Eine Oper von zwei Männern über einen Mann und wie er die Welt sieht – das ist „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte. In unserem Blog allerdings, mit dem wir den Probenprozess begleiten, werden wir ausschließlich die Frauen dieser Oper betrachten. In dieser Folge: die koreanische Sopranistin Hana Lee, unsere Donna Anna.

Hana Lee

Was geschah in Donna Annas Schlafzimmer? So wie „Don Giovanni“ die „Oper aller Opern“ (E.T.A. Hoffmann) ist, ist das die Frage aller Fragen. Denn das Werk beginnt damit, dass zwei Menschen verstört aus einem Haus auf die Straße stürzen: ein Mann und ein junges Mädchen. Sie verfolgt ihn, aufgeregt, außer sich, im Ausnahmezustand. Was war passiert? Donna Anna, so ihr Name, behauptet, im Dunkel ihres Schlafzimmers den Mann mit ihrem Verlobten verwechselt zu haben. Nur deshalb sei sie überhaupt auf seine Liebkosungen eingegangen. Dann aber habe der Mann sie vergewaltigt. Und nun wolle sie ihn stellen, deshalb laufe sie ihm nach.

Ist das glaubwürdig? Ist das der Affekt, den eine Frau nach so einem Ereignis überkommt? Denn interessant ist: Die Musik behauptet, dass da keine Gewalt im Spiel war. Mozart erzählt uns, dass dieser junge, vermutlich sehr behütet und beschützt aufgewachsene Mensch soeben erstmals die eigene sinnliche Tiefe und Erotik gespürt hat. Dass das, was auch immer der Mann mit ihr getan hat, mit ihrem Einverständnis geschehen ist. Ja der Impuls womöglich sogar von ihr selbst ausging.

In der Koblenzer Inszenierung von Regisseur und Intendant Markus Dietze singt diese Donna Anna ein wohlvertrautes Ensemblemitglied: die koreanische Koloratursopranistin Hana Lee, die vor ziemlich genau zehn Jahren, im September 2009, an den Rhein gezogen ist. Was davor lag: ein abgeschlossenes Gesangsstudium an der Ewha Womans University in Seoul zwischen 2001 und 2004 sowie ein Umzug nach Deutschland 2005 – „um an einem Goethe-Institut Deutsch zu lernen“, wie sie erzählt. Ihre Wahl – und, vor allem, die ihrer Familie – fiel damals auf Freiburg. Warum? Weil sie aus einem behüteten Elternhaus stammt und für den Vater nur ein Ort mit Studentenwohnheim in Frage kam: „Er hatte große Angst um mich.“ Sie hingegen hatte gelesen, dass Freiburg die wärmste Stadt Deutschlands sei. Ein großer Pluspunkt, „weil ich doch immer friere.“

Don Giovanni Bühnenbildmodell
Bühnenbildmodell von Antonia Mautner Markhof

Nach vier Monaten Sprachkurs bewirbt sie sich an der Freiburger Musikhochschule – und wird sofort aufgenommen. Was sie damals vorsingt, weiß sie auch 14 Jahre später noch ganz genau: die Königin der Nacht, eine Arie aus der Matthäus-Passion sowie ein Schubert-Lied. Acht Semester Doppelstudium folgen: Operngesang sowie Lied und Oratorium. Im Februar 2009 hält sie ihr Diplom in Händen, die Abschlussprüfung bestreitet sie – erneut – mit der Königin der Nacht. Singt dann in Koblenz als Zerbinetta aus Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ und „Gilda“ aus Rigoletto vor – und bekommt das Engagement.

Nach nunmehr einem Jahrzehnt im Beruf hat sie naturgemäß bereits viele wichtigen Partien ihres Fachs gesungen: Sophie („Der Rosenkavalier“) und Olympia („Hoffmanns Erzählungen“), Adele („Die Fledermaus“), Blonde („Die Entführung aus dem Serail“), Ännchen („Der Freischütz“) und Marzelline („Fidelio“) beispielsweise.

Mühelos erreichbare Spitzentöne, perlende Koloraturen, große Kraft und eine enorme technische Sicherheit zeichnen ihre Stimme aus – und für die Bühne kommt ihre Freude hinzu, sich in immer neue Frauen- und Mädchenfiguren verwandeln zu dürfen. Kein Wunder also, dass sich in den vergangenen Jahren in Koblenz ein kleiner Hana-Fanclub gebildet hat. So dass sie mittlerweile, wenn sie durch die Stadt radelt, auch schon mal angesprochen und mit Komplimenten bedacht wird.

