Eine Oper von zwei Männern über einen Mann und wie er die Welt sieht – das ist „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte. In unserem Blog zur Neuinszenierung, mit dem wir den Probenprozess begleiten, werden wir allerdings ausschließlich die Frauen dieser Oper betrachten: Donna Anna, Donna Elvira und Zerlina. Aber zum Auftakt porträtieren wir erst einmal unsere Dirigentin, die 29-jährige Koreanerin Yura Yang.

Yura Yang

Ein warmer Spätsommertag, es ist die dritte Probenwoche. Heute sollen Zerlina und Masetto ihre Dorfhochzeit feiern. Theresa Dittmar und Peter Rembold, die beiden Sänger, stehen inmitten des Chores, Yura Yang gibt ihnen ihren Einsatz. Nach einer Minute winkt sie ab. Sagt freundlich lächelnd zu den Solisten: „Ich finde, das Atmen kommt ein bisschen zu spät.“ Okay. Neuer Versuch. Jetzt ist es anders. Besser? Offensichtlich. „Dankeschön!“ ruft sie von ihrem Cembalo im Graben auf die Bühne hoch. Nun der Chor. Sie lässt eine Phrase zu Ende singen, dann: „Die Herren haben super angefangen, aber sie waren am Ende ein bisschen zu spät. Können wir das bitte noch einmal machen?“ Beim zweiten Versuch ist es tatsächlich anders. Schneller, konziser, präziser. „Dankeschön!“

Yura Yang, als Gastdirigentin für den neuen „Don Giovanni“ ans Theater Koblenz engagiert, ist ein Phänomen, das war schon nach wenigen Probentagen klar: Immer freundlich, immer wertschätzend, immer ein Lächeln im Gesicht. Nie laut, nie launisch, nie polternd. Ein größerer Gegensatz zu so manchen Männern am Pult scheint kaum denkbar. Eine aus der Generation der jungen Dirigentinnen, die diesen alten Beruf auf neue Art mit Leben füllen. So wie Marie Jacquot, 1. Kapellmeisterin in Düsseldorf, Oksana Lyniv in Graz oder Mirga Gražinytė-Tyla beim City of Birmingham Symphony Orchestra. Denn die Frauen am Pult, sie werden endlich immer mehr.

Nach Koblenz geholt hat sie Rüdiger Schillig, der Operndirektor des Theaters. „In einer Interims-Spielzeit ohne Chefdirigent war es uns besonders wichtig, verschiedene Handschriften zu zeigen“, erklärt er. „Wobei Intendant Markus Dietze und ich für ‚Don Giovanni’ gezielt nach einer jungen Dirigentin gesucht hatten, weil wir hofften, dass sie diesem Werk eine individuelle und junge Note geben würde.“ Warum es schließlich Yura Yang wurde? „Weil ich vor zwei Jahren ihre Dirigate von ‚Don Giovanni’ und ‚Zauberflöte’ in Gelsenkirchen gehört hatte, von denen ich begeistert war.“

Bühnenbildmodell von Antonia Mautner Markhof

Geboren wird die so Gerühmte 1990 in Seoul. Der Vater ist Physiker, arbeitet für ein US-Unternehmen, die Mutter unterrichtet Wirtschaft –  weltoffene, musikinteressierte Menschen, die heute in Amerika leben. Im Alter von drei Jahren bekommt die Tochter den ersten Klavierunterricht, hat dann aber bald keine Lust mehr, will lieber tanzen. Geht auf ein Tanzgymnasium, wechselt allerdings mit 16 zurück auf ein normales Gymnasium, macht Abitur. Und will dann doch Musik studieren. Die Eltern? „Waren skeptisch“, lacht Yura Yang. Sie handelt mit ihnen einen Deal aus: Um den Berufseinstieg zu schaffen, darf sie für ein Jahr nach Deutschland. Klappt das nicht, kommt sie nach Korea zurück und studiert etwas anderes. Etwas Vernünftiges, das ihre Wissenschaftler-Eltern beruhigt.

Sie landet in Wiesbaden – zufällig, weil sie dort jemanden kennt. Als erstes lernt sie Deutsch, sieht dort aber auch, im Winter 2008, ihre erste Oper. Es ist, ausgerechnet, „Don Giovanni“. Nach sechs Monaten spricht sie nicht nur die neue Sprache, sondern hat tatsächlich einen Studienplatz ergattert: Sie wird Schülerin von Joachim Harder, renommierter Professor für Dirigieren an der Musikhochschule Detmold. Das erste Werk, das sie im dortigen Theater besucht: „Die Zauberflöte“.

