Eine Oper von zwei Männern über einen Mann und wie er die Welt sieht – das ist „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte. In unserem Blog allerdings, mit dem wir den Probenprozess begleiten, werden wir ausschließlich die Frauen dieser Oper betrachten. In dieser Folge: das Bauernmädchen Zerlina, gesungen von der japanischen Mezzosopranistin Haruna Yamazaki.

Haruna Yamazaki

Eine junge Mutter als Zerlina: Haruna Yamazakis Tochter ist gerade einmal 18 Monate alt. Wie schafft man das, den fordernden Sängerberuf mit einem Familienleben zu verbinden? „Es ist schwierig“, gesteht sie ein. Was vor allem an den theaterüblichen Arbeitszeiten liegt: Geprobt wird vormittags in der Regel von zehn bis zwei und abends dann wieder ab sechs oder sieben – und dann manchmal bis viertel vor elf. Damit so ein Alltag überhaupt funktionieren kann, braucht es Unterstützung. In ihrem Fall: einen verständigen Ehemann, der das mitträgt und sich um den Nachwuchs kümmert, wenn die Mutter ins Theater radelt und dort Mozarts Bauernmädchen zu verstehen versucht.

Die eigenen Eltern fallen bei der Mezzosopranistin als Babysitter grundsätzlich aus, sie leben in Japan. Doch als Geburtsort steht erstaunlicherweise Stuttgart in ihrem Pass – wie kam das? „Meine Mutter und mein Vater sind ebenfalls Sänger“, antwortet sie. „Beide hatten in Japan ihr Studium begonnen und zogen dann nach Deutschland, um es fortzusetzen.“ Als die kleine Haruna zwei Jahre alt ist, bekommt der Vater seine erste Stelle, die Familie zieht nach Coburg. Als sie vier ist, wechselt er in den Chor des Nationaltheaters Mannheim. Als sie sechs ist, geht die Familie nach Tokio zurück. Heute arbeiten beide Eltern an der dortigen Musikhochschule.

Ihre Tochter schlägt zwei Jahrzehnte später einen ähnlichen Weg ein: Macht zunächst in Tokio einen B.A. in Gesang, wechselt danach aber ebenfalls an die Stuttgarter Musikhochschule. Drei Jahre verbringt sie dort, von 2009 bis 2012. Und bekommt nach dem Examen und einem Vorsingen ihre erste Stelle. In Koblenz, wo sie seitdem Ensemblemitglied ist. Und in letzter Zeit unter anderem als Zweite Dame („Die Zauberflöte“), Cherubino („Die Hochzeit des Figaro“) oder Octavian („Der Rosenkavalier“) zu hören war. Eine Lieblingspartie, mit der man sie erfreuen könnte? Hat sie selbstverständlich. Humperdincks Hänsel. „Ich mag die Atmosphäre des Werks, die Stimmung.“

Bühnenbildmodell für Don Giovanni von Antonia Mautner
Bühnenbildmodell von Antonia Mautner Markhof

Die Schwangerschaft ist ja noch nicht so lange her, ihre Erinnerung daran deshalb noch sehr lebendig. „Insgesamt bin ich damit auf der Bühne ganz gut klargekommen“, sagt sie. „Aber die letzten Vorstellungen, bevor ich in den Mutterschutz ging, waren kompliziert. Wenn der Bauch so groß ist, bekommt man wenig Luft, was das Singen schwierig macht. Und man ist natürlich nicht mehr so beweglich. Ich hatte damals eine Operettenrolle, in der ich auch tanzen sollte: die Daisy Darlington in Paul Abrahams ‚Ball im Savoy’. Da musste ich natürlich notgedrungen meine Bewegungen reduzieren.“

Ein Jahr Elternzeit, das war vor der Geburt der Tochter der Plan. Aber um den Zugang zum Beruf nicht zu verlieren, wollte sie eigentlich immer mal wieder kleine Konzerte singen, ab und zu auftreten. Doch das ließ sich kaum realisieren. „Ich hatte unterschätzt, wie anstrengend das Leben mit einem Baby sein würde. Wie sehr es mich fordert, wie nachdrücklich es rund um die Uhr meine Aufmerksamkeit will.“

Hat das Kind sie verändert? Ist sie heute anders als vor drei, vier Jahren? Haruna Yamazaki überlegt kurz, sagt dann: „Ich versuche, gelassener zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich von meinem Kind geprüft werde, wie geduldig ich sein kann.“ Außerdem habe sich ihr Bewusstsein für das eigene Leben verändert: „Ich empfinde die Zeit, die ich für mich habe, heute als kostbarer.“ Einfach, weil sie so überschaubar geworden ist. Und die Stimme? Studien sagen ja, dass die Hormonveränderungen einer Schwangerschaft da Einfluss nehmen. Haruna Yamazaki nickt. Das ist wohl so. „Ich höre öfter, dass sie etwas reifer und voller geworden ist.“

Impresseionen Zerline (Haruna Yamazaki)

Ihre Landsleute sind ja, vorsichtig gesagt, nicht gerade bekannt dafür, Freude, Liebe, Angst oder Wut öffentlich kund zu tun. Anders gesagt: Japaner gelten als zurückhaltend, leise Menschen gelten mehr als laute. „Wir denken, emotional zu sein ist nicht schön“, erklärt sie. Das jedoch sind Prinzipien, mit denen man ausgerechnet im Theater, in der Kunstform Oper nicht weit kommt. Was bei ihrem Musikstudium in Tokio aber noch keine Rolle spielte. Erst in Deutschland wurde ihr das so richtig bewusst.

„Wir Japaner sind schon auch empfindlich und empfindsam“, sagt sie. „Aber wir versuchen, nicht über unsere Gefühle zu reden.“ Es werde viel zwischen den Zeilen gelesen. „Aber in der Stuttgarter Musikhochschule habe ich verstanden, dass ich mich öffnen muss.“ Gleichwohl sei es ihr schwer gefallen, gesteht sie ein, der Prozess habe Zeit gebraucht. Zeit zur Selbsterkundung, von der sie aber wusste, dass sie sie sich nehmen muss, will sie ihren Wunschberuf ernsthaft ausüben.

Schimpft sie eigentlich ab und zu? Da ist sie bis heute eindeutig Japanerin: „Bei uns sagt man: Wörter haben eine Seele. Das bedeutet: Man kann Gesagtes nicht zurücknehmen. Und das bedeutet: Besser, man sagt es nicht.“ Was sie stattdessen im Austausch mit anderen Menschen praktiziert: ihre ganz persönliche deutsch-japanische Mischung. „Manchmal versuche ich bewusst, mich mehr zu trauen, etwas zu tun oder zu sagen. Aber manchmal auch nicht. Eigentlich bin ich immer noch dabei, meinen Weg zu finden.“

Margot Weber


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