Ballettmeisterin Michelle Eckstein hat in den vergangenen Jahren wie auch in dieser Spielzeit die Choreografen aller Ballettabende, allen voran Ballettdirektor Steffen Fuchs, bei ihren Produktionen assistiert. Die gebürtige Nordengländerin arbeitet schon seit ihrem 18. Lebensjahr am Theater Koblenz und war die ersten 22 Jahre als Balletttänzerin beschäftigt: „Mit 16 bin ich für zwei Jahre zur Royal Ballet School gegangen. Ich sollte ein drittes Jahr dort bleiben, aber habe in London für eine Compagnie in Kiel vorgetanzt, wo der damalige Koblenzer Ballettdirektor saß, der mich sechs Monate später anrief und engagierte. Innerhalb von ein bis zwei Wochen bin ich dann von London nach Koblenz umgezogen.“ Heute erzählt uns Michelle von der aktuellen Ballettproduktion „Die Odyssee“ von Steffen Fuchs.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Was waren deine Aufgaben innerhalb der Produktion „Die Odyssee“?
Meine Aufgabe für dieses Stück war, alles zu wissen. (lacht und weist auf den dicken Ordner, der neben ihr auf dem Tisch liegt) Die Musik zu diesem Ballettabend ist wahnsinnig kompliziert. Ich musste also der gesamten Choreografie von Steffen Fuchs folgen können und habe mir dafür ein System ausgedacht: Eine ausführliche Tabelle, aufgeteilt in Minuten und Sekunden der Musik und in die Taktform, in der wir uns befinden (slow 8, fast 8 etc.). Daneben dann eine kurze Beschreibung, welcher Tänzer in diesem Moment genau was macht. Jeder Tänzer oder jede Gruppe hat seine eigene Farbe und mit Hilfe von Symbolen notierte ich die Tanzschritte. Nach jedem Tag, nach jeder Probe musste diese Tabelle ergänzt, korrigiert und aktualisiert werden. Das war meine Hauptaufgabe.

Du beobachtest die Tänzer also auch während der Proben und korrigierst sie.
Ja, ganz viel. Denn wenn man choreografiert, kann man nicht gleichzeitig noch alle ‘counts’ der Tänzer im Blick haben. Es ist mein Part, Steffen hierbei zu unterstützen. Ich korrigiere in den Proben sehr viel, zähle laut mit, achte darauf, dass die Bewegungen und die Haltungen gleich sind. Natürlich ist uns auch unsere Korrepetitorin Olga Bojkova-Bićanić eine große Hilfe. Sie hat zum Beispiel für uns die Stücke durchgezählt und die Taktstruktur notiert. Darauf basierend habe ich dann mein Notationssystem entwickelt.

Also habt ihr von Beginn an mit der Tabelle und dem Plan gearbeitet?
Nein. Angefangen hat die Arbeit in diesem Stück mit der Choreografie. Denn Steffen hat nicht mit der Musik choreografiert, sondern zuerst Schritte entwickelt, mal mit einem Paar oder einem einzelnen Tänzer. Dann kam die Musik hinzu und die Schrittfolge wurde entsprechend ergänzt, verkürzt, verlängert oder zu einem Kanon zusammengesetzt. Mit der Musik habe ich auch das Übertragen der Choreografie in meine Tabelle begonnen.

Machst du dir auch schon Notizen, während der Entstehung der Choreografie?
Ja. Die sehen dann noch ziemlich wild aus. Zum Beispiel „lift legs“, „take leg“ vielleicht mit einem kleinen Symbol dazu. Ich schreibe meistens auf Englisch, weil es für mich viel schneller geht und unsere Arbeitssprache Englisch ist. Es gibt Ballettbegriffe für verschiedene Bewegungen, die helfen. Auch, wenn wir keine klassische Ballettbewegung entwickeln, kann ich die Bezeichnung trotzdem davon ableiten. Diese Notizen sind die Vorlage für das spätere Notationssystem gewesen. Dadurch, dass man die Notizen immer wieder überarbeitet und aufschreibt, prägt man sich die Choreografie auch sehr gut ein. Um Bewegungen zu beschreiben und zu notieren, benutzen wir eine sehr bildhafte Sprache. Zum Beispiel gibt es in „Die Odyssee“ eine Bewegung namens ‘die Forelle’. (lacht)

Wie entsteht denn eine solche Choreografie?
Jeder Choreograf entwickelt seine Tanzschritte auf unterschiedliche Weise. Es gibt keinen typischen Musterweg, nach dem gearbeitet wird. Manche probieren die Schritte an sich selbst aus, andere entwickeln sie mit den Tänzern, experimentieren auf unterschiedliche Weise usw. Jeder hat seinen eigenen Ansatz.

