Den Film mit Susan Sarandon und Sean Penn kennt fast jeder. Aber wer weiß, dass es auch eine gleichnamige Oper gibt? Vor gut 20 Jahren wurde sie in San Francisco uraufgeführt – und verhalf einem aufstrebenden Komponisten zum weltweiten Durchbruch: Jake Heggie, damals 40 Jahre alt und zuvor Mitarbeiter in der PR-Abteilung des Opernhauses. Zufälligerweise war Heggie vor einigen Wochen für ein paar Tage in Frankfurt. Dort hat ihn Regisseur und Intendant Markus Dietze zum Gespräch getroffen und um Auskunft gebeten …

"Dead Walking": Komponist Jake Heggie in der Selbstauskunft.
… über sein Leben vor „Dead Man Walking“

„Als ich Ende 20 war, bekam ich eine Fokale Dystonie an meiner rechten Hand. Das ist eine neurologische Erkrankung, die sich in nicht beeinflussbaren und oft langanhaltenden Muskelkontraktionen äußert. Spielte ich Klavier, drehte sich meine Hand nach oben und verbog sich zu einer Faust. Am Ende sollte es vier Jahre dauern, bis die Krankheit wieder verschwunden war. Aber zunächst musste ich das Klavier aufgeben und brauchte einen Job. Ich konnte gut schreiben, so landete ich nach meinem Musik- und Klavierstudium und einigen anderen Stationen in der PR-Abteilung der San Francisco Opera.“

„Es entpuppte sich als ein Geschenk des Himmels. Es war die beste Ausbildungsstätte, die ich mir wünschen konnte. Auch wenn ich in meiner ersten Zeit dort noch gar nicht wusste, dass aus mir einmal ein Opernkomponist werden würde. Auf dem College hatte ich sehr viele Lieder komponiert, aber das ist natürlich etwas ganz anderes.“

„In San Francisco bestand meine Aufgabe darin, Geschichten über die Sängerinnen und Sänger des Hauses zu schreiben und sie zu Interviews zu begleiten: Frederica von Stade, Renée Fleming oder Silvia McNair, die damals noch am Anfang ihrer Weltkarrieren standen. Renée hatte zu jener Zeit noch nicht einmal einen Plattenvertrag! Irgendwann fragten sie mich nach meinem Leben, und ich antwortete: ‚Nun, in einer anderen Zeit war ich einmal ein Liedkomponist.‘ Daraufhin sagten sie: ‚Oh, wie wundervoll! Ich würde diese Lieder gerne sehen!‘” 

„Ich werde nie vergessen, wie ich Folk Songs für Frederica arrangierte, sie ihr überreichte, furchterfüllt – und sie sagte zu mir: ‚Oh, diese Lieder sind wirklich sehr schön. Was halten Sie davon, wenn wir zusammen ein Konzert geben?‘ Ich begann, meinen Kolleginnen Lieder auf den Leib zu schreiben – und sie begannen, sie zu singen. Darauf wurde dann nach einer gewissen Zeit auch Lofti Mansouri aufmerksam, damals der Intendant des Hauses, und fragte mich eines Tages, 1997, war das, ob ich nicht Lust hätte, eine Oper zu schreiben.“ 

"Dead Walking": Komponist Jake Heggie in der Selbstauskunft.
… über die Entstehungsgeschichte von „Dead Man Walking“

„Falls ich einverstanden sei, würde er mich nach New York schicken, zum Dramatiker Terrence McNally, den er als Librettisten vorgesehen hatte. Nun ja, ich war gerade einmal 34 Jahre alt, ein kleiner Angestellter – wer war ich, meinem mächtigen Chef widersprechen zu wollen? Ich flog also nach New York. Terrence und ich trafen uns, und zunächst sah es, ehrlich gesagt, nicht so aus, als würde es mit uns funktionieren. Aber dann wendete sich das Blatt, er rief mich an und sagte: ‚Wir machen es!‘ Er suche nun nach einem Stoff. Er wolle ein großes Drama, dass explizit amerikanisch sei, aber eine universale Gültigkeit habe. Das zwar in unserer Gegenwart angesiedelt, aber zeitlos sei. Er fürchte aber, sagte er dann noch, dass das einigermaßen schwierig zu finden sei.“

„Ja, und eines Tages erzählte er mir von ‚Dead Man Walking‘. Ich hatte natürlich den Film gesehen, ich hatte auch Sister Helens Buch gelesen – beides war 1997 noch in aller Munde –, und sofort richteten sich alle Härchen an meinem Körper auf und mein Bauch rumorte und ich wusste: Das ist es! Dieser Stoff würde alle Bedingungen erfüllen, die man an eine Oper stellt: Szenen für Solisten, Ensemble- und Chorszenen – und die Emotionen, die Thema, Text und Musik beinhalten, würden groß genug sein, um ein großes Opernhaus zu füllen.“

