Eine Oper von zwei Männern über einen Mann und wie er die Welt sieht – das ist „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte. In unserem Blog allerdings, mit dem wir den Probenprozess begleiten, werden wir ausschließlich die Frauen dieser Oper betrachten. In dieser Folge: Danielle Rohr, unsere Donna Elvira.

Danielle Rohr

Groß und stark und schön: Das ist unsere Donna Elvira. Eine eindrucksvolle Erscheinung, wie sie da in ihrem royalblauen Samtmantel mit großen Schritten durch den Raum fegt. Wie sie den Rücken gerade macht, ihren lockigen Pferdeschwanz nach hinten wirft und aufrecht die Szene verlässt. Für Don Giovanni ist die Signorina eine „bella“, eine Schöne. Für Donna Anna eine „dolce maestà“, also eine attraktive, majestätische Dame, und ein „edler Anblick“. Gleich bei ihrem ersten Auftritt, in ihrer Arie „Ah chi mi dice mai“, entfaltet Elvira ihre heißblütige Größe. Und als sie dann kurz darauf Don Giovanni mit Zerlina ertappt, bricht ihre Leidenschaft vollends aus ihr hervor („Ah fuggi traditor“). Aristokratischer Stolz, Feuer und Furchtlosigkeit, das zeichnet sie aus.

Eine „Traumrolle“ sei das, sagt Danielle Rohr. Die US-Amerikanerin hat keine Sekunde gezögert, als die Theaterleitung ihr sie anbot. „Am liebsten hätte ich alle Mozartpartien in meinem Repertoire“, erzählt sie, als wir uns unweit des Theaters auf einen abendlichen Wein treffen. Vor allem jedoch die „Figaro“-Gräfin, obwohl die für ihre Stimme eher unpassend liegt, nämlich zu hoch. „Ach, sie nur einmal singen“, sagt sie, und in ihrer Stimme liegt ein Hauch von Sehnsucht. „Nur, um sie in den Kopf zu bekommen. Das wäre schön!“ Denn: „Mozart ist mein Lieblingskomponist. Er ist menschlich. Und zeitlos. In seiner Musik ist einfach alles enthalten.“

Gerade liegt wieder einmal eine der üblichen herausfordernden Proben hinter ihr: Sie ist echauffiert über die Bühne gerannt und demütig in die Knie gesunken, hat zornig mit Türen geknallt und sich zutiefst verzweifelt an Wände gekauert. Hat sich von Leporello demütigen und von Don Giovanni verächtlich auf die Wange küssen lassen. Hat immer mal wieder gedroht, ihren Ex wahlweise zu zerfleischen oder ihm das Herz aus dem Leib zu reißen („Vo’ farne orrendo scempio, / Gli vo’ cavare il cor“). Von ihr fordern Komponist und Librettist permanente erregte Entäußerung – Dirigentin und Regisseur allerdings auch mal Ruhe und Besinnung. Eine Non-Stop-Achterbahnfahrt der großen Gefühle, die ihr alles abverlangt.

Donna Anna hingegen, die zweite Adlige der Oper, leidet anders. Mit mehr Hass als Wut. Und ob – und wie sehr – Zerlina leidet, das ist noch einmal eine ganz andere Frage. Aber was ist das, was wir da bei Donna Elvira sehen und hören? Was unterscheidet sie von den beiden anderen Frauen? Warum dieser Furor? Eine Frage, mit der sich auch Danielle Rohr lange beschäftigt hat. Und? Hat sie eine Antwort? „Ich glaube, sie ist die einzige, die wirklich etwas zu verlieren hat. Donna Anna bliebe, wenn sie wollen würde, noch ihr Verlobter Don Ottavio. Und Zerlina bleibt ihr Ehemann Masetto. Elvira jedoch bleibt am Ende nur das Kloster. Sie hat alles für Don Giovanni geopfert, sie hat ihm alles gegeben.“

Don Giovanni Bühnenbild
Bühnenbildmodell von Antonia Mautner Markhof

Für sich selbst hat die Sängerin, gemeinsam mit Regisseur Markus Dietze, dann aber noch eine zusätzliche Erklärung gefunden, die es ihr ermöglicht, diese Raserei nachvollziehen zu können: Wäre es nicht vielleicht möglich, dass Donna Elvira von Don Giovanni schwanger sein könnte? Ein interessanter Aspekt. „Den wir aber natürlich nicht zeigen“, sagt sie. „Das ist nur ein Gedanke für meinen Kopf.“ Also kein dicker Bauch, kein Kinderwagen, keine Baby-Requisiten auf der Bühne? „Nein. Es ist wirklich nur eine Hilfe für mich, um mir diese Figur zu erklären. Vielleicht weiß das auch niemand außer Donna Elvira selbst, vielleicht hat sie es auch niemandem gesagt – aber sie selber weiß es. Und deshalb ist sie ihm nachgereist, quer durch Spanien. Und deshalb lässt sie nicht locker. Und deshalb stört sie seine Annäherungsversuche bei anderen Frauen. Er ist ihr Mann, sie erwartet ihr gemeinsames Kind.“

