Und zwar die von Richard Wagner. Der „Fliegende Holländer“. Nur: Welche Fassung soll’s denn sein? Und warum? Ein Gespräch mit dem Koblenzer Chefdirigenten Enrico Delamboye und dem Dirigenten der Neuproduktion, Mino Marani

Wie das bei Opern oft so ist: Nicht jedes Werk gibt’s nur in einer einzigen Version. So steht bisweilen am Anfang erst einmal die Frage, welche man wählt. Oder, anders gesagt: Welche für die hauseigene Neuinszenierung am besten passt. Jene, die bei der Uraufführung zu hören war? Jene, die der Komponist später selbst überarbeitet hat, und zwar aufgrund spezieller Sängerwünsche – wie es etwa bei „Don Giovanni“ der Fall ist? Oder gegebenenfalls eine unvollendete Version, wenn der Komponist über dem Werk verstarb – so wie Puccini über „Turandot“ oder Alban Berg über „Lulu“?

Eine sehr vergnügliche Fassung der Geschichte um Senta und ihren Seefahrer wäre beispielsweise diese hier. Vorhang auf für den „Lügenden Wollhändler“!

Diese hübsche Lego-Fassung haben wir allerdings – schweren Herzens – verworfen. Und uns stattdessen für die Urfassung entschieden. Sie erzählt, was vielleicht nicht weiter verwunderlich ist, die Geschichte etwas anders. Vor allem tragen manche Figuren andere Namen.

Warum heißt Erik bei uns Georg?

„Weil wir die sogenannte ‚Pariser Urfassung’ von 1841 zeigen“, erklärt Chefdirigent Enrico Delamboye. Wagner schrieb den „Fliegenden Holländer” im wesentlichen 1841 in Paris, wo er ihn auch gerne zur Uraufführung gebracht hätte. Das ließ sich allerdings nicht realisieren. In diesem ersten Konzept spielt die Handlung noch an der schottischen Küste. Doch bereits vor der Uraufführung, die schließlich 1843 in Dresden stattfand, verlegte er die Handlung nach Norwegen – und veränderte zwei Rollennamen. Aus dem schottischen Georg(e) wurde ein norwegischer Erik, aus dem Schotten Donald der Norweger Daland. Bei dieser „Pariser Urfassung“, die nun in Koblenz zu sehen und zu hören sein wird, handelt es sich also um ein Werk, das bereits vor der Uraufführung grundlegend revidiert worden ist.

Was ist in der Urfassung anders?

Zum einen das Ende der Ouvertüre und das Ende der Oper: Beide sind rabiater, rauer, schroffer. Und haben noch nicht den sogenannten „Tristan“- oder Erlösungsschluss. Denn den hat Wagner sogar erst 1860 hinzugefügt. „In seinen späteren Bearbeitungen hat er die Oper regelrecht weichgekocht“, sagt Delamboye. Der „Holländer“ war für seinen Schöpfer ein Work in progress, an dem er immer wieder herumschraubte, zuletzt 1880 – 37 Jahre nach der Uraufführung.

Auch der Orchesterklang der Urfassung ist härter, kantiger, aggressiver. „Was, wie ich finde, gut zum Erzählten passt“, so Delamboye. „Wir sehen eine verrohte Gesellschaft, erleben einen Vater, der seine Tochter verschachert, und Menschen, die sich gegenseitig nichts gönnen. Wir blicken in eine Welt ohne Liebe.“ Das Stück brauche dieses Aufgeregte und Aufdringliche in der Musik, das in der Urfassung viel deutlicher zu hören sei.

Und zum vierten: 1841 stand die Senta-Ballade noch in a-Moll – für die Uraufführung transponierte Wagner sie um einen Ton nach unten. Warum? „Vielleicht auf Wunsch der damaligen Sängerin – vermutlich also aus bühnenpraktischen Gründen“, vermutet Delamboye,

Und was bedeutet das für den Orchesterklang?

„Wir haben einen schlankeren Streicherstil, dazu romantische Posaunen und die im 19. Jahrhundert üblichen Naturtrompeten“, erklärt Mino Marani, der 1. Kapellmeister des Theaters, der diese Produktion musikalisch verantwortet. Und zu guter Letzt statt einer Tuba den Nachbau einer Ophicleide. „Das war ein im 19. Jahrhundert sehr populäres Blechblasinstrument, in der Form einem Fagott nicht unähnlich – das sich aber aufgrund des schnellen Siegeszugs der Tuba nicht durchsetzen konnte.“

Also klingt der Koblenzer „Holländer“ so wie vor 160 Jahren? „Ganz bestimmt nicht“, sagt der Dirigent. „Wir spielen heute auf ganz anderen Instrumenten als damals. Seitdem hat sich der Instrumentenbau rasant entwickelt, die Instrumente sind immer stärker und lauter geworden.“ Außerdem seien unsere Ohren ja ganz andere als die der Menschen von 1841. „Es ist unmöglich, die Erfahrung eines damaligen Hörers zu reproduzieren – weil wir ja all das zusätzlich im Ohr haben, das nach 1841 entstanden ist.“ Eine Annäherung, immerhin, die sei möglich. Oder, wie Enrico Delamboye es formuliert: „Wir versuchen, dem Klangideal von damals so weit wie möglich nahezukommen.“

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld, Matthias Baus für das Theater 
Koblenz

In unserer Reihe zur Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ sind bereits folgende Texte erschienen:

Vom Wasser
Mit Markus Dietze, dem Regisseur der Neuinszenierung, auf dem Rhein