Eine Oper von zwei Männern über einen Mann und wie er die Welt sieht – das ist „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte. In unserem Blog zur Neuinszenierung, mit dem wir den Probenprozess begleiten, werden wir allerdings ausschließlich die Frauen dieser Oper betrachten. In dieser Folge: die österreichische Sopranistin Theresa Dittmar, die das Bauernmädchen Zerlina singt.

Theresa Dittmar singt die Zerlina in

Zerlina? „Eine Frau, die weiß, was sie will“, antwortet Theresa Dittmar. „Aber ob sie nun ein unschuldiges Mädchen ist oder ein Luder, das sich nach oben schlafen will – wer mag das beurteilen?“ Die Oper lässt da mehr als eine Sichtweise zu. Wovon die junge Österreicherin allerdings überzeugt ist: „Zerlina ist klug. Sie hat sich Masetto ausgesucht, weil er ist, wie er ist. Weil sie ganz genau weiß, dass sie mit jemandem wie Don Giovanni nicht auf Dauer glücklich sein würde. Um sich ein gemeinsames Leben aufzubauen – dafür ist Masetto der richtige.“ Und warum lässt sich Zerlina, anfangs durchaus freiwillig, auf Don Giovanni ein? „Vielleicht hat sie, so kurz vor der Hochzeit, Sorge, etwas zu verpassen? Diesen Drang, alles ausschöpfen, alles mitnehmen zu wollen – das finde ich übrigens sehr heutig.“

Und Theresa Dittmar spielt und singt ihre Zerlina genau so: Als junges Mädchen, das hin- und hergerissen ist zwischen zwei gegensätzlichen Männern. Die den einen verlässlich und – gerade deshalb – liebenswert findet. Aber den anderen eben sexuell attraktiver und begehrenswerter. Masetto, der einfache Bauernjunge, wird von ihr da mal mit einem eher kumpelhaften Schulterklopfer bedacht; Don Giovanni hingegen, der erregende Adlige, mit neckisch-verführerischem Augenaufschlag. Selbstsicher verweist ihre Zerlina Masetto des Raums, will unbedingt allein sein mit Don Giovanni. Singt: Es kann doch gar nichts passieren, ich bin doch in den Händen eines Kavaliers! „È in man d’un Cavalier!“ Und meint es, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, in Wahrheit ganz anders: Hoffentlich passiert mir in den Händen dieses Kavaliers endlich etwas!

Bühnenbildmodell von Antonia Mautner Markhof
Bühnenbildmodell von Antonia Mautner Markhof

Theresa Dittmar, geboren und aufgewachsen in Klagenfurt, liegt die Zerlina mit Sicherheit in den Genen. Dass eine junge österreichische Sopranistin – oder vielleicht auch: Soubrette – keinen Zugang zu Mozarts Frauenfiguren findet, wäre vermutlich auch eher ungewöhnlich. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ihre ganz eigene Spielfreude, ihr großer Spaß am Tanz, an der Bewegung und am Bühnenflirt – all das kommt als ihre persönliche Note hinzu. 

Was allerdings auf den Proben ebenfalls schnell klar wird: Mozarts und Da Pontes unbesonnene Zerlina hat mit der reflektierten Österreicherin wenig gemein. In so ziemlich jeder Hinsicht. Lange reden wir bei einem Tee auf dem spätsommerlich-warmen Jesuitenplatz miteinander über das Leben als Sängerin und was dieser Beruf so alles mit sich bringt. Welche Opfer er erfordert und welche Zugeständnisse, wie viel Unsicherheit man aushalten muss, wie abhängig man von einem funktionierenden Körper ist. Und wie wichtig es ist, sich auch am Anfang der Künstlerlaufbahn zu trauen, ab und zu mal „nein“ zu sagen: „Es ist wichtig, dass man sich selber einen Wert gibt.“ 

Ihr Engagement in Koblenz ist noch frisch, erst seit Beginn dieser Spielzeit ist sie Mitglied des Ensembles. Und dafür – mitsamt Yorkshire-Terrier – aus Wien an den Rhein gezogen. Der frisch angetraute Ehemann, ebenfalls ein Sänger, ist in der Donaumetropole geblieben. Eine der vielen, manchmal schweren Entscheidungen, die ein Sänger, eine Sängerin immer wieder treffen muss. Denn eine der wiederkehrenden Fragen ist ja: Wie mobil bin ich, wie mobil will ich sein?

Theresa Dittmar hat sich dieser Selbsterkundung schon öfter gestellt: Nach einem anfänglichen Studium der Kulturwissenschaft in ihrer Heimatstadt hat sie sich 2010 dann doch getraut, Gesang zu studieren, zog dafür nach Leipzig. „Ich war unglücklich an der Uni – und habe parallel irrsinnige Fortschritte im Gesangsunterricht gemacht. Es hat sich herausgestellt, dass ich in der Praxis einfach besser bin als in der Theorie. Und so habe ich mich nach ein paar Semestern entschieden: Ja, ich versuche das mit dem Gesang.“ 

Zerlina ind

Das vermutlich Allerschönste, was die Entscheidung für den Sängerberuf bislang mit sich brachte: besagten Ehemann. „Wir haben uns 2013 beim Young Singers Project der Salzburger Festspiele kennengelernt – er ist Bariton und war mein Papageno.“ 2014, nach ihrem Studienabschuss, zog sie zu ihm nach Wien, arbeitete dort die vergangenen fünf Jahre freiberuflich. Was zunächst hart war, wie sie erzählt, denn natürlich hatte die Mozartstadt nicht auf eine weitere Papagena gewartet. Trotzdem schafft sie es unter anderem in eine Kinderoper ins Theater an der Wien, hat aber auch Engagements in Off-Produktionen („eine der coolsten Sachen, die ich je gemacht habe“) und, 2016, bei den Seefestspielen Mörbisch, einer der renommiertesten Festspiel-Adressen. 

In Koblenz vorgesungen hat sie im Januar dieses Jahres. Was sie dafür im Gepäck hatte? Die Despina („Così fan tutte“), die Christel von der Post („Der Vogelhändler“) und „I feel pretty“ aus der West Side Story. „Koblenz ist ja ein Mehrspartentheater, da habe ich immer auch eine Musicalpartie vorbereitet. Und da damals schon klar war, dass das Theater eine Zerlina brauchen würde, auch die.“ Was nach „Don Giovanni“ auf sie wartet? „Na, die nächste Rolle“, lacht sie. Nahtlos geht es weiter. Und zwar in der Uraufführung „Wolf unter Wölfen“ des deutsch-dänischen Komponisten Søren Nils Eichberg. Danach: die Valencienne in der „Lustigen Witwe“ und im kommenden Sommer die Partie der Anna im Festungs-„Nabucco“. Das doch sehr spezielle Freiluft-Erlebnis? Schreckt sie nicht, Wind und Wetter ist sie aus Mörbisch gewohnt.

Hat sie Lieblingspartien? „Oh, viele“, antwortet sie. „Ich wäre zum Beispiel gerne mal eine Gretel, ich mag die Rolle.“ Oder eine Pamina. Eine Susanna. „Aber ob es dahin kommt, weiß ich natürlich nicht.“ Was ihr mit Sicherheit auf ihrem Weg helfen wird: Ihr Verständnis von Oper als Musiktheater. „Ich bin vielleicht eine eher untypische Sängerin“, sagt sie. „Ich würde für die Szene auch schon mal den Ton riskieren. Auf der Bühne will ich zuallererst eine Geschichte erzählen.“

Margot Weber


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