von Katharina Dielenhein

Der Mensch will von Natur aus unterhalten werden. Wenn es zu einem schönen Abend dann noch gutes Essen gibt, ist die Mischung perfekt. Das Café Hahn in Güls und die Koblenzer Buchhandlung Reuffel haben sich das zu Herzen genommen und sind mit einer Idee an uns herangetreten. Entstanden ist die Veranstaltungsreihe „Literatur live & lecker” auf der Festung Ehrenbreitstein, in deren Rahmen Café Hahn, Reuffel und wir auf eine kulinarisch-literarische Reise durch Europa einladen. Spanien und Griechenland durften die Besucher von „Literatur live & lecker” schon besuchen, nun ging’s nach Skandinavien.

Wer an skandinavische Literatur denkt, denkt – vor allem in den vergangenen Jahren – wohl zuallererst an Schweden. Unrecht tut man damit allerdings den übrigen Ländern. Schuld an diesem Ungleichgewicht haben unter anderem Krimiautoren wie Henning Mankell oder Stieg Larsson, die in den vergangenen 20 Jahren – zumindest gefühlt – den Markt dominiert haben. „Wir lesen keine Krimis“ war deshalb die Ansage, die Markus Dietze, Intendant am Theater Koblenz, und Ralf Schurbohm, Komponist und Pianist, sich im Vorfeld selbst gegeben hatten und auch verkündeten, keine zwei Minuten nachdem die Zuschauer saßen. Keine Krimis. Und auch Schweden sollte es nicht sein. Nach Dänemark ging die Reise an diesem Abend, und dass es auch reichlich gute dänische Autoren gibt und gab, dürfte nach zwei Stunden keiner der Anwesenden mehr bestreiten. Zu Brezeln, Köttbullar und Klößen zeigten Dietze und Schurbohm einen Querschnitt durch die dänische Literatur, die sich zumindest an diesem Abend als sehr melancholisch darstellte.

An einem Märchen von Hans Christian Andersen kamen die beiden Künstler nicht vorbei – das merkten sie schon während der Vorbereitung –, wählten aber bewusst nicht „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Die Prinzessin auf der Erbse“, sondern „In Jahrtausenden“. Dietze las, und die Erzählung reihte sich gut ein in die Auswahl, die die Männer gemeinsam getroffen hatten: Sie lasen Werke in dänischer Sprache; sie lasen Lyrik und Ausschnitte aus Geschichten; sie lasen Thomas Boberg, Inger Christensen, Morten Søndergaard, Klaus Rifbjerg. Beim Lesen wechselten Dietze und Schurbohm sich ab, unterbrachen sich, lasen gemeinsam, nacheinander, durcheinander. Sie lasen Texte, die unterschiedlicher nicht sein konnten, die aber doch eines immer gemein hatten: Sie stimmten allesamt zumindest nachdenklich, mitunter waren sie sogar recht düster. Doch betrüblich wurde die Stimmung nicht. Ralf Schurbohm spielte während und zwischen den Lesungen Musik von dänischen und skandinavischen Komponisten aus verschiedenen Jahrhunderten am Klavier und bereicherte den Abend so um einen weiteren Aspekt: den der Musik. Das gipfelte sogar darin, dass Markus Dietze sich dazu hinreißen ließ, „Hamlet“ von den Wise Guys zu rappen. Nur so viel: Wer es nicht gesehen hat, der hat etwas verpasst. Wirklich verpasst.

Immer wieder reicherten Dietze und Schurbohm ihre Beiträge außerdem mit Wissen um die Künstler oder die Dänen an. So erzählte der Intendant über Inger Christensen, dass diese jahrelang als Anwärterin auf den Friedensnobelpreis galt, und berichtete auch über seinen Erfahrung mit der dänischen Sprache: „Das Kosewort Schatz und das Wort für die Steuer sind im Dänischen dasselbe. So eine Sprache kann doch keine schlechte sein.“ Die Herausforderung sei, so Dietze, dass im Dänischen Schriftsprache und gesprochene Sprache wenig miteinander gemein hätten. Er musste sich an diesem Abend mit dem Problem aber nicht weiter herumquälen; Schurbohm, der seit zehn Jahren in Kopenhagen lebt, übernahm dankenswerterweise den dänischen Part.

Die Einsätze, Wechsel und Witzeleien funktionierten so einwandfrei, dass man meinen konnte, der Abend sei wochenlang geprobt worden. Aber weit gefehlt: Nur an einem Vormittag waren Dietze und Schurbohm dafür zusammengekommen; die Abstimmung, welche Texte vorgetragen, welche Lieder gesungen werden, war zuvor größtenteils per E-Mail passiert. Und wieso die Zuschauer an diesem Abend gerade mit diesem Duo das Vergnügen hatten, das erklärte Dietze in seiner Einführung: „Ruth Duchstein wollte, dass ich einen der Abende selbst gestalte. Und da noch Theaterferien sind und mir nichts ferner liegt, als einen Schauspieler aus seinem Urlaub zu holen, haben Sie jetzt leider den Salat.“ Zu stören schien das aber niemanden, ganz im Gegenteil.

Am Ende des Abends muss Ruth Duchstein von Reuffel zumindest ein kleiner Stein vom Herzen gefallen sein. „Für einen Veranstalter gibt es nichts Schlimmeres, als wenn er das Programm der Künstler vorher nicht kennt“, sagte sie. Aber sie habe tiefes Vertrauen in das Duo gehabt und sei nicht enttäuscht worden.

Dietze und Schurbohm, aber auch Café Hahn und Reuffel, gewährten an diesem Abend einen nachdenklich-unterhaltsamen Einblick nicht nur in Literatur, sondern mit Musik, Essen und Gesang vielmehr in einen großen Teil der dänischen Kultur insgesamt. Und spätestens als Ralf Schurbohm zum Abschied des Abends Robbie Williams’ Lied „Angels“, das er eigens ins Dänische übersetzt hatte, vortrug, wurde klar: Bei „Literatur live & lecker“ kann alles passieren.

Bereits am 17. September geht die kulinarisch-literarische Europareise weiter. Dann laden Café Hahn, Buchhandlung Reuffel und das Theater Koblenz auf eine Reise nach Great Britain ein. Die Schauspielerin Raphaela Crossey und der Schauspieler Ian McMillan werden den Abend gestalten. Am 29. Oktober geht es weiter nach Österreich.