In unserer neuen Interview-Reihe möchten wir euch andere Perspektiven auf unsere Produktionen zeigen. Denn neben den gängigen Kommentaren von Regisseuren oder Dramaturgen zu einem Werk, sprechen wir hier auch mit den Mitarbeitern hinter den Kulissen: Wir fragen Vertreter der Abteilungen Kostüm, Maske, Schreinerei, Lichttechnik und vielen mehr, was sie mit den laufenden Produktionen insbesondere verbinden und lassen sie aus dem Nähkästchen plaudern! Den Anfang macht Maik Stüven, Damen-Gewandmeister des Theaters Koblenz, der in den letzten Wochen an den Kostümen für die Produktion „Pippi auf den sieben Meeren“ geschneidert hat.

Gewandmeister Maik Stüven vom Theater Koblenz
Damen-Gewandmeister Maik Stüven mit den Pippi Langstrumpf-Kostümen im Kleiderfundus.

Seit wie vielen Jahren bist du am Theater (Koblenz) und zum wievielten Mal schneiderst du ein Pippi Langstrumpf-Kostüm?
Das ist jetzt das zweite Mal, dass ich Pippi benähe. Hier in Koblenz bin ich jetzt seit sechs Jahren, insgesamt arbeite ich aber schon seit 19 Jahren am Theater – beziehungsweise sogar mehr: Denn vor meinem Gewandmeister-Dasein war ich Schneider, habe in Hamburg gearbeitet und bin dann nach Dresden zur Ausbildung gegangen. Ich arbeite also schon seit 25 Jahren in diesem Beruf.

Das heißt, du hast vor deiner Ausbildung schon in dem Job gearbeitet?

Genau. Ich habe klassisch Damen- und Herrenschneider gelernt. Beziehungsweise beide Ausbildungen sind ja zwei Berufe – noch. Beides habe ich gelernt und dann bin ich für ein Jahr beim „Phantom der Oper“ gelandet, war dann zwei Jahre am Ernst Deutsch Theater in Hamburg und ein Jahr freiberuflich als Schneider tätig. Bisher habe ich dieses Kostüm nur für unser Theater geschneidert. Das liegt vor allem daran, dass ich im ersten Jahr in Hamburg nur für die Produktion „Das Phantom der Oper“ genäht habe und am Ernst Deutsch Theater zwar Märchen gespielt wurden, aber der thematische Schwerpunkt woanders lag: Zu der Zeit standen vor allem die Märchen der Gebrüder Grimm auf dem Programm.

Welche ist deine schönste Pippi Langstrumpf-Erinnerung aus deiner Kindheit?
Da muss ich leider passen. (schlägt die Beine übereinander) Ich habe zwar den Film gesehen, aber der war nicht ganz mein Fall. Ich bin als Kind vor allem auf Captain Future abgefahren! (lacht)

Warum glaubst du, dass Pippi Langstrumpf für Kinder am Theater und insgesamt ein Dauerbrenner ist?
Na, ich denke Mal, das liegt daran, dass dieses Mädchen genau das sein darf und will, was oft Kinder nicht sein dürfen: Also frei in dem, wie sie denken und auch leben. Sie werden ja oft im Alltag gemaßregelt durch die Erziehung der Eltern, durch die Gesellschaft. Und das gilt für Pippi ja nicht, sie setzt sich darüber hinweg in einem gepflegten Umgang – sie ist ja nicht nur frei und macht nur Quatsch, sondern sie hat ihre Werte, aber sie lässt sich ihre Werte auch nicht wegnehmen und das ist das, weswegen Kinder zu Pippi aufsehen und sagen: „Das ist aber toll!“

Wäre das auch eine Eigenschaft, um die du Pippi beneiden würdest?
Manchmal schon, also in Bezug auf das Nicht-Gemaßregelt-Sein. Obwohl es schwer ist, das als Erwachsener zu sagen. Denn als Erwachsener begegnet man sich selbst anders und denkt über sich und das Leben anders nach, als Kinder es tun. Für mich sind das deshalb zwei Paar Schuhe. Im Optimalfall behält man sich etwas aus der Kindheit, aber es geht auch leider viel verloren – das muss man einfach mal so sagen.

Pippi Langstrumpf-Kostüme vom Theater Koblenz
Ordnung muss sein, sonst verlieren die beteiligten Schneider/-innen und Ankleider/-innen den Überblick bei den vielen parallel laufenden Inszenierungen.

