember 1938 im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin. Da entdecken Otto Hahn und Fritz Straßmann die Kernspaltung. Anders gesagt: dass Uran-Atomkerne bei einem Beschuss mit Neutronen gespalten werden. Vor ihnen befindet sich ein unscheinbarer Holztisch. Darauf Geiger-Müller-Zählrohr, Batterien, Saugflasche, Zangen und vieles mehr. Darunter eine Anordnung von Anodenbatterien. Die Physikerin Lise Meitner, Hahns engste Mitarbeiterin, hatte Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen – als österreichische Jüdin war sie nach dem „Anschluss“ nicht mehr vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geschützt.

Ein Nachbau des legendären Tisches befindet sich heute im Deutschen Museum in München. Wir wollen ihn besuchen, um uns für die Neuinszenierung der Oper „Doctor Atomic“ inspirieren zu lassen: Mit welchen Arbeitsmitteln haben die Physiker der damaligen Zeit gearbeitet? Was stand ihnen zur Verfügung? Und wie sah es aus? „Der Tisch ist ja inszeniert wie ein kleiner Altar“, sagt Markus Dietze, als er ihn konzentriert umrundet. Hinter Glas steht er, sorgfältig und hell ausgeleuchtet, in einer extra für ihn gezimmerten Box. Und mit zahlreichen historischen Requisiten bestückt. Eine Ikone der Wissenschaftsgeschichte. Beeindruckend. Und das, obwohl wir wissen, dass es sich lediglich um eine nachempfundene Installation handelt, nicht um den tatsächlichen Versuchsaufbau. Denn die damaligen Experimente fanden in drei Räumen und an mehreren Tischen statt.

Im Frühjahr 1939 veröffentlichte Lise Meitner aus ihrem schwedischen Exil heraus diverse Aufsätze dazu. „Danach begannen zahlreiche Wissenschaftler, die Versuche zu bestätigen und weiterzuführen“, erklärt Susanne Rehn-Taube, Kuratorin für Chemie am Deutschen Museum. „Die Möglichkeit einer Kettenreaktion wurde bald postuliert, und schon im Laufe des Jahres 1939 begannen in den USA unter der Mitarbeit Enrico Fermis die ersten Versuche, die Kernspaltung auch für militärische Zwecke auszunutzen.“ Bis schließlich im Juli 1945 in der Wüste New Mexicos die von J. Robert Oppenheimer und seinem Team geschaffene erste Atombombe explodierte. Wenige Wochen später in Hiroshima dann die zweite und in Nagasaki die dritte.

Hell fällt das Winterlicht durch die großen Fenster im Deutschen Museum. Wir setzen uns etwas abseits der Exponate für ein kleines Gespräch. Kann Markus Dietze nachvollziehen, dass sich die Amerikaner im August 1945 – also nachdem der Krieg in Europa bereits beendet war – trotzdem noch entschieden haben, Japan zu bombardieren? „Das Problematische an dieser Frage ist, dass wir die Entscheidungs-Parameter der Menschen, die das damals beschlossen haben, nicht nachvollziehen können. Weil wir als Menschen des Jahres 2019 einen anderen Horizont haben als die Menschen 1945“, antwortet er. Und fügt an: „Das bedeutet nicht, dass ich diese Entscheidung richtig finde. Ich weiß nur nicht, wie ich mich selber entschieden hätte. Aus meiner heutigen Perspektive heraus würde ich sagen: Der Abwurf war falsch.“

Inwiefern? „Das war eine geostrategische Entscheidung und hatte mit dem Gedanken, dadurch den Zweiten Weltkrieg zu beenden, nichts zu tun. Dafür wäre der Abwurf nicht mehr nötig gewesen.“ Er geschah, weil die Amerikaner den Einfluss Russlands auf den Asien-Pazifik-Raum begrenzen wollten. „Erschreckend daran finde ich jedoch, dass sich diese geostrategisch-politischen Überlegungen bewusst der politischen Naivität von Wissenschaftlern bedient haben.“ Was er damit meint? „Es ist doch vermutlich so, dass niemand ernsthaft an ebenso gefährlichen wie unkontrollierbaren Dingen forscht, wenn er oder sie nicht davon überzeugt wäre, dass diese Arbeit einem guten und sinnvollen Zweck dienen würde.“

Markus Dietze – „Doctor Atomic“

Womit wir in unserem Gespräch wieder bei unserem Ausgangspunkt, den deutschen Forschern, angekommen sind. „Dass die USA nach der Entdeckung der Kernspaltung ihr Atomwaffenprojekt mit allen Kräften vorantrieben, hatte auch damit zu tun, dass sie sich in einem Wettrennen mit Nazideutschland wähnten“, so Dietze. Das vermeintliche Motto: Wer ist als erster im Besitz der Bombe? De facto existierte dieser Zweikampf allerdings ausschließlich in den Köpfen der Amerikaner. Denn bis Kriegsende, so sind sich die Historiker heute einig, waren den deutschen Forschern wesentliche Grundlagen gar nicht klar.

Nach 1945 spürten viele der deutschen Physiker große Erleichterung, dass ihnen die Arbeit an einer Atombombe erspart geblieben war. Otto Hahn beispielsweise war einer von ihnen. „Ich freue mich sehr, dass wir keine Mittel und Wege hatten, eine Bombe zu entwickeln“, schreibt er noch am Abend des Abwurfs auf Hiroshima in sein Tagebuch. Und äußert später: „Ich danke Gott auf den Knien, dass wir die Uranbombe nicht gemacht haben.“

1967, ein Jahr vor seinem Tod, wird er erneut nach seiner Einstellung zur militärischen Nutzung der Kernspaltung gefragt. Der zivilen Nutzung stand der Atomforscher nämlich Zeit seines Lebens äußerst positiv gegenüber. Jeglichen militärischen Einsatz der Kernspaltung bezeichnete er hingegen auch jetzt wieder – und dieses Mal sogar mit sehr deutlichen Worten – als „Schweinerei“.

Text: Margot Weber
Fotos: Anette Göttlicher