Es ist eine riesige Herausforderung fürs gesamte Haus: die Koblenzer Erstaufführung der Oper „Doctor Atomic“ von John Adams am 9. März. Nach Saarbrücken und Karlsruhe ist sie erst zum dritten Mal in Deutschland zu sehen. Regisseur Markus Dietze über seine Annäherung an ein extrem komplexes Werk.

Markus Dietze über Doctor Atomic – Fotos: Anette Göttlicher


München leuchtet. Ein sonniger Wintertag, der Himmel über dem Deutschen Museum strahlt tiefblau. Wir sind mit Intendant und Regisseur Markus Dietze verabredet, wollen gemeinsam die Physik-Abteilung besuchen. Und dort ein bisschen Grundlagenforschung betreiben. Denn bald beginnt er mit den Proben für „Doctor Atomic“, einer zeitgenössischen Oper des US-Komponisten John Adams, 72. Deren Thema: Die Entwicklung der ersten Atombombe durch J. Robert Oppenheimer (1904-67) und ihre Zündung in der Wüste von New Mexico am 15. Juli 1945. Die Arbeit am „Manhattan Project“, wie der Codename für das Forschungsprogramm damals lautete.

Im ersten Stock des imposanten Münchner Baus befindet sich die Abteilung Kernenergie. Dort fällt unser Blick als erstes auf eine große Zeittafel gleich hinter dem Eingang. Sie zeichnet in Wort und Bild die historische Entwicklung nach, beginnt mit Henri Becquerel, der am 1. März 1896 die Radioaktivität entdeckte, reicht über den 2. Dezember 1942 – dem Tag, an dem Enrico Fermi in Chicago die erste nukleare Kettenreaktion gelang – bis zur Explosion der Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945. 100.000 Menschen waren damals sofort tot, bis Ende des Jahres starben noch einmal 130.000, in den Jahren darauf unzählige weitere.

Es steht außer Frage: „Doctor Atomic“ ist eine Oper mit einem maximal schwierigen Thema. So ganz anders als „La Traviata“, „La Bohème“ oder „Tristan und Isolde“. Erzählt wird von Debatten über physikalische Probleme bei der Konstruktion der Atombombe. Von Diskursen über die Machtverhältnisse innerhalb des Projekts. Von Gesprächen über den Druck, den die Regierung in Washington auf die Wissenschaftler ausübt. Kein Liebeskummer, kein Liebestod, keine Liebesgeschichte. Dietze guckt von der Zeittafel auf: „So apodiktisch würde ich das nicht sagen.“ Aha? „Metaphorisch betrachtet, geht es hier durchaus um eine unglückliche Liebe. Nur eben um die zwischen dem Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis und dem Nutzen dieser Erkenntnis für die Gesellschaft.“

Markus Dietze über Doctor Atomic – Fotos: Anette Göttlicher

Dass es diese Oper überhaupt gibt, ist der Verdienst der damaligen Chefin der San Francisco Opera, Pamela Rosenberg, die sich Ende der neunziger Jahre von John Adams einen amerikanischen „Faust“ gewünscht hatte. Nach schwierigen Anfängen stieß der ebenso eigenwillige wie berühmte Regisseur Peter Sellars als Librettist hinzu; 2005 gelangte das Werk zur Uraufführung. Findet der Koblenzer Regisseur, dass sich Rosenbergs Anliegen erfüllt hat? Markus Dietze nickt. Wo liegt die Parallele? Darin, dass „Faust“ wie „Doctor Atomic“ – auch – Menschheitsparabeln sind: „Bei John Adams wird das Schicksal der Menschheit exemplarisch und quasi verdichtet thematisiert anhand der Biographie – hier möchte man fast sagen: der Arbeitsbiographie – eines einzelnen Individuums.“

Darüber hinaus hat er jedoch noch einen weiteren Aspekt gefunden, der ihn persönlich reizt: „Oppenheimer ist als Wissenschaftler in seinem Verhältnis zu der ihn umgebenden Gesellschaft in einer ähnlich privilegierten und gleichzeitig gefährdeten Situation wie wir als Künstler. Weil er zunächst einmal das, was er betreibt, abstrakt und losgelöst von der Gesellschaft tut.“ In der Physik sei ja Forschung ohne Bezug zur Realität und Lebenswirklichkeit durchaus möglich – die Neugierde als Antrieb reiche völlig aus.

