Zuckerwatte drehen kann er, Quatsch mag er – und mit Hochlandblumen kennt er sich sowieso aus. Regisseur Markus Dietze hat für uns ein kleines Wagner-Wörterbuch erstellt.

A wie Amme

Im Theater sind die Ammen oft verbrämte Mutterfiguren. Denn sie zeigen – wie Mary im „Holländer“ – all das, was man gemeinhin von einer Mutter erwartet: ein gutherziges Hinwenden zum jungen Mädchen, ein großes Interesse an seinen Nöten und Konflikten. Und wenn es, wie in „Romeo und Julia“, sowohl eine Mutter als auch eine Amme gibt, kann man sehr schön sehen, dass zwei Aspekte des Mutterseins auf zwei Figuren aufgespalten werden: Die eine Figur, Gräfin Capulet, übernimmt den gesellschaftlich-repräsentativen Bereich, die andere den emotional-zugewandten.

B wie Bayreuth
Als Regieassistent des „Rings“ von Jürgen Flimm habe ich dort zwischen 1998 und 2004 viele Sommer gelebt – und die Erfahrung gemacht, dass die Stadt mit den Festspielen symbiotisch verbunden ist. Was mir für Bayreuth durchaus leid tut. Als Stadt geht sie in der Wahrnehmung vieler Menschen neben den Festspielen und dem Phänomen Richard Wagner vollkommen unter.

C wie Cosima

Unser Bild von Richard Wagner als einer erhabenen Ausnahmeexistenz würde ohne Cosima nicht existieren. Die Frage ist nur: Ist das gut oder schlecht? Denn: War Richard nicht vielleicht auch nur ein normaler Mensch mit Stärken und Schwächen – aber eben zusätzlich mit einem großen Talent? Tut ihm diese Überhöhung wirklich gut?

D wie Dienen
Einer Sache dienen, sie wichtiger nehmen als sich selbst – das finde ich sehr sinnvoll. Einem Manne dienen – so wie Kundry im „Parsifal“ – sollte allerdings überhaupt keine Frau jemals. Aber auch kein Mann. Was für ein unerträgliches Konzept!

E wie Erlösung

Ich glaube an das Prinzip der Katharsis. Soll heißen: Damit wir Menschen ein bisschen intensiver an unserer eigenen Erlösung arbeiten, finde ich es nötig, auf der Bühne eben keine Erlösungsschlüsse zu zeigen, sondern Vernichtung, Verderben und Verdammnis. Erschauern und Erschrecken können zum Nachdenken, zur Reflexion bewegen.

F wie Fernrohr
Für einen Brillenträger wie mich sind Fernrohre die Höchststrafe; Ferngläser sind okay. Als Requisit hingegen ist ein Fernrohr sehr schön, weil es eine Behauptung ins Maximale steigert: Jeder Zuschauer weiß, dass unsere „Holländer“-Bühnenfiguren ohnehin nicht da sind, wo sie vorgeben zu sein. Sprich: In Schottland. Aber wenn dann noch eine von ihnen durch ein Fernrohr in den Zuschauerraum guckt, wird es nochmal absurder.

G wie Geschmeide

Das Geschmeide, das Donald begehrt, sind „kostbare Perlen, edelstes Gestein“. Ein Ring ist Schmuck. Aber ist er auch Geschmeide? Für mich wird ein Ring vom Schmuckstück zum Geschmeide – was ich ein viel weicheres Wort finde –, wenn er mit einem emotionalen Inhalt aufgeladen ist.

H wie Hochlandblume
Die Frau als „Blume des Hochlands“: Das scheint ein schwer romantischer Topos zu sein. Und der „Holländer“, in dem Georg – in seiner Kavatine gegen Ende der Oper – von ihr singt, ist bereits die dritte Oper, in der sie mir begegnet. In „Alfonso und Estrella“ von Franz Schubert wird die Frau mit ihr verglichen. In Marschners „Vampyr“, den ich im vergangenen Frühjahr hier in Koblenz gemacht habe, ebenso: „Blume des Hochlands, du Davenaut-Rose“.

I wie Inspiration

Vieles in der Kunst ist nicht Inspiration, sondern lediglich Erinnerung an Dinge, die einem passiert sind. Oder harte Arbeit. Innerhalb meiner eigenen Arbeit inspirieren mich die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Außerhalb der Arbeit die Bildende Kunst und die Architektur.

J wie Jäger
Unser „Holländer“-Georg ist nur deshalb ein Jäger, weil alle anderen Männer Seeleute sind. Er ist ein Außenseiter, und das ist das Bild, das Wagner dafür gewählt hat. Würde der „Holländer“ unter Bäckern spielen, wäre Georg ein Fleischer. Würde er unter Fleischern spielen, wäre Georg ein Veganer.

K wie Künstleroper

Mit der These, dass es sich beim „Holländer“ um eine Künstleroper handelt – der Holländer als Abbild des ewig suchenden, einsamen Künstlers – kann ich nichts anfangen. Für mich gibt es lediglich ein einziges gutes Künstlerdrama: „Jeff Koons“ von Rainald Goetz. Ich persönlich gehöre zudem zu den Menschen, die das Wort Künstler gerne in Anführungszeichen setzen. Weil ich finde, dass es einem Künstler nicht gut tut, darauf zu verweisen, Künstler zu sein. Es sagt ja auch kein Genie von sich, dass es ein Genie sei. Und wenn es das von sich sagt, ist es oftmals keins.