Vier Jahre bleibt sie in Ostwestfalen-Lippe, von 2009 bis 2013, hat aber während ihres letzten Semesters bereits einen Vertrag als Korrepetitorin mit Dirigierverpflichtung in Gelsenkirchen in der Tasche. Eine ihrer ersten Aufgaben dort: ein Nachdirigat der „Zauberflöte“. Vor Mozart ist offenbar kein Entkommen.

Ohne Mentoren ist so ein stringenter, schneller Weg unmöglich. Ihr größter Förderer? „Ich hatte sehr viel Glück“, antwortet sie, „es gibt einige Dirigenten, die ich immer fragen kann.“ Angefangen bei Julia Jones, der sie 2017 an der Nederlandse Reisopera bei – mal wieder – „Don Giovanni“ assistierte, über Andreas Schüller von der Staatsoperette Dresden, bei dessen „Frau Luna“ sie dabei war, bis hin zu Georg Fritzsch, der sie im vergangenen Jahr nach Kiel holte. Dort ist sie Kapellmeisterin, Solorepetitorin und Musikalische Assistentin des Generalmusikdirektors, beginnt zeitgleich ein Master-Studium an der Hochschule für Musik und Theater München. Zu diesem Zeitpunkt wird sie bereits seit zwei Jahren vom Deutschen Musikrat gefördert – der sie übrigens vor wenigen Monaten in die Künstlerliste „Maestros von Morgen“ aufgenommen hat. Und ihr rasanter Weg nach oben nimmt in diesen Wochen weiter Fahrt auf: Seit Beginn dieser Spielzeit ist sie 1. Kapellmeisterin sowie stellvertretende Generalmusikdirektorin am Theater Aachen.

Zurück auf der Probe. Zurück zu Zerlina und Masetto. „Giovinette che fate all’amore, / Non lasciate che passi l’età!“ Yura Yang, voller Bewegungsdrang, tanzt die Phrase vor ihrem Cembalo stehend mit. Was man in ihren weichen, fließenden Bewegungen sieht: vor allem Leichtigkeit. Und allerhöchste Konzentration. Permanent wandert ihr Blick zwischen ihrer schweren, rot gebundenen Partitur und der Bühne hin und her, lautlos spricht sie jeden einzelnen Satz mit. Als ein paar Minuten später die Szene ins Stocken gerät, klimpert sie fröhlich improvisierend auf den Tasten herum.

Selbstbewusst und charmant ringt sie Regisseur Markus Dietze kleine und größere Zugeständnisse ab: Muss es für die Rezitative wirklich ein Cembalo sein? Schöner – weil historisch korrekt – wäre doch ein Hammerklavier. Okay, sagt der, wir denken drüber nach. Schließlich müsste so ein Instrument extra angemietet und nach Koblenz transportiert werden. Eine kleine Atempause zwischen Rezitativ und Arie? Wäre es nicht besser, wenn es harmonisch ineinander fließt? Der Intendant nickt. Und nennt sie mittlerweile auch schon mal „die Regisseurin am Klavier“.

Woher sie die innere Sicherheit nimmt, dass Mozart genau so klingen soll, wie sie selber denkt? „Es ist alles in der Musik. Man hört alles. Die Verführung, den Kampf, das Sterben – alles ist bereits da.“ Sie muss es nur noch zum Leben erwecken. Ist Mozart auch ihr Lieblingskomponist? Sie zögert ein bisschen. Entschließt sich dann aber, ehrlich zu sein: „Eher Richard Strauss.“ Ein konkretes Werk? „Der Rosenkavalier.“ Hat sie den bereits gemacht? „Nein.“ Kleine Pause. „Ich bin noch nicht würdig.“ Immerhin hat sie neulich zum ersten Mal „Die Frau ohne Schatten“ dirigiert – ein Anfangspunkt ist also gesetzt. Was sie macht, wenn es ihr mal schlecht geht? „‚Rosenkavalier’ hören.“

Zehn Minuten Probenpause. Yura Yang scherzt mit der Souffleuse. Auf Spanisch. Sie spricht fünf Sprachen – „das einzige, was ich außer Musik ein bisschen kann“. Und außer Billard, denn das spielt sie manchmal mit ihrem Vater. Wie sie sich selber einem Fremden gegenüber beschreiben würde? „Ich bin lernsüchtig“, lacht sie. „Ich versuche, viel zu lesen. Aber ich versuche vor allem, jedes Stück, das ich mache, wirklich gut zu kennen. Ich würde mich schlecht fühlen, wenn ich mir ein Werk nicht Wort für Wort, Note für Note erarbeiten würde. Antonio Pappano hat mal gesagt, Autorität beruhe auf Wissen. Das versuche ich zu beherzigen.“

Margot Weber