„Und auch ein Künstler kann aus sich selbst heraus Kunst schaffen – ohne in Verbindung zur ihn umgebenden Gesellschaft zu sein.“ Wobei diese in beiden Fällen trotzdem nicht negiert werden könne. „Doch daraus erwachsen dann ja naturgemäß Konflikte – gerade im Hinblick auf die Atombombenforschung –, die viel mit Moral, Gewissen und Verantwortung zu tun haben.“ Drei Themenfelder, die doch den Kern dessen bilden, womit sich das Theater seit Jahrtausenden intensiv auseinandersetze.

Markus Dietze über Doctor Atomic – Fotos: Anette Göttlicher

Warum schaffte es eigentlich genau diese Oper auf den Koblenzer Spielplan? „Wir wollen uns mit zeitgenössischer amerikanischer Oper beschäftigen“, erzählt der Intendant, „haben deshalb eine kleine spielplanpolitische Linie entwickelt. Und da kommt man an John Adams nicht vorbei.“ Natürlich habe man dann immer noch die Auswahl zwischen vielen großartigen Opern, die alle mehr oder weniger die politische Zeitgeschichte zum Thema hätten. „Nixon in China“ etwa. Oder „The Death of Klinghoffer“. „Aber wir fanden, dass ‚Doctor Atomic’ am weitreichendsten, am mutigsten und am radikalsten ist.“

Was natürlich nicht nur mit dem Sujet, sondern auch mit der Musik zu tun hat. „Ich finde die Komposition unglaublich faszinierend“, sagt Dietze, „aber sie ist für mich, als musikalischer Regisseur, natürlich auch eine große Herausforderung.“ Post-Minimalismus nennen die Experten den Stil der Oper: Er ist stellenweise noch verhaftet in der Minimal Music, aber formal reicher und von großer, suggestiver Klangmagie. An die hypnotisch-repetitive Ausdrucksart eines Philip Glass erinnert „Doctor Atomic“ nur noch punktuell.

Wir stehen nun vor einem Leuchtkasten, in dem man durch das Drücken eines Knopfes selber eine Kettenreaktion auslösen kann. Die Erklärung, die darüber angebracht ist, lautet: „Bei jeder Kernspaltung werden im Mittel zwei bis drei Neutronen frei. Treffen diese Neutronen weitere spaltbare Atomkerne, verursachen sie neue Kernspaltungen. Dabei werden wieder Neutronen frei. Man nennt diesen Vorgang ‚Kettenreaktion’.“ Spontan fühlen wir uns an die Kompositionstechnik von John Adams erinnert. Überraschende Entwicklungen, komplexe Strukturen, wuchtige Steigerungen – die Ähnlichkeit ist verblüffend. Ein Zufall? Vermutlich nicht.

Markus Dietze im Deutschen Museum für Doctor Atomic – Foto:Anette Göttlicher

Als wir das Museum nach zwei Stunden etwas erschöpft, aber deutlich schlauer wieder verlassen, unterhalten wir uns darüber, ob man sich als Regisseur auf so ein Werk anders vorbereitet als auf einen Mozart-Abend oder einen Beethoven. Insofern ja, bestätigt Dietze, als dass es sich beim Personal dieser Oper um Menschen handle, die wirklich gelebt haben. Was das konkret bedeutet? „Man liest biographisches Material, beschäftigt sich mit dokumentarischen Quellen – Filmen, Briefen, Gesprächsprotokollen, Interviews. Etwas, das ja beispielsweise beim ‚Zauberflöten’-Tamino oder dem ‚Fidelio’-Florestan nicht möglich ist.“ Und nicht zuletzt: „Eben weil niemand im Produktionsteam Physiker ist, müssen wir uns natürlich auch grundsätzlich damit vertraut machen, wovon die Figuren des Werks überhaupt sprechen.“ Der heutige Vormittag war ein wichtiger Teil davon.

Dietze greift zu seiner Tasche, packt Klavierauszug und Notizheft wieder ein. Auf zum Bahnhof, der Zug zurück nach Koblenz wartet nicht.

Text: Margot Weber
Fotos: Anette Göttlicher