Die Koblenzer Erstaufführung der Oper „Doctor Atomic“ von John Adams steht bevor, am 9. März ist Premiere. Auf der Bühne zu sehen: viele Figuren, die historischen Vorbildern nachempfunden sind. Die berühmteste vielleicht, neben J. Robert Oppenheimer: Edward Teller (1908-2003), der spätere Vater der Wasserstoffbombe. Als Kollege Oppenheimers war er bereits bei der Entwicklung der Atombombe dabei.

Der Journalist Lars Reichardt, Redakteur beim Münchner SZ-Magazin, hat Teller im Sommer 2000 in seinem Haus im kalifornischen Stanford besucht. Und das letzte Interview mit dem gebürtigen Ungarn geführt. Wir haben Reichardt gebeten, sich für uns noch einmal daran zu erinnern.

Doctor Atomic – Edward Teller

„Es war recht einfach, mit ihm sprechen zu wollen“, erzählt Lars Reinhardt. Sein Kollege und er hätten zunächst das Sekretariat der Uni angerufen, das ihm die Nummer von Tellers Tochter Susan gab, die sofort und sehr freundlich sagte: Kein Problem, kommt vorbei! „Und dann hatten wir einfach nur wahnsinniges Glück“, erinnert sich der Journalist. Teller habe auf seiner Chaiselongue gelegen „wie eine uralte Echse aus der Wüste Kaliforniens“. Er hatte zwar einen Schlaganfall hinter sich, „aber er war wach, er war lustig – und er war bereit, sich auf uns und unsere Fragen einzulassen.“

Und stellte die Reporter gleich zu Beginn auf eine Wissensprobe: Wie dieser Pole noch hieße, den man immer im Zusammenhang mit Galilei nenne? „Kopernikus?“ antwortete Reichardt, eher ratend als wissend – aber es hatte gereicht. Test bestanden. „Als deutlich wurde, dass wir zwar tatsächlich nicht viel von Physik verstehen, aber auch nicht zu einer Delegation der Grünen gehörten, hob er zu einer Physikvorlesung ab, nicht ohne sich ständig zu vergewissern, ob das Publikum ihm auch folgen könne.“

SZ-Magazin: Man nennt Sie den Vater der Wasserstoffbombe. Ärgert Sie das?

Edward Teller: Jawohl, in gewisser Hinsicht. Ich habe während des Krieges an der Kernspaltung gearbeitet. Danach habe ich zur Kernfusion führend beigetragen. Viele Wissenschaftler und Freunde wollten nach dem Krieg diese Forschungen ruhen lassen. Das wäre falsch gewesen, insbesondere wegen des Kalten Kriegs. Ich habe also gegen die Wünsche der Mehrheit meiner Kollegen gearbeitet, und sehr effizient, wie ich meine. Mich ärgert nicht, dass man mich den Vater der Wasserstoffbombe nennt. Mich ärgert, dass man meine Arbeit an ihr als Sünde ansieht. Sie in Deutschland haben ihr wahrscheinlich Ihre Wiedervereinigung zu verdanken. Glauben Sie nicht?

SZ-Magazin: Die Politik der Abschreckung scheint zumindest funktioniert zu haben.

Edward Teller: Und die Wasserstoffbombe wurde schließlich nie benutzt, im Gegensatz zur Atombombe, in Hiroshima und Nagasaki.

Das Interview habe vielleicht eine Stunde gedauert, erzählt Reichardt. Und es sei einigermaßen ungewöhnlich verlaufen – nämlich fast genau so, wie es hinterher auch gedruckt worden sei. „Wir haben wenig herausgestrichen, nichts umgestellt.“ Mit 92 war der alte Mann strukturierter im Kopf als so manch anderer Gesprächspartner. Die Interviewsprache? Deutsch. Teller hatte sieben Jahre in Karlsruhe und Leipzig studiert, u.a. bei Albert Einstein und Niels Bohr, bevor er aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1933 Deutschland verließ. Nach zwei Jahren in England ging er 1935 in die USA. „Und 65 Jahre später war sein Deutsch immer noch exzellent“, sagt Reichardt.

Edward Teller: Sie kennen vielleicht Einsteins berühmte Entgegnung an Bohr?

SZ-Magazin: Gott würfelt nicht, hat er gesagt.

Edward Teller: Ich kann mir vorstellen, sagte Einstein, dass Gott die Welt gegen meine Gesetze erschaffen hat, aber ich kann nicht glauben, dass er würfelt. Aber Bohr hat bewiesen, jawohl, es wird gewürfelt, und zwar unglaublich häufig. Die Welt als etwas Unbestimmtes darzustellen, mit einer im Wesentlichen nicht voraussagbaren Zukunft, das war das Neue. Zu alldem kam die Entdeckung, dass die Kernreaktion in der Sonne auf der Erde reproduziert werden kann. Ihr Missbrauch in Hiroshima und Nagasaki war eine fürchterliche Katastrophe. Dies zusammen mit der Schwerverständlichkeit der Physik hat die Zweifel an der modernen Wissenschaft im Wesentlichen hervorgerufen, selbst bei vielen nachdenklichen Menschen.

Doctor Atomic – Edward Teller

Gegen Ende des Gesprächs habe Teller ein „perfekt in seinem Gedächtnis verankertes Gedicht von Erich Kästner zitiert“, erinnert sich Reichardt. Es stammt aus dem Jahr 1928, „ein Gedicht vor Hitlers Zeit“ (Teller). Dessen erste Zeile: Ich träume – man kann das ja ruhig gestehen – fast nie. „Dabei weinte er“, sagt Reichardt. Die Erinnerungen, die durch das Gespräch mit den Gästen aus Deutschland wieder hochkamen, schmerzten auch noch nach fast sieben Jahrzehnten. Vor allem die an seinen Doktorvater Werner Heisenberg, den er so bewundert hatte („Er war immer besser, in allem“) – und der sich dann in den Dienst der Nazis stellte. Aber wohl auch die Erinnerung an sein unbeschwertes Studentenleben in der Weimarer Republik. An die Schachpartien, die Tischtennisturniere. „Doch noch bevor wir sein Wohnzimmer verlassen hatten, schlief der Vater der Wasserstoffbombe erschöpft ein.“

Wie Reichardt den einst gefürchteten Choleriker in Erinnerung behalten wird? „Als einen verletzlichen, sanften, weichen Mann“, antwortet er.

Die Ausschnitte des Interviews, das Lars Reichardt – gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen, dem Mathematiker André Behr – mit Edward Teller geführt hat, veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Magazins der Süddeutschen Zeitung.

Text: Margot Weber
Fotos: Lawrence Livermore National Laboratory (Edward Teller), Caroline Klapp (Lars Reichardt)


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