Die Proben zur Oper „Doctor Atomic“ von John Adams laufen, am 9. März ist Premiere. Eine Produktion, die auch die musikalische Abteilung mehr als fordert. Chefdirigent Enrico Delamboye hat uns erzählt, was ihn an dieser Arbeit fasziniert.

Doctor Atomic – Enrico Delamboye

Die letzte zeitgenössische Oper, die in Koblenz zu hören war? „Das war im Sommer“, erinnert sich Enrico Delamboye. „Der goldene Drache“ von Peter Eötvös. Und neun Monate später steht erneut ein Werk eines Gegenwartskomponisten auf dem Spielplan. Ganz schön ambitioniert, oder? „Wieso?“ fragt der Chefdirigent zurück. „Ich halte es für ziemlich normal, möglichst in jeder Spielzeit ein aktuelles Stück zu zeigen.“ Theater ist schließlich kein Museum.

Doch im Unterschied zur kleinen Kammeroper des Ungarn Eötvös funktioniert die große Choroper „Doctor Atomic“ des US-Komponisten John Adams völlig anders – in vielerlei Hinsicht. Beginnend damit, dass bereits das Sujet weit schwieriger und komplexer ist. Denn das Werk handelt – im ersten Akt – von der Entwicklung der Atombombe durch das Forscherteam um J. Robert Oppenheimer in Los Alamos, New Mexico. Und – im zweiten – von ihrer Zündung im Juli 1945 in der White Sands-Wüste, etwa 400 Kilometer südlich davon.

John Adams: „1999 erhielt ich einen Anruf von Pamela Rosenberg, Generaldirektorin der San Francisco Opera. Sie hatte eine ambitionierte Idee: ob ich eine Oper über einen ‚amerikanischen Faust’ schreiben wolle. Die historische Figur, die diesen Charakter ihrer Meinung nach verkörperte, war niemand anderes als J. Robert Oppenheimer. Die Entscheidung Oppenheimers, das Manhattan Project zu übernehmen und die Atombombe zu entwickeln, hatte aus ihrer Sicht eine Pakt-mit-dem-Teufel-Implikation. Oppenheimers letztlicher Verlust der politischen Gunst und seine öffentliche Demütigung spiegelten den Faust-Mythos.“

Um für dieses Opus magnum eine angemessene Klangwirkung herzustellen, benötigt Delamboye nicht nur einen Sounddesigner, sondern auch um die 70 Musiker – allein 40 Streicher folgen seinem Stab. Die übergroße, zweibändige Partitur, die der Dirigent seit Wochen täglich unterm Arm durchs Theater trägt, wiegt mehrere Kilo.

Ein sehr schweres Stück also. Im wahrsten Sinne des Wortes. Delamboye nickt. „Anfangs dachte ich: Die Herausforderung ist für uns zu groß, das Werk zu komplex. Ich dachte, es wäre nicht zu machen, das innerhalb unseres normalen Repertoirebetriebs zu stemmen.“ Aber dann habe ihn der Ehrgeiz gepackt. Und er habe sich gesagt: „Nein, das klappt! Es ist zwar anspruchsvoll, aber nicht unmöglich.“ Hinzu kommt, dass er damit zu seinem Abschied – nach zehn Jahren an Rhein und Mosel – einen ganz besonderen Schlusspunkt setzen kann. „Ich habe meine Zeit in Koblenz 2009 mit ‚Wozzeck’ von Alban Berg begonnen und höre nun mit ‚Doctor Atomic’ auf. Da kann mir keiner vorwerfen, dass ich mich nicht für zeitgenössisches Musiktheater einsetze!“

John Adams: „Der Eröffnungschor, den ich mit einem geschäftigen, vorwärtstreibenden Ostinato komponiert habe, ähnlich den Wochenschauen der 40er Jahre, ist wörtlich übernommen aus dem Buch „Atomenergie zu militärischen Zwecken“ (Smyth-Report). Die expressiven Höhepunkte in ‚Doctor Atomic’ sind jedoch die, welche zu Poesie komponiert wurden – Poesie, zu der Oppenheimer eine besondere Beziehung hatte. In beiden Akten der Oper vertonte ich Passagen des von ihm geschätzten Dichters Charles Baudelaire, traumgleiche Beschwörungen über Zeit und Raum, über das kühnste sinnliche Vergnügen einerseits und das blanke existentielle Grauen andererseits. Die unheimliche Stille, die den finalen Countdown begleitet, wird unterbrochen durch eine stampfende, brutale Chorvision, komponiert zu Christopher Isherwoods Übersetzung der Bhagavad Gita, einer klassischen indischen Schrift.“