Sie fühlt sich wohl an Rhein und Mosel, hat längst auch Freunde außerhalb des Theaters. Hana Lee mag es, sesshaft zu sein: „Ich bin nicht geschaffen fürs Reisen. Heute hier, morgen dort – freiberuflich zu arbeiten, das wäre nichts für mich!“ Sie hat sich in Koblenz nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Leben aufgebaut: „Ich habe meine Koblenzer Familie gefunden.“

Denn die Eltern leben weit weg. Nicht mehr in Seoul, wo der Vater einst Lehrer und Eigentümer einer Nachhilfeschule war, sondern mittlerweile als evangelische Missionare in Laos. Kein Wunder also, dass sie über ihre hiesige beste Freundin sagt, sie sei wie eine große Schwester für sie. Erlebt sie Rassismus und Ausländerfeindlichkeit? Die Antwort kommt nur zögerlich, sie mag die neue Heimat ersichtlich nicht kritisieren. Höchst diplomatisch sagt sie dann irgendwann: „Da ich mich vom Theater und allen Menschen dort geschützt und gewertschätzt fühle, kann ich solche Erlebnisse ausbalancieren.“

Figurine und Impressionen von Donna Anna

Was ihre liebste Rolle ist? Da fällt nun der Name einer Figur bereits zum dritten Mal an diesem Vormittag: Die Königin der Nacht. Die böse, machtverliebte Mutter der zarten Pamina. Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen – warum mag sie es so sehr, solche brutalen Zeilen zu singen? „Die Partie wird mir einfach nie langweilig“, antwortet sie. „Ich entdecke in ihr immer wieder etwas Neues.“ Und dass sie als Muttermonster ziemlich gut ist, hat sich ziemlich schnell herumgesprochen: Mit ihrer Paradepartie hat sie bisher bereits in Erfurt, Chemnitz und Bonn gastiert.

Gleichwohl sagte sie ganz ehrlich: „Lieber mag ich trotzdem die heiteren Opern. Wenn man sechs Wochen lang eine Partie probt, bleibt das Gefühl, das man in der Rolle hat, auch nach den Proben bei einem. Bei mir jedenfalls. Und da ich lieber glücklich bin als traurig, studiere ich lieber heitere Rollen ein.“ Doch von einer Ausnahme will sie dann unbedingt doch noch erzählen: von der zeitgenössischen Oper „Der goldene Drache“, die im Sommer 2018 in Koblenz auf dem Spielplan stand. Geschrieben hat sie der ungarische Komponist Peter Eötvös, seine Vorlage bildete das gleichnamige Theaterstück von Roland Schimmelpfennig.

Hana Lee sang darin die Hauptfigur: einen kleinen Chinesen, der illegal eingewandert war und nun, ohne Aufenthaltsgenehmigung, als Küchenhilfe in einem China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant jobbt. Und am Ende stirbt. „Eine sehr berührende Geschichte“, sagt sie. „Und außerdem hatten wir mit Elmar Goerden einen ganz tollen Regisseur. Sein Blick auf das Stück war ein großer, ein philosophischer. Und er war – denn das ist für einen Sänger auch immer wichtig – ein geduldiger, höflicher und freundlicher Mensch.“

Als sie Goerdens Regiekonzept beschreibt, fallen Wörter wie „tiefsinnig“, „aufwühlend“ und „ergreifend“. Nach 14 Jahren in Deutschland hat sie einen ausgewählten, fast schon literarischen Wortschatz. Auch zu ihrer Donna Anna hat sie einen eher poetischen Zugang gefunden, das wird im Gespräch schnell klar. Eine der Fragen, die das Stück stellt, ist ja: Liebt Donna Anna eigentlich ihren Verlobten Don Ottavio? „Es gibt ja viele Arten von Liebe“, antwortet sie. „Ihre Liebe für Don Ottavio ist vielleicht keine leidenschaftliche Liebe, sondern eher eine kameradschaftliche.“ Und Donna Annas Liebe zu Don Giovanni? „Ist für mich eine eher lustvolle und erotische Liebe. Obwohl sie genau weiß, dass er ihr als Mensch nicht gut tun wird, möchte sie ihn unbedingt haben.“

Dass manche Frauen den Schurken erregender finden als den Langweiler, war eben auch schon vor 237 Jahren nicht großartig anders.

Margot Weber


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