Vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Produktion „Engel in Amerika“ von Tony Kushner besuchen wir für dieses Interview die RAT&TAT Koblenz e.V. Aidshilfe Rheinland-Pfalz. Dort bringt uns Mitarbeiterin Anna Kukuk rund um das Thema HIV auf den aktuellsten Stand.

Anna Kukuk von RAT&TAT Koblenz e.V. Aidshilfe Rheinland-Pfalz


Wie nehmen Sie die dargestellte Situation der Homosexualität im Stück wahr?
Als eine große Varianz von Homosexualität, weil die homosexuellen Charaktere im Stück sehr unterschiedlich sind. Man hat auf der einen Seite den sehr machthungrigen Anwalt, der homosexuell ist, aber trotzdem Schwule hasst. Daneben den jungen jüdischen Mann, der seit viereinhalb Jahren in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, sich aber in Zeiten der Krise doch von ihm loslöst. Oder den frisch geouteten Mormonen, der den inneren Kampf gegen seine Homosexualität ausficht und eine tablettensüchtige Frau hat, mit der er gleichzeitig zurecht kommen muss. Ich finde, dass das sehr gut zeigt, wie variantenreich Liebe sein kann.

Und wie war die Wahrnehmung der Aidserkrankung?
Diese habe ich gar nicht als Hauptthema wahrgenommen, sondern eher als Sinnbild einer gesamten Krise: Nach welchen Zielen und Werten streben wir? Wie brüchig sind unsere Beziehungen, homosexuelle wie heterosexuelle? Aids war zwar das übergreifende Element zwischen den Charakteren, aber es stand für mich nicht so im Vordergrund, als dass Aids das gewesen wäre, was die Figuren ausgemacht hat. Gleichzeitig wurde aber deutlich, dass es sich um eine Krankheit handelt, die jeden betrifft und keine Unterschiede zwischen Klassen oder Lebensstandards macht.

Wie kann man sich die Situation in den 1980er Jahren vorstellen, als die Erkrankung bekannt wurde? Deckt sich die Darstellung des Stücks mit der Realität?
In dieser Zeit ist politisch viel passiert, es waren die Zeit des kalten Krieges, es gab viel Korruption in den USA und in diesen Kontext ist die Entdeckung von Aids sozusagen ‘reingeboomt’. Das hat noch einmal eine ganz andere Art von Krise ausgelöst in diesem Drama und den politischen Wirrungen, die sich sowieso schon abgespielt haben. Das Stück erzählt vor allem sehr treffend von der dadurch ausgelösten Panik vor der neuen Diagnose: Was ist das eigentlich genau, warum betrifft es in erster Linie schwule Männer? Auch der Umgang mit der Diagnose ist sehr realistisch. Zum Beispiel die Verleugnung des Anwalts „Ich habe doch kein Aids – ich habe Leberkrebs! Und ich möchte nicht, dass irgendjemand weiß, dass es Aids ist, denn das würde ja bedeuten, ich bin schwul.“ Die Verknüpfung der Erkrankung mit der Homosexualität war damals tatsächlich sehr im Vordergrund.

Christof Maria Kaiser in , Engel in Amerika´
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Ist das heute immer noch so?
Es wandelt sich. Es ist so, dass die Infektionszahlen in Deutschland seit Jahren stagnieren. Trotz Aufklärung wird es nicht weniger – es wird auch nicht mehr, aber die Gruppe der Infizierten verschiebt sich. Früher war es tatsächlich so, dass hauptsächlich Homosexuelle und Drogenabhängige betroffen waren, mittlerweile kehrt sich das etwas um, denn es sind immer mehr, vor allem junge, Heterosexuelle, die sich neu infizieren. Das Problem ist, dass viele Neudiagnosen erst im Stadium Aids gestellt werden – dem Endstadium der Erkrankung (2016 wurden 3100 Neudiagnosen gestellt, davon 1100 im Stadium Aids). Vorher wird die Diagnose als HIV-Positiv bezeichnet. Die Angst vor einem positiven Testergebnis ist eine große Hemmschwelle, sodass Hilfe erst sehr spät stattfinden kann und die Therapie erschwert ist. Das ist ein Wandel, den man sehr deutlich beobachten konnte in den letzten Jahren.

Woran liegt es, dass sich der Schwerpunkt der Erkrankten zu Heterosexuellen verschiebt?
Noch sind es weniger heterosexuelle Infizierte, aber man erkennt einen deutlichen Anstieg. Homosexuelle Männer gehen aufgrund der geschichtlichen Entwicklung ganz anders und wesentlich bewusster mit dem Thema HIV um, denn sie wissen, dass sie eine Risikogruppe sind. Sie schützen sich dementsprechend und lassen sich regelmäßig testen. Das tun Heterosexuelle nicht, denn sie nehmen sich oftmals nicht bewusst als Risikogruppe wahr.