Haben die Choreografen dabei auch schon explizite Tänzer im Sinn?
Ja, das gibt es oft. Es bringt mir zum Beispiel nichts, wenn ich ein Solo mit vielen Sprüngen choreografiere, das keine Stärke meiner Tänzerin ist. Oder umgekehrt. Es gibt in jedem Ensemble bestimmte Typen. Natürlich muss man sich auch oft anpassen, um die Anforderungen der Choreografen zu erfüllen, aber im Wesentlichen sind die Bewegungen danach orientiert, was die Stärken der Tänzer sind.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Homers Versepos ist inhaltlich sehr dicht. Was aus der Geschichte erzählt Steffen Fuchs im Ballettabend „Odyssee“ aus deiner Sicht?
Steffen hat uns in den Proben zu allen Figuren, die im Ballett gespielt werden (Odysseus, Penelope, Athene, Zyklopen, etc.) genaue Anweisungen gegeben, wer sie sind, welche Eigenschaften sie haben und wie das in der Bewegung dargestellt werden soll. Steffen vermittelte uns also vor allem, wie man einer ganz normalen Bewegung einen starken, speziellen Ausdruck verleiht.

Dann hat er den Schwerpunkt nicht auf die Geschichte, sondern auf die Figuren gesetzt.
Das ist vor allem das, was wir während der Proben mitbekommen haben. Er hat natürlich eine Struktur, der er folgt. Und man kann einen Teil der Geschichte sehen: Wie Odysseus verschiedene Abenteuer bewältigt. Aber der Fokus liegt für uns tatsächlich auf den Figuren und der Körperlichkeit. In einer Einführung zu Beginn der Probenzeit hat uns Steffen die Geschichte der Odyssee zusammengefasst. Aber die Choreografie ist etwas Eigenes, etwas Neues. Der Schwerpunkt liegt auf der Reise, es gibt verschiedene Stationen, in denen unterschiedliche Figuren oder Wesen mit Odysseus zusammentreffen. Das ist die Hauptstruktur.

Und die zieht sich so durch den ganzen Abend?
Nein, das gilt nur für die erste Hälfte des Abends. Die zweite Hälfte hat eine andere Struktur und wird zu einer anderen Musik getanzt. Hier steht die Frage im Raum, was mit Menschen passiert, die im Krieg waren sowie mit denen, deren Partner im Krieg ist und die auf diese warten. Wie begegnet man sich wieder, vor allem, da man durch die Erlebnisse zu einem anderen Menschen geworden ist. Steffen hat dafür verschiedene Paare aufgestellt: All diese Paare sind – ausgehend von Odysseus und Penelope – ein Rückkehrer und eine Person, die ihn erwartet. Jedes Paar reagiert anders und drückt eine andere Emotion und Atmosphäre aus.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die zwei Teile unterscheiden sich aber auch stilistisch und tänzerisch.
Vor allem das Schuhwerk ändert sich: Im ersten Teil tanzen die Frauen auf Spitze, in sehr schlichten Kostümen und im zweiten Teil barfuß, gekleidet in langen Kleidern. Dadurch ergibt sich eine ganz andere körperliche Sprache: Der erste Teil ist eher neoklassisch und der zweite Teil eher contemporary getanzt, aber es ist sehr schwierig gezielte Tanzstile zu benennen und das mache ich auch nur sehr ungern.

Ist die Produktion für dich abgeschlossen, sobald die Probenphase beendet sind?
Nein, während die Vorstellungen laufen, übernehme ich immer die Abendspielleitung. Das bedeutet, dass ich die Bühne danach überprüfe, ob alle wesentlichen Bühnenelemente vorbereitet sind, bevor getanzt wird. Und während des Stückes verfolge ich die Choreografie von der Seitenbühne und gebe den Tänzern wichtige Einsätze.

Anja Merfeld und Nathalie Thomann

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