Wir sprechen deutsch miteinander, auf ausdrücklichen Wunsch der Mezzosopranistin. „Ich bin jetzt in Deutschland, ich muss das lernen“, sagt sie. Es ist ihr fünftes Jahr in Europa und ihr zweites in Koblenz –  zuvor war sie drei Jahre am Theater in Pforzheim engagiert gewesen. Davor lag das Leben einer freischaffenden Sängerin in ihrer Heimat. Nach ihrem Master, den sie mit 25 in der Tasche hatte, unterrichtete sie an einer kleinen Uni, absolvierte Vorsingen, hatte viele Einzelengagements. Mit anderen Worten: keinerlei finanzielle Sicherheit. „Wenn man keine Ahnung hat, was nächsten Monat sein wird – das ist ein gefährliches Leben“, sagt sie. Deshalb also der Entschluss, nach Deutschland zu gehen? Sie nickt. Und? Hat sie es bereut? Jetzt, wo es etwas emotionaler wird, wechselt sie für einen Satz dann doch in ihre Muttersprache: „No. I left for Germany and I never looked back.“ Sie hat niemals zurückgeschaut.

Das erste Weihnachten allein auf dem fremden Kontinent? „Ja, klar, das war schwer.“ Aber das ist der Preis, den ein ausländischer Sänger zahlt. Denn Deutschland hat die meisten Theater, rund ein Drittel aller Opernaufführungen weltweit gehen hierzulande über die Bühne. Mehr als 80 öffentlich geförderte Opernhäuser gibt es – das ist international nicht nur einzigartig, sondern auch in der Anzahl unübertroffen. Im Gegensatz dazu finanziert sich das US-amerikanische Musikleben durch Mäzene und Spenden, und auch durchgehend fest engagierte Solisten gibt es nicht.

Impressionenen Don Giovanni

Aufgewachsen ist Danielle Rohr in Kansas, dem Sunflower State im Mittleren Westen. Genauer gesagt: in Ellsworth, einer Kleinstadt mit etwas über 3.000 Einwohnern. 15 ist sie, als sie mit dem Gesangsunterricht beginnt. „Es war dann schnell klar, dass das mehr als ein Hobby sein würde Aber ich dachte, ich würde später Musiklehrerin werden. Ich wusste nicht, dass man auch Opernsängerin sein kann.“ Im Jahr darauf singt sie zum ersten Mal „Batti, batti, o bel Masetto“, die Zerlina-Aria aus „Don Giovanni“, unternimmt aber auch immer wieder Ausflüge ins Musical.

Wiederum drei Jahre später, mit 19, sieht sie im etwa 350 Kilometer entfernten Kansas City ihre erste Oper – ausgerechnet „La Cenerentola“ mit Joyce DiDonato als Angelina, eine Partie, die sie schließlich im vergangenen Jahr selber in Koblenz verkörpert hat. Neben der Stasi in der „Csárdásfürstin“, Kitty Oppenheimer in „Doctor Atomic“ und Nancy in „Albert Herring“. Wobei Angelina und Kitty zweifellos die bislang wichtigsten Rollen ihres Lebens waren. Und sie es mit dem gesamten „Atomic“-Ensemble vergangenen Sommer sogar in den Kulturteil der „New York Times“ schaffte.

Als Mitglied eines Opernensembles hat man demnach nicht gerade wenig zu tun? „Ich arbeite viel“, bestätigt sie, „aber ich liebe, was ich mache. Ich habe den schönsten Beruf der Welt.“ Doch bisweilen auch – und das gehört zum Gesamtpaket nun einmal auch dazu – einen einsamen. Was dann hilft? Besuche von Freunden, Spaß und Neugier auf Neues – und das Reisen quer durch die Alte Welt. „Wenn ich mal ein paar Tage frei habe, bin ich unterwegs. Paris, Maastricht, Gent … Europa ist fantastisch dafür geeignet, und Koblenz liegt geographisch einfach toll.“

Text: Margot Weber


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