 

Was reizt dich denn allgemein an der Arbeit im Theater. Du könntest ja auch Alltagsmode schneidern, warum gerade Theater?
Naja, Mode ist halt Industrie. Auch da kannst du zwar bei einem tollen Designer in Paris arbeiten, aber Theater hat einfach mehr Inhalt, beziehungsweise wir transportieren mehr Inhalt. Ich kann vielschichtiger arbeiten als in der Mode, weil wir einfach von gestern bis heute Sachen abdecken müssen: Sowohl in dem, was wir auf die Bühne bringen, als auch im Kostüm. Und das macht Spaß. Das macht die Sachen immer wieder neu und individuell. Die Herausforderungen sind einfach größer.

Wenn du dann letztendlich in einer Vorstellung sitzt, ist es so, dass du dich weiterhin automatisch auf das Kostüm fokussiert oder bist du in der Lage, einfach privat dort zu sitzen, abzuschalten und die Vorstellung zu genießen?
Also wenn ich natürlich dienstlich drinsitze, dann nicht, dann konzentriere ich mich auf die Kostüme. Aber bin ich privat in der Vorstellung, kann ich schon abschalten: Dann bin ich einfach Maik Stüven, der gerne Theater sieht. Ich bin natürlich schon beeinflusst, weil ich jetzt seit 20 Jahren am Theater bin und ich habe natürlich oft eine Meinung, die ein bisschen eingefärbt ist von dem, was ich mache. Das lässt sich aber nicht verhindern. Das macht ein Maler auch, der zu einem Kollegen in die Ausstellung geht und sich den Malgrund automatisch anders ansieht. Aber es ist schon so, dass ich jetzt nicht ständig die Rocklängen abchecke oder ähnlich. Ich kann am Ende sagen, ob mir die Vorstellung gefallen hat oder nicht, ohne dass ich das am Kostüm festmache – allgemein und nur für mich.

Inwiefern verändert sich denn deine Perspektive, wenn du durch den Alltag läufst. Wie nimmst du da Kleidung war, auf Grund der Tatsache, dass du schon so lange am Theater arbeitest?
Ich würde sagen, wie jeder andere auch. Ich habe vielleicht einen besonder explizieten Blick, weil ich ein wenig für den Job mitscanne – oder auch für mich selbst. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich 24 Stunden lang im Kostüm lebe.

Holst du dir denn gerne Inspiration von der Straße?
Das kann man nicht so sagen. Ich habe an einer Kunsthochschule studiert und deshalb gehe ich, um Inspiration zu finden, gerne in andere Bereiche wie Kino, Museen, ich habe viele Freunde, die Künstler sind. In Bereiche, die nicht direkt etwas mit Stoff zu tun haben, damit ich auch von anderen Seiten inspiriert werde, um beim Entwurf der Kostüme gut beraten zu können, denn ich bin ja der Techniker und nicht der Kreative, der sich alles ausdenkt. Ich unterstütze die Kostümbildner dann technisch in dem, was sie entworfen haben. Zum Beispiel in Bezug auf die Formfindung. In einem Stück geht es darum „Inhalte“ zu transportieren und diesen dann entsprechend abzuverlangen vom Schauspieler oder Sänger und das ist im Kostüm nicht anders, dahingehend kann man sich dann schon inspirieren lassen von anderen Medien. Dann geht es um die Frage: Kriegen wir das so hin?

Pippi auf den sieben Meeren
Seit Donnerstag können die Kostüme bei dem Familienstück “Pippi auf den sieben Meeren” bewundert werden (Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz)

 

Freunde und Familie reduzieren einen im Alltag häufig trotzdem auf den Beruf: Ist es da schon oft vorgekommen, dass du gebeten wurdest, eine Hose zu kürzen, oder ein Kostüm zu nähen?
Ja, natürlich. Aber das mache ich nicht mehr – Kein Bock! (lacht) Nein, das kommt sicherlich vor und ich mache das dann auch mal, aber eher weniger.

Welchen Tipp würdest du denn für all die Hobby-Schneider da draußen geben, die noch nie an einer Nähmaschine saßen, es aber gerne versuchen würden?
Einen Nähkurs machen. Auf jeden Fall! Das sind dann kleine Kurse für 6-8 Leute, abends für zwei Stunden, wo man sich vor Ort alles kaufen kann, das man braucht. Das gibt es vermehrt. Hier in Koblenz auch gleich zwei Mal. Das würde ich auch empfehlen, denn sich das selbst anzueignen ist sehr mühselig und man verliert dann schnell die Lust. Wenn man das dann in einer kleinen Gruppe macht und mit jemanden, der Ahnung hat, ist das schon sehr hilfreich.

Einmal selbst Pippi Langstrumpf sein

Für die Hobby-Schneider unter euch, die sich die Pippi Langstrumpf-Schürze nachschneidern wollen, haben wir *hier* ein Schnittmuster bereitgelegt, welches auch für unser Bühnenkostüm verwendet wurde. Einfach runterladen, auf die Statur des Kostümträgers anpassen und losnähen. Viel Spaß dabei!

Anja Merfeld, Nathalie Thomann