L wie Leitmotiv
Leitmotive sind großartige Hilfsmittel für Wagner-Regisseure. Ich selber erfinde ja auch gerne für die Sänger Leitmotive, die es gar nicht gibt. Das soll ihnen beim gedanklichen Durchschreiten ihrer Partie helfen. Das berühmte Flaschen-Verteilungs-Motiv etwa. Die sprachliche Beschreibung einer musikalischen Phrase hilft, diese Stelle nachhaltig im Kopf des Sängers zu verankern.

M wie Manie

Senta befindet sich in einer manischen Phase – so haben wir ihr Verhalten für uns im Probenprozess beschrieben. Mir ist die Gefahr allerdings sehr bewusst, durch das leichtfertige Verwenden von Begriffen wie Wahn oder Manie Menschen zu nahe zu treten, die tatsächlich von psychischen Krankheiten betroffen sind. Das Beschreiben von Kunstfiguren anhand realer psychischer Begrifflichkeiten ist ein Wandeln auf einem schmalen Grat.

N wie Nihilismus
Damit konnte ich noch nie etwas anfangen, nicht einmal in der Pubertät. Ich persönlich glaube an die Existenz von sinnstiftenden Zusammenhängen.

O wie Orchestergraben
Der Koblenzer Orchestergraben ist viel zu eng und zu klein. Ich wünschte, er wäre größer. Deshalb sitzt bei unserem „Holländer“ das Orchester auf der Bühne. Deshalb kann man bei uns – anders als in Bayreuth, wo das Orchester verdeckt ist – auch nicht in Bermudas Dienst tun.

P wie Projektion

Ein schön mehrdeutiger Begriff. Zum einen: Mit Video-Projektionen zu arbeiten, kann auf dem Theater eine spannende Herausforderung sein. Außerdem: Im „Holländer“ mit Video-Projektionen zu arbeiten, spiegelt auf eine technische Art und Weise, dass Senta und der Holländer unaufhörlich etwas aufeinander projizieren. Und drittens: Wenn wir Theaterleute auf den Stoff, der bei unserem Bühnenbild die Rückwand bildet, Wasser projizieren, projiziert jeder Zuschauer da hinein nun wieder sein persönliches Bild vom Meer.

Q wie Quatsch

Ohne Quatsch kein Theater, ohne Quatsch kein Richard Wagner, ohne Quatsch überhaupt keine Kunst. Denn Quatsch meint ja: Sich zu etwas in eine ironische Distanz setzen – und daraus kann durchaus Kunst entstehen.

R wie Richard Wagner
Als Erfinder von Klang und als Musikschaffender ist er grandios und wegweisend. Aber als Dramaturg seiner eigenen Werke, als Dramatiker und Erfinder von Text wird er dramatisch überschätzt.

S wie Senta

Mich interessieren die Abgründe von Frauenfiguren grundsätzlich mehr als die von Männern. Für mich handelt der „Holländer“ von Senta. Es ist nämlich so: Der männliche Schöpfer dieser Oper zeigt mir ausführlich die Komplexität und Abgründigkeit der Titelfigur. Da muss ich als Regisseur lediglich seinen Intentionen folgen. Diese Menge an Informationen gibt er seinen Frauenfiguren aber nicht immer mit. So dass ich bei den Frauen die viel interessantere Arbeit leisten kann.

T wie Texel
Mein persönliches Winter-Wahnfried. Kein Zufall also, dass wir dort die Filmaufnahmen für den „Holländer“ gedreht haben.

U wie Utopie
Theater ist ein Ort, an dem wir uns Utopien anschauen können, damit sie hoffentlich irgendwann Realität werden.

V wie Verführung

Im „Holländer“ spielt sie keine Rolle. Was interessant ist, weil man natürlich in sehr vielen Schauspielen oder Opern genau sagen kann, wer wen verführt, an welcher Stelle die Verführung stattfindet oder scheitert – und wo sie komponiert ist. Auch in späteren Opern Wagners, im „Lohengrin“ oder „Tristan“, findet ja durchaus Verführung statt. Das einzige, was ich sagen würde: Womöglich hat Senta sich selbst zu etwas verführt – aber das ist bereits lange vor Beginn der Handlung passiert.

W wie Wahn
Wahn ist eigentlich ein guter Zustand. Es heißt ja Wahn-Sinn und nicht Wahn-Unsinn. Offensichtlich hat Wahn also Sinn. Ohne ein bisschen Wahn kann man die großen Herausforderungen des Menschseins vermutlich auch nicht ertragen.

Z wie Zuckerwatte

Sollte ich nicht essen, liebe ich aber sehr. Und dank der Zuckerwattenmaschine, die ja integraler Bestandteil der Festszene ist, habe ich ein ganz neues Talent an mir entdeckt: Ich kann super Zuckerwatte drehen.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld

In unserer Reihe zur Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ sind bereits folgende Texte erschienen:
Vom Wasser
Mit Markus Dietze, dem Regisseur der Neuinszenierung, auf dem Rhein
Hier spielt die Musik!
Ein Gespräch mit dem Koblenzer Chefdirigenten Enrico Delamboye und dem Dirigenten der Neuproduktion, Mino Marani
„Kinder, schafft Neues!“
Su Sigmund, die Kostümbildnerin der Produktion über ihre Arbeit als Künstlerin
Der Holländer als Holländer
Bassbariton Nico Wouterse, der Sänger der Titelrolle
All the world’s a stage
Bodo Demelius’ Arbeit als Bühnenbildner in 5 Akten
Wahn, Manie, Tod
Sopranistin Susanne Serfling, so näherte sie sich der Partie der Senta