Peter Eötvös’ „Der goldene Drache“ erlebte erst im Juni 2014 seine Uraufführung in Frankfurt. Seither wurde dieses humorvolle, groteske, aber poetische Musiktheater, das Roland Schimmelpfennigs gleichnamiges Schauspiel zur Grundlage hat, in Deutschland nur in Bremerhaven aufgeführt. Nun hat das Theater Koblenz die Freude, dieses bemerkenswerte, bei allem Humor durchaus auch sozialkritische Werk für sein Publikum zu spielen. Elisabeth Neumann hat als Regieassistentin die Produktion von Probenbeginn an begleitet. Sie klärt uns über die vertrackte Handlung auf, erzählt von den Hintergründen und Kniffen im Umgang mit dem Werk und gibt einen Einblick über Atmosphäre und Stimmung in der Probenzeit.

Regieassistentin Elisabeth Paula Neumann


Im Stück gibt es mehrere Handlungsstränge. Kannst du uns diese kurz erklären?
Im Vordergrund der Handlung steht der Zahnschmerz des kleinen Chinesen, der als illegaler Einwanderer neben vier anderen Asiaten in der Küche des Thai-China-Vietnam-Restaurant arbeitet. Im Restaurant sitzen zudem zwei Gäste: Die Stewardessen Inga und Eva, die nach einem gemeinsamen Langstreckenflug beschließen, noch etwas essen zu gehen. Daneben wird in mehreren Episoden die Geschichte von der Ameise erzählt, die die Grille in die Prostitution treibt – wie eine Fabel adaptiert dieser Handlungsstrang, die Suche des kleinen Chinesen nach seiner Schwester und deren Schicksal beim Lebensmittelhändler Hans. Über dem Thai-China-Vietnam-Restaurant wohnt ein junges Paar, ebenso wie der Großvater der jungen Frau. Hier geht es zum einen um ihre mehr oder weniger gewollte Schwangerschaft und zum anderen um den Wunsch des Großvaters wieder jung zu sein, welches er durch körperliche Intimität mit jungen Frauen versucht wiederzugewinnen. All diese Handlungsstränge sind also zum einen durch den Ort verbunden, zum anderen greifen sie teilweise auch ineinander.

Welche Bedeutung haben die Nebenstränge der Handlung?
Besonders die Geschichte über die Ameise und die Grille bzw. Hans und das junge Mädchen ist ein Symbolbild für viele Frauen, die in westliche Länder gebracht und zum Kauf angeboten werden. Erst kurz vor Beginn der Probenphase wurde zum Beispiel ein bundesweiter Menschenhändlerring gesprengt, über den Menschen nach Deutschland eingeschleust und zur Prostitution gezwungen wurden. In diesem Fall waren es brasilianische Staatsangehörige. Diesen Fall beispielsweise hat Regisseur Elmar Goerden als Subtext für diesen Handlungsstrang mit in die Proben gebracht.

Christoph Plessers, Monica Mascus, Hana Lee, Peter Koppelmann, Junho Lee
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Die vielen Rollen werden von fünf Sängerinnen und Sängern übernommen. Was war dabei die größte Herausforderung sowohl für dich als auch für die Sänger?
Das fünfköpfige Ensemble schlüpft in insgesamt 23 verschiedene Rollen. Jede dieser Rollen hat einen großen Input. Gleichzeitig erfolgen die Wechsel zwischen den Rollen sehr schnell und genau hier lag die größte Herausforderung: das schnelle Umschalten von einer zur anderen Rolle, aber auch die klare Abgrenzung der Rollen für den Zuschauer. Gleichzeitig müssen die Rollen zu Beginn des Stückes klar etabliert werden: Welches Requisit oder Kostümteil definiert welche Rolle? Wie ist die Reihenfolge und wo müssen die Teile platziert werden, damit die Verwandlung in die nächste Rolle am schnellsten passieren kann? Aber auch die Positionierung der einzelnen Geschichten im Raum, haben natürlich eine Rolle gespielt.

Was sind deine Aufgaben als Regieassistentin?
In erster Linie das Führen des Regiebuchs. Dazu gehört, unter anderem alle Gänge und Bewegungen aller Darsteller zu protokollieren. Beim Puppenspiel geht man oft noch einen Schritt weiter: Hier wird notiert, welcher Puppenspieler wann welche Hand an welcher Puppe hat. Genauso wird notiert, wo und wann welches Requisit oder Kostümteil benötigt wird und eingerichtet werden muss. Außerdem schreibe ich im Auftrag für den Regisseur die Probenpläne: Wann wird was geprobt. Wann muss welcher Darsteller bei der Probe sein. Diese Aufteilung war beim „Goldenen Drachen“ etwas komplizierter, denn hier war es fast immer von Wichtigkeit, dass alle Darsteller anwesend sind. Vor den Proben muss zudem die (Probe)Bühne eingerichtet werden. Stimmt also der technische Aufbau und sind alle Requisiten, Kostüm- und Maskenteile da? Außerdem diene ich als kommunikativer Schnittpunkt zwischen den Gewerken, Darstellern und dem Regieteam der Produktion.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Welche Momente hast du innerhalb der Produktion am meisten genossen?
Gerade nach vielen anstrengenden und konzentrierten Proben, ist es immer toll zu sehen, wenn zu den Endproben alles zusammen kommt. Das heißt: Orchester, Sänger, Beleuchtung, das Originalbühnenbild, -kostüme, -perücken. Somit also, wenn alles anfängt ineinander zu greifen und in Fahrt kommt. Es ist ein sehr befreiendes und erfüllendes Gefühl, zu sehen, wie spätestens zur Premiere alles reibungslos funktioniert – das Ergebnis der Arbeit, die man geleistet hat – und an diesem Punkt vergisst man dann doch die ganze Anstrengung der letzten 5-6 Probenwochen. Gerade bei „Der goldene Drache“ war die Stimmung aber grundsätzlich immer entspannt und gelassen.

