Naja, sagt Nico Wouterse, Bassbariton und Ensemblemitglied des Theaters Koblenz. Holländer sei er nicht, sondern Limburger – und damit Niederländer. Aber egal. Sprechen wollen wir darüber, ob ihn und den „Fliegenden Holländer“, den er in der Koblenzer Neuinszenierung singt, etwas verbindet. Oder vieles. Oder womöglich gar nichts?

Verabredet sind wir am frühen Nachmittag im Mittelrhein-Museum am Koblenzer Zentralplatz. Nico Wouterse ist pünktlich. Und hat sich selbst als Seefahrer dabei. Genauer gesagt: trägt sein Porträt unterm Arm, das in der Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ von Senta bereits angebetet wird, bevor sie ihn überhaupt kennenlernt. Auch wenn sein Gemälde ihn als eine etwas jüngere Version seiner selbst zeigt – die Ähnlichkeit ist unverkennbar.

Wie es der Zufall so will, ist im Untergeschoss des Museums noch bis zum 18. Februar die empfehlenswerte Ausstellung von Werken Andreas Achenbachs (1815-1910) zu sehen. Seine Bilder passen zu unserem „Holländer“-Gemälde wie gespuckt. Nicht weiter verwunderlich, war der Düsseldorfer Künstler doch ein Zeitgenosse Richard Wagners (1813-1883) und offensichtlich eine ebenso wildromantische Seele. Wir stellen unseren schwarz gerahmten Opern-Seefahrer neben Achenbachs goldgerahmte Bilder windumbrauster Matrosen und imposanter Segelschiffe und beginnen mit Blick auf unsere kleine Installation unser Gespräch.

Der namen- und heimatlose Mann, der bei Richard Wagner nur „Fliegender Holländer“ heißt – ist er Ihnen irgendwie ähnlich? Oder ganz anders?

Nico Wouterse: Wir sind zwei sehr unterschiedliche Charaktere. Jedenfalls, was den Holländer dieser Inszenierung betrifft. Der Holländer braucht überlebensnotwendig – jedenfalls denkt er das – einen anderen Menschen, um sein einziges Ziel zu erreichen. Um es mal mit den Worten von heute zu sagen: Er versucht verzweifelt, jemanden zu finden, der seinen Mist wegräumt. So könnte und würde ich selber niemals denken und leben.

Warum?

Nico Wouterse: Der Holländer macht sich dadurch abhängig von einem anderen. So zu sein – damit gibt man ja einem fremden Menschen Macht über sich. Das möchte ich für mein Leben möglichst vermeiden. Für mich sind drei Dinge wichtig: Ich bin für mich und das, was ich tue, hundertprozentig selbst verantwortlich. Ich versuche, mich unabhängig zu machen von den Meinungen anderer. Und: Ich bin nicht bereit, mich in meiner persönlichen Freiheit einschränken zu lassen.

Sie wollen selbstbestimmt leben.

Nico Wouterse: Ganz genau. Und nur das kann einem letztlich doch echte Sicherheit geben. Abhängig zu sein, meint ja auch: Ständig Erwartungen an andere zu hegen. Und dann enttäuscht sein, wenn sie nicht erfüllt werden. Das macht angreifbar.

Auch eine Frau, die sich selbst aufgibt, um dem Mann zu dienen – so wie hier Senta oder, später bei Wagner, Kundry –, gibt keine Sicherheit?

Nico Wouterse: Wie denn? Der Holländer, also der Mann, blickt doch auf Senta, die Frau, wie auf ein Gebrauchsobjekt. Als Mensch, auch als Frau, ist sie ihm gleichgültig. Noch nicht einmal lieben muss sie ihn. Er will sie, damit sie ihn erlöst – was auch immer das meint. Für mich ist dieser Holländer sehr unsicher. Mir kommt es so vor, als würde er zu jenen Menschen gehören, die gerne sagen: Die anderen sind schuld daran, dass ich so bin, wie ich bin. Und der Angst davor hat, selber Entscheidungen zu treffen.

Können Sie das nicht nachvollziehen?

Nico Wouterse: Nein. Denn wenn ich mich nicht entscheide, lebe ich ja im Stillstand. Aber: Bitte nicht falsch verstehen! Das bedeutet nicht, dass ich selber ständig das Bedürfnis habe, mein Leben ändern zu wollen. Ich bin sehr dankbar für all das, was ich habe. Aber ich bin nicht damit zufrieden. Ich will, dass sich in meinem Leben immer etwas erneuert. Wenn ich nur alle sieben Jahre die Möglichkeit zur Veränderung hätte, würde ich sie doch umso mehr nutzen!

Der Holländer tut das in Ihren Augen nicht?

Nico Wouterse: Nein, das schafft er offenbar nicht. Der Landgang ist ihm zuwider. Und ist er schließlich doch mal an Land, sieht er sich lediglich in seinem Unglück bestätigt. Und als dann, dank Senta, endlich einmal nach unzähligen Landgängen die Erlösung wirklich zum Greifen nahe ist, denkt er: Um Himmels Willen! Bloß nicht! Nur weg von hier! Der Holländer will gar keine Lösung. Keine Er-Lösung. Lieber will er weiterhin in seinem Unglück verharren. Das kennt er, das ist ihm vertraut. Kennen Sie diese tolle Zeile aus dem Song „Die Lösung“ von Annett Louisan: „Geh’ mir weg mit deiner Lösung / Sie wär’ der Tod für mein Problem“? Genau so denkt er, der Holländer.

Nico Wouterse klemmt sich sein Gemälde wieder unter den Arm und wir verlassen das Museum. Es nieselt leicht, also nehmen wir den Weg quer durch das Forum Mittelrhein, vorbei an entspannt bummelnden Koblenzern mit Einkaufstüten, Smartphones und Starbucks-Bechern. Gleich beginnt die Abendprobe, und da müssen die beiden Holländer zurück sein auf der Probebühne.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld

In unserer Reihe zur Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ sind bereits folgende Texte erschienen:
Vom Wasser
Mit Markus Dietze, dem Regisseur der Neuinszenierung, auf dem Rhein
Hier spielt die Musik!
Ein Gespräch mit dem Koblenzer Chefdirigenten Enrico Delamboye und dem Dirigenten der Neuproduktion, Mino Marani
„Kinder, schafft Neues!“
Su Sigmund, die Kostümbildnerin der Produktion über ihre Arbeit als Künstlerin