Es geht nicht gut aus für die Menschheit in John von Düffels Antikentravestie „Nach Delphi – Szenen aus der Zukunft“. Aber das weiß man ohnehin schon, oder? Rechtsrutsch, Dauerkrise und Klimakatastrophe lassen einen jedenfalls nicht optimistisch in die Zukunft schauen. Aber wie soll man überhaupt in die Zukunft schauen, wenn über kurz oder lang alles im Nebel verschwimmt? Ein Probenbesuch.

Unterwegs auf dem Zeitstrahl (Raphaela Crossey)

1. Rausch

Bühnennebel. Wenn der Bühnennebel zu wabern beginnt, dann verlässt das Theater die reale Welt, dann dringt der Mythos ins Stück ein. In Markus Dietzes Uraufführungsinszenierung von John von Düffels „Nach Delphi – Szenen aus der Zukunft“ wabert es schon ziemlich bald. Die deutsche Mittelschichtsfamilie im Griechenlandurlaub wandert durch die Ruinen des Orakels von Delphi, und da überschreiben die antiken Sagen die Erlebnisse von Nachrichtensprecherin Renate (Raphaela Crossey), TV-Schauspieler Rolf (Wolfram Boelzle) und Teenagertochter Ilvy (Esther Hilsemer). Mythos im Urlaubsalltag.

Aber es wabert noch aus anderen Gründen. Aus einer Felsspalte dringen berauschende Dämpfe: Hier kommt der Nebel wieder in der Realität an, weil sich die Visionen der Delphi-Priesterinnen dadurch erklären lassen, dass sie ein bisschen viel von diesen Dämpfen abbekommen haben. Die schwer deutbaren Orakelsprüche – das Gebrabbel einer gut bedienten Kifferin. Und a propos Kiffen: An einer Stelle bekommt Ilvy eine riesige Bong gereicht, mit der Warnung, erstmal „nicht volles Rohr“ zu ziehen, worauf Ilvy erst recht volles Rohr zieht. In der Inszenierung: Bühnennebel. Was bedeutet, dass man bis auf weiteres nur noch wenig sieht.

2. Spoiler

Ein Probenbericht soll nicht spoilern. Nur: Wie kann man darauf verzichten, den Schluss zu verraten, wenn Anfang und Schluss des Stücks gar nicht klar sind? Die qualmende Erdspalte stößt nämlich nicht nur berauschende Gase aus, sie ist auch ein Portal in eine andere Zeit. Guide Lou (Lukas Winterberger) verschwindet kurzerhand im Loch, Ilvy springt ihm begeistert hinterher, nach einiger Zeit stolpert auch noch Renate in die Tiefe, zudem landet auch noch ein Handy in der Zeitfalte, über das sich mehr oder weniger (okay: eher weniger) sinnvoll kommunizieren lässt. Die Zeitstruktur der Handlung ist von diesem Moment an jedenfalls nicht mehr genau zu bestimmen, und dass Rolf eine Rolle in einer Science-Fiction-Fernsehserie übernimmt, verkompliziert das Sprechen über die Zukunft zusätzlich.

Esther Hilsemer und Markus Dietze auf dem Weg zur Probe

Denn darum geht es in „Nach Delphi“ eigentlich: Um den verzweifelten Versuch, über die Zukunft zu sprechen, ob nun in den rätselhaften Vorhersagen eines Orakelspruchs, in der Spannungsdramaturgie einer Science-Fiction-Serie oder in den Risikoberechnungen eines Versicherungsanalysten (Marcel Hoffmann, dessen Zahlenmensch Manfred Michalke erst zu Michelle, dann zu Mick und dann zu Mixe wird, halb Mensch, halb Nixe, ein*e Anpassungsmeister*in, der*die Diversität als perfekte Assimilation an sich verändernde Umstände begreift).

Die Zukunft, wie von Düffel sie zeichnet, ist jedenfalls abschreckend: Die Umwelt ist nicht mehr zu retten, von „Hochsee“ etwa spricht niemand mehr, weil der Meeresspiegel längst in ungeahnte Höhen gestiegen ist.

Eine rechte Partei namens „Der Flügel“ bildet die Regierung unter einem „Kanzler Höcke“ sowie den Ministern Gau und Land. Und hungrige Eisbären marodieren durch die norddeutsche Tiefebene, nachdem der Klimawandel die letzten Eisschollen schmelzen ließ. Obwohl, stopp: Die letztgenannte Wendung ist in Wahrheit die vierte Staffel von Rolfs Fernsehserie, mit der echten Zukunft hat sie nichts zu tun. Oder?

3. Bilder

Die Bilder, die Dietze für diesen Trip durch die Zukunftsebenen findet, sind eklektisch: Die politischen Entwicklungen werden als Nachrichtenfernsehen gezeigt. Die Szene, als Rolf den Oscar bekommt (und seine Dankesrede zum überraschenden Pamphlet gegen die rechte Regierung umlabelt), ist ein Spiel im Spiel. Die Barszene, in der das Künstler*innenpaar Alexa und Alexis (Jana Gwosdek und Jona Mues) über künstlerische Freiheit im Angesicht ökonomischen Zwangs diskutiert, ist feinstes Meta-Theater. Und als Ilvy ein Kind erwartet (genauer: ein Eisbärenbaby, niedlich aber auch gefährlich), wird das Geschehen zur Krankenhaussoap, was nur folgerichtig ist, weil das kollabierende Gesundheitssystem reihenweise Fachfremde an die OP-Tische lockt, Hauptsache, sie haben ein bisschen Ahnung von Medizin, und sei es als Fernsehärzte. Ein Albtraum. Ein großer Spaß.

Welche Zukunft erwartet uns?

4. Traum

Das ist diese Uraufführung tatsächlich. Ein großer Spaß, weil man spürt, wie begeistert sich die Darsteller*innen auf die halbsbrecherischen Stimmungswechsel des Stücks einlassen. Wieviel Freude Dorit Lievenbrück (Bühne) und Bernhard Hülfenhaus (Kostüme) an der detailreichen Ausstattung haben. Mit welch diebischem Vergnügen sich die Mezzosopranistin Danielle Rohr und der Pianist Karsten Huschke als Gäste aus dem Musiktheater in die Schauspielproduktion einschleichen. Und gleichzeitig ist die Inszenierung ein Albtraum, weil der beschriebene Blick in die Zukunft tatsächlich erschreckend ist, bis hin zu den (authentischen) Überflutungsbildern, die irgendwann über die Bildschirme flimmern (Video: Georg Lendorff). Es geht nicht gut aus.

Zumindest für die Menschheit. Die Kleinfamilie findet in den letzten Augenblicken so etwas wie Harmonie, und Rohr singt Aaron Copelands „At The River“: „Ja, wir werden uns am Fluss versammeln, am schönen, schönen Fluss.“ Und das ist kein Spoiler, sondern nur ein drogenvernebelter Blick in die Zukunft. Ein Stochern im Bühnennebel.

Text: Falk Schreiber
Fotos: Matthias Baus

Die letzte Zusammenarbeit zwischen dem Theater Koblenz und John von Düffel war die Arbeit an Nils Søren Eichbergs Oper „Wolf unter Wölfen“. Zu dieser Auftragskomposition des Theaters Koblenz schriebt John von Düffel das Libretto.