Läuft eine Probe für ein Musiktheaterstück mit neuer Musik anders ab als die einer klassische Repertoire-Oper?
Eigentlich macht es in erster Linie keinen Unterschied. Zumindest nicht bezüglich der szenischen Realisation. Was sich unterscheidet, ist die musikalische Vorbereitung. Vor jeder szenischen Probe hat Elmar Goerden Wert darauf gelegt, dass die Sänger einen rein musikalischen Durchlauf der Szenen machen, die geprobt werden sollen – zur Vorbereitung darauf, die Musik im nächsten Schritt mit dem szenischen Spiel zu verbinden. Neben der anspruchsvollen Musik, gab es eine weitere Herausforderung: zwei Sänger – Christoph Plessers und Monica Mascus – unterstützen mit Rührbesen, Metallschüssel, Löffel und Wok von der Bühne aus das Orchester, welches auch in Kombination mit szenischen Vorgängen geprobt werden musste. Letztendlich müssen bei modernen Werken wie „Der goldene Drache“ aber genauso Musik und Szene zusammenkommen wie bei jeder anderen Oper auch.

Die Meinung des Publikums geht bei neuer Musik deutlich auseinander. Kritik und Lob werden klar geäußert. Wie stehst du zu neuer Musik? Hat sich deine Haltung durch diese Inszenierung geändert?
Es ist natürlich grundsätzlich einfach Geschmackssache. Ich bin zu Beginn skeptisch gewesen und war letzten Endes positiv überrascht. Ich bin überzeugt, dass das Werk sehr viel Spaß machen kann, wenn man sich darauf einlässt und auf die Inszenierung konzentriert. Die Texte sind witzig, unsere Sänger singen und schauspielern lebhaft und überzeugend, einfach hervorragend. Man schaut ihnen gerne zu, sodass sie eine breite Aktionsfläche bieten, auf die man sich fokussieren kann, auch, wenn einen die Musik vielleicht im ersten Moment irritieren mag. Es ist ein wirklich spannender Abend ohne Pause – die man aber bei 90 Minuten auch wirklich nicht braucht.

Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Warum gehört so ein Stück auf die Theaterbühne und in den Spielplan?
Ich finde, man sollte sich immer wieder auf neue Werke einlassen. Man darf die Klassiker natürlich auch nicht aus den Augen verlieren, aber die Zeit verändert sich und auch wir verändern uns und dazu gehört auch das sich Einlassen auf Neue Musik. Natürlich gefällt das nicht allen – das muss es aber auch nicht. Es ist schön, die Möglichkeit zu haben, sich etwas ganz anderes anzusehen, das vielleicht nicht ganz den eigentlichen Musikgeschmack trifft und so Klänge neu zu erfahren. Außerdem lockt so etwas natürlich oft auch ein ganz anderes Publikum ins Theater.

Bekommt ihr die verschiedenen Reaktionen der Besucher auf der Bühne mit? Manche möchten beim Schlussapplaus nicht aufhören zu klatschen, einige Zuschauer verlassen etwas irritiert den Saal.
Die Konzentration der Darsteller liegt natürlich in erster Linie auf der Musik und dem szenischen Vorgang und weniger im Zuschauerraum. Dennoch entgeht es den Darstellern nicht, wenn ein Zuschauer den Saal während der Vorstellung verlässt. Sie reagieren ganz unterschiedlich darauf. Grundsätzlich geht man aber professionell damit um und nimmt es nicht persönlich. Trotzdem ist es für uns immer schade, denn wenn einem die Musik oder die Inszenierung nicht gefällt – und das muss auch einem Zuschauer klar sein –, kann der Sänger oder Darsteller nichts dafür.

Peter Eötvös wird die Vorstellung am 19. Juni besuchen. Wie sieht es im Ensemble aus: herrscht Vorfreude oder sind alle angespannt?
Natürlich ist man immer aufgeregt, wenn ein Komponist in die Vorstellung kommt. Auf der anderen Seite, bin ich davon überzeugt, dass es ihm gefallen wird. Elmar Goerden hat eine wirklich schöne Inszenierung auf die Bühne gebracht. Das Orchester ist unter der Leitung von Mino Marani wirklich toll und harmoniert optimal mit den Sängern. Insgesamt ist unser Team also mit der Gesamtleistung aller sehr zufrieden.

Anja Merfeld und Nathalie Thomann

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