Was hat sich in den vergangenen Jahre seit 1980 verändert?
Man muss die Veränderung von zwei Seiten betrachten: Was ist in Medizin und Forschung passiert und was in der Gesellschaft? Die Spannbreite ist hier sehr groß. Denn in der Medizin hat sich sehr viel getan, in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Akzeptanz allerdings relativ wenig. Die ersten Fälle sind 1981 in den USA aufgetreten: In San Francisco sind viele junge Männer mit verschiedenen Krankheitssymptomen aufgefallen. Es war nicht bekannt, was es war und wo es herkam, aber man stellte fest, dass sie ein gleiches Krankheitsbild mitbrachten. Deshalb wurde das Phänomen als ‘Gay Related Immune Deficiency Disease’ (GRID) bezeichnet – als Schwulenkrankheit. Erst 1983 wurde der Virus nachgewiesen, der diese Symptome verursacht. Ab da wurde die Krankheit ‘Acquired Immune Deficiency Syndrome’ (AIDS) genannt und ab 1984 gab es die ersten HIV-Tests.

Ab 1986 wurden die ersten Aidshilfen gegründet. Das war im Grunde genommen ein Netzwerk aus Betroffenen, Familienangehörigen, aber auch Therapeuten. Sie hatten das Ziel, die Lebenssituation von HIV-positiven Menschen zu verbessern, diese sozial aufzufangen und die medikamentöse Therapie voranzubringen. Das Therapiethema bei den Aidshilfen war im Wesentlichen die Vorbereitung auf den Tod – ein großer Unterschied zu heute, denn in unseren aktuellen Beratungen geht es vor allem darum, wie man gut mit HIV lebt.

Christof Maria Kaiser, Ian McMillan, Klaus Philipp, Dorothee Lochner
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Und das ist heute durchaus möglich.
Ja! Es hat sich in der medikamentösen Therapie sehr viel getan. Anfangs war es nur möglich, die opportunistischen Infektionen wie Pilzinfekte, Lungenentzündungen, Krebserkrankungen, Durchfälle usw. zu behandeln. Im Endeffekt hat man die Symptome behandelt, aber nicht die Ursache selbst. Erst 1995/96 kam mit der HIV-Kombinationstherapie der Durchbruch in der Behandlung. Zudem wurde es erstmals möglich, die Viruslast im Blut zu messen, also die Anzahl der Viren in einem Milliliter Blut. Denn das sagt viel über den Status der Erkrankung aus. Die neuen Kombinationstherapien halfen nun dabei, die Viruslast im Blut soweit zu senken, dass die Helferzellenzahlen steigen und die Patienten sich wieder erholen konnten. Die Infektion ist nicht heilbar, aber man kann sie eindämmen, wodurch ein gutes Leben möglich ist.

Was Fachleute schon lange wussten, machte das Schweizer Ärzteblatt 2008 offiziell:
Menschen mit HIV sind nicht mehr ansteckend, sofern sie in medikamentöser Therapie sind und die Viruslast unter 20 Viruskopien pro Mililiter Blut liegt.

Eine grandiose Erkenntnis, die gar nicht lange zurück liegt…
Aber eine Erkenntnis, die sich immer noch nicht durchgesetzt hat. Es ist tatsächlich für viele überraschend, wenn sie hören, dass jemand, der HIV-positiv ist, gar nicht ansteckend ist, sofern er seine Medikamente einnimmt und seine Viruslast unter der Nachweisgrenze ist.

Wie hoch ist denn aktuell die Wahrscheinlichkeit, diesen Wert unter 20 zu erreichen?
Unter kontinuierlicher Einnahme der Medikamente bei über 90 %. Eigentlich kann man sagen, dass nahezu alle, die sich in Therapie befinden, das Ziel erreichen, unter dieser Nachweisgrenze zu sein. Das ist bei jedem Patienten das Therapieziel. Vor diesem Hintergrund ist es für Betroffene auch wieder möglich, Partnerschaften zu führen, ohne dass das Gegenüber Angst haben muss, sich anzustecken. Das ist eine wesentliche Erkenntnis, die unbedingt weitergegeben werden muss. HIV und AIDS lösen bei den meisten Menschen immer noch sehr diffuse Ängste aus. Unter anderem auch, weil sich die wenigsten derart mit dem Thema befassen, dass man ihnen die Ängste nehmen kann.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

 