„Wir schauten den Film daraufhin noch einmal gemeinsam an, und wir kauften uns ein gemeinsames Exemplar von Sister Helens Buch. Wir lasen es abwechselnd und schickten es hin und her. Jeder von uns kreiste Passagen ein, die er wichtig fand, Sätze, die er schön fand, Wörter, die er mochte und gerne in der Oper hören würde, Terrence hatte bis dahin viele Schauspiele verfasst, auch Bücher für Musicals geschrieben, aber kein Libretto.“

„Er sagte zu mir: ‚Mein Ziel ist es, dass meine Wörter dich zu Musik inspirieren. Und wenn du fühlst, dass dich deine Musik irgendwohin trägt und meine Wörter den Weg nicht mitgehen, dann schreib eigene und wir finden später eine Lösung dafür. Das Allerwichtigste ist, dass die Musik den Text führt.‘ So machten wir es. Und dann schenkte er mir dieses großartige Libretto, das nach Rock’n‘Roll verlangte und nach Gospel und nach all diesen Musikstilen, die mir wichtig waren und die mich – als amerikanischen Komponisten – beeinflusst hatten.“ 

"Dead Walking": Komponist Jake Heggie in der Selbstauskunft.
… über seine aktuelle Arbeit

„Ich schreibe gerade an einer neuen Oper für die Houston Grand Opera; das Libretto stammt von Gene Scheer, der auch den Text zu ‚Moby-Dick‘ geschrieben hat. Die Oper heißt ‚Intelligence‘ und geht auf eine wahre Geschichte zurück: Sie handelt von Spioninnen während des US-amerikanischen Bürgerkriegs. Gene und ich bilden mit der Regisseurin Jawole Willa Jo Zollar, einer Choreographin aus Brooklyn, ein Team: Wir erarbeiten die Uraufführung eng zusammen. Ich habe das noch nie zuvor so gemacht und finde das extrem spannend.“

… über seine Schaffenskrise in der Pandemie

„Eigentlich sollte ‚Intelligence‘ bereits im vergangenen Herbst zur Uraufführung kommen, nun ist es im Herbst 2023 soweit. Gottseidank, muss ich sagen! Denn während des Shutdowns war ich nicht in der Lage, zu komponieren. Was meine Arbeit betrifft, hatte ich eine schreckliche Zeit. Ich bin daran gewöhnt, innere Unsicherheit während des Kompositionsprozesses zu spüren – damit kann ich umgehen, das kenne ich. Aber vor einem Jahr erlebte ich auf einmal eine äußere Unsicherheit. Und die hat mich arbeitsunfähig gemacht. Aber, bitte, nicht falsch verstehen: Ich war nicht krank oder depressiv, im Gegenteil! Ich war zu Hause – und ich war glücklich, zu Hause zu sein. Ich konnte eben nur nicht komponieren.“ 

„Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie bei der Arbeit dieses Brennen spüren, dieses Feuer, diese Leidenschaft für das, was da entsteht? Und den starken Drang, etwas nur so und genau so schreiben zu müssen? Ich brauche das. Anders geht es nicht. In der Pandemie hatte ich dieses Gefühl lange Zeit nicht.“ 

… über sein heutiges Leben

„Obwohl die Pandemie noch längst nicht vorbei ist, fühlte sich das Leben für mich mittlerweile wieder anders an – auch, weil ich nicht glaube, dass es noch einmal zu einem kompletten Shutdown kommen wird. Sicher werden uns weiterhin Unsicherheiten begleiten. Aber damit kann ich umgehen. Jetzt habe ich meine Kreativität zurück – aber es war ein langer und herausfordernder Weg. Es fühlte sich an, als müsste ich ein rostiges, altes Auto neu starten. Das Auto hatte sehr lange unbenutzt herumgestanden, und wenn man den Schlüssel einsteckt, stottert es erst einmal rappelnd vor sich hin. Aber jetzt fährt es wieder.“ 

Fotos: Matthias Baus


Dieser Beitrag Teil unserer vierteiligen Blogserie rund um Jake Heggie und „Dead Man Walking“.
Die gesamte Reihe besteht aus folgenden Beiträgen:

Sister Helens Reise (Teil 1)
Komponist Jake Heggie in der Selbstauskunft (Teil 2)
Gedanken zur Todesstrafe (Teil 3)
Einblick in die Komponistenwerkstatt (Teil 4)