Wann und wie hat sich Delamboye denn dem Werk genähert? „Das ist schon ein bisschen her“, antwortet er. Im Sommer 2017 habe er das Ansichtsmaterial vom Verlag bekommen, aber zunächst nur in der Partitur geblättert. Sich dann näher mit ihr beschäftigt. Sie dann gründlich durchgelesen. Dann am Klavier durchgespielt. Dann die damals existierenden DVDs aus New York und Amsterdam angehört, die auf dem Markt zu haben waren – mittlerweile gibt es immerhin eine Audio-Einspielung mit Adams selbst. „Ich kenne Dirigenten, die das bewusst nicht machen“, erzählt er. Doch er selbst ticke da anders. „Ich finde nichts Schlechtes daran, Erfahrungswerte von Kollegen mitzunehmen, die sich ebenfalls mit dem Werk befasst haben.“

Doctor Atomic – Enrico Delamboye

Und wie lautet nun seine Einschätzung? Was für ein Komponist ist John Adams? „Er ist genial – aber zugleich praxisorientiert.“ Was meint letzteres konkret? „Oh, das umfasst einige Aspekte. Erstens: Adams beherrscht die gesamte Klangfarbenpalette. Zweitens: Es gibt keine stundenlangen, endlosen Klangflächen – und viele Taktwechsel, die allen zur Orientierung helfen. Drittens: Die Sänger bekommen meistens ausreichend Informationen, wie ihre Phrase weitergeht.“ Was jedoch gleichzeitig bedeutet: „Natürlich ist das Werk kompliziert. Hat man das Strukturprinzip aber erst einmal verstanden, folgt es einer großen inneren Logik.“

Wie er einem Laien die Musik von „Doctor Atomic“ beschreiben würde? „Es gibt viele Dur- und Moll-Strukturen, es klingt bisweilen deutlich impressionistisch.“ Kurzum: „Debussy für Amerikaner. Oder auch: Ravel für Amerikaner – jedenfalls in manchen Szenen.“ Einiges in Stil und Farbe erinnert ihn an dessen Ballettmusik „Daphnis und Chloe“. Und was ist nun das Amerikanische daran? „Dass sich John Adams getraut hat, melodiöse Musik zu schreiben.“

John Adams: „Als Gegenpart zur männlichen Energie in der Oper steht die Figur von Oppenheimers Frau Kitty. Außer ihrer leisen, sehnsuchtsvollen Szene ‚Am I in your light?’ ist Kittys Musik ausschließlich visionär und orakelhaft. Kitty und ihr indianisches Tewa-Hausmädchen Pasqualita verkörpern unterschiedliche Aspekte von Goethes ‚Ewig Weiblichem’. Beide besitzen Kräfte einer Kassandra, aber ihre Äußerungen sind dunkel, mehrdeutig, kryptisch. Die Nichtgreifbarkeit von Kittys und Pasqualitas Äußerungen steht in starkem Kontrast zur Materialität der Männer. Nur Oppenheimer bildet die Brücke zwischen den Gegensätzen der konkreten Bilder der Wissenschaftler und den mystischen Visionen der Frauen.“

Doctor Atomic – Enrico Delamboye

„Doctor Atomic“ wird seit der Uraufführung 2005 weltweit immer wieder nachgespielt, schafft 2010 den Sprung über den großen Teich. Die europäische Erstaufführung fand damals in Saarbrücken statt, Karlsruhe folgte 2014. Doch das bedeutet eben auch, dass Koblenz erst das dritte Theater in Deutschland ist, in dem sie zu hören sein wird. Eine große Herausforderung.  „Und ein mächtiger Ansporn“, ergänzt Delamboye. „Bei diesem komplexen Werk ist es unmöglich, Perfektion zu erreichen. Selbst die Aufnahmen, die es gibt, sind nicht sauber. Das muss man einfach akzeptieren. Aber das kann natürlich auch nicht der Anspruch eines Opernhauses sein.“ Sondern? „Unser Anspruch ist es, für unser Publikum einen spannenden Live-Theaterabend zu gestalten.“

Die Zitate von John Adams entnahmen wir seiner sehr lesenswerten Autobiographie „Hallelujah Junction“, die 2008 im New Yorker Verlag Farrar, Straus & Giroux erschienen ist. Wir haben sie für diesen Text ins Deutsche übersetzt.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld


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