Also besteht offensichtlich Verbesserungsbedarf bezüglich der Aufklärung.
Genau. Ich sehe die Problematik besonders in der Art der Aufklärung. Dafür sind in der Regel die Schulen verantwortlich, beziehungsweise diese machen das federführend und haben dabei einen sehr biomedizinischen Ansatz. Wenn diese Jugendlichen dann bei unseren Präventionsveranstaltungen sind, können sie uns genau sagen, wie sich der Virus dupliziert, was er wo in der Zelle macht. Aber was es genau bedeutet, mit dem Virus zu leben oder wie Betroffene das empfinden, das ist etwas, das die Schule nicht vermitteln kann. Für uns als Aidshilfe ist es ganz wichtig, an diesem Punkt anzusetzen und den Fokus zu drehen: Wir lenken den Blick auf die Betroffenen, wie sie mit dem Virus leben und wie die Gesellschaft darauf reagiert. Dafür nehmen wir in der Regel einen ehrenamtlichen Betroffenen mit in die Klassen, damit die Schüler die Möglichkeit bekommen, ganz offen ihre Fragen zu diesem Thema zu stellen: Wie ist es mit Diskriminierung, Partnerschaft, Medikamenten?

Wie nehmen die Schüler diese Form von Aufklärung wahr?
Das Feedback ist immer sehr gut und viele gehen aus diesen Veranstaltungen mit einem sichtbaren Aha-Effekt heraus. Das Bild wandelt sich von „Oh, das ist ein Mensch, der hat Aids, den darf ich nicht anfassen“ hin zu „Ok, das ist ein ganz normaler Mensch, mit Wünschen, Träumen, Alltagsproblemen“. Man sieht regelrecht, wie der Schalter kippt im Kopf der Schüler. Es ist sehr wichtig, dass genau das bei den Jugendlichen passiert, damit Diskriminierung nicht mehr so stattfindet, wie es gerade noch der Fall ist.

In wie fern ist die Diskriminierung zum Beispiel besonders spürbar?
Es findet leider ganz extrem statt. Auch in Bereichen, in denen man das so nicht erwartet. Gerade Arzt-, Krankenhaus- oder Rehabesuche stellen unsere Klienten vor ganz große Herausforderungen. Tatsächlich werden sie aufgrund ihrer Erkrankung sehr oft von Ärzten abgewiesen. Oder Ärzte sagen, sie vergeben nur den letzten Termin, denn danach müssten sie die gesamte Praxis reinigen. Rehakliniken nehmen Betroffene nicht auf, denn sie müssten ja in einem Einzelzimmer isoliert werden. Man merkt, dass auch hier sehr viel Unwissenheit über dieses Thema herrscht. Das frustriert unsere Klienten natürlich. Diese leben gut mit ihrer Erkrankung, sie werden nicht von ihr bestimmt und trotzdem werden sie auf diese Weise von außen eingeschränkt.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

 

Inwiefern stehen Sie Betroffenen zur Seite?
Die meisten unserer Klienten sind HIV-positiv. Wir beraten in allen Lebenslagen: Von Wohnungssuche über Behördenkontakte, Workshops, moderiertem Austausch bis hin zu regelmäßigen Angeboten. Vor allem ist uns die Vernetzungsarbeit zwischen den Klienten und darüber hinaus sehr wichtig. Ein starker Fokus liegt auch auf der Bewältigung von Diskriminierung. Was immer häufiger zum Thema wird, ist das Altwerden mit HIV. Das ist eine große Veränderung, denn früher sind die Infizierten jung gestorben. Heute geht es darum, auch im hohen Alter gut zu leben.

Welchen Rat können Sie Betroffenen, oder solchen, die besorgt sind, infiziert zu werden, mit auf den Weg geben?
Zum einen an diejenigen, die nicht betroffen sind: Kenne deinen Statuts! Das heißt, nur wenn ich mich regelmäßig testen lasse, weiß ich, ob ich betroffen bin und kann den Virus nicht unwissend weitergeben. Zudem möchte ich kurz auf die PEP aufmerksam machen, eine Postexpositionsprophylaxe: Wenn ich eine hohe Risikosituation hatte, in der ich mich infiziert haben könnte, habe ich die Möglichkeit, innerhalb von 72 Stunden HIV-Medikamente einzunehmen, welche eine Ansteckung verhindern. Diese Möglichkeit müsste noch wesentlich bekannter gemacht werden. In einem solchen Fall wendet man sich am besten schnellstmöglich an ein Uniklinikum oder ein Immunologisches Fachzentrum.

Zum anderen noch einem Appell an alle: HIV-Positive sind Menschen wie du und ich, mit Bedürfnissen, mit Berufen, mit Wünschen. Mit Träumen und Ängsten. Begegnet diesen Menschen mit dem gleichen Respekt, den man jedem anderen gegenüber auch an den Tag legen würde.

Anja Merfeld und Nathalie Thomann

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Maik Stüven
Folge 1 – Damengewandmeister

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Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Eva Maria Enders und Markus Scherer
Folge 3 – Künstlerin und Pressereferent

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Manuela Adebahr
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Folge 5 – Schauspieler

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Raphaela Crossey
Folge 6 – Schauspielerin