Millionen Dinge, die es wert sind zu leben, sammelt der Erzähler der Geschichte „All das Schöne“ im Laufe seines Lebens. Wie viele solcher Dinge fallen Ihnen wohl in diesem Moment und ganz spontan ein? Und wie häufig ist Ihnen dabei ein Lächeln über die Lippen gehuscht? Schauspieler David Prosenc hat das Vergnügen, den Erzähler von „All das Schöne“ – verfasst vom Briten Duncan Macmillan – im Circus Maximus zu spielen. Während wir mit ihm zusammen in der Nachmittagssonne auf einer Bank im Park sitzen, erzählt er uns, was hinter all diesen schönen Dingen steckt und warum der Erzähler überhaupt beginnt, diese Liste zu schreiben.

Interview David Presence

Die vielen schönen Dingen schreibt der Erzähler aber nicht auf einmal auf, sondern in mehreren Etappen. „Erst einmal schreibt die Figur nur tausend Dinge auf. Er macht das als Siebenjähriger für seine Mutter, die einen Selbstmordversuch unternommen hat und im weitesten Sinne depressiv ist“, erklärt uns David nachdenklich. Dabei geht es dann aber nicht nur um die Liste, sondern darüber hinaus um das Leben des Erzählers. Wie er mit seiner Mutter groß geworden ist, wie er die ersten depressiven Anzeichen sah und die Liste begann. Zuerst mit kindlichen Einfällen wie Eiscreme oder Wasserschlachten. „In der Jugend hat er die Liste weitergeschrieben, weil es einen zweiten Selbstmordversuch gab. Später lernt er an der Uni seine erste Freundin kennen. Und auch sie ermuntert ihn, die Liste weiter zu schreiben.“

David fasst zusammen, dass es im Wesentlichen darum geht, was die Depression der Mutter im Leben des jungen Erzählers auslöst – aber humorvoll und leicht, denn das Stück ist „mit einem ’twinkeling eye’ inszeniert und gespielt.“ Der Abend scheint eine Mischung aus sehr schönen und auch sehr traurigen Momenten zu sein. David korrigiert uns: „90% schön und 10% … melancholisch! Traurig ist es nicht, denn es ist eine Lobeshymne auf das Leben und nicht auf die Tragik oder die Depression.“ Die Figur erzählt von seinem Leben mit dem Appell, dass der Tod als ein Teil des Lebens anerkannt werden sollte und dass man sich aber vor allem der schönen Dinge bewusst werden müsse.

Besonders an diesem Stück ist, dass David beim Spielen dieser Rolle quasi mit der Figur verschmilzt. Es gibt kein Kostümdesign im Speziellen. David tritt in der Kleidung auf, die er für gewöhnlich auch als David trägt. Das Stück wirkt mit einer so großen Lebensnähe, dass man sich am Ende fragt, ob nicht tatsächlich David gar seine ganz persönliche Geschichte erzählt. Das ist natürlich nicht der Fall, aber eine gewisse Vertrautheit zwischen David und der Figur, die er spielt ist dennoch eindeutig zu spüren. Übrigens haben beide in etwa dasselbe Alter. Beide sind Ende 30. Genau wie der Schriftsteller.

Hinzu kommt, dass er der einzige Schauspieler in diesem Stück ist: „Diese Situation habe ich nicht so oft. Bisher stand ich nur ein Mal alleine auf der Bühne für eine Inszenierung, die allerdings nur halb so lang war. Wenn man mit den Kollegen auf der Bühne steht, kann man sich gegenseitig unterstützen und reagieren, falls es doch mal anders läuft, als geplant. In einem Ein-Mann-Stück wird es in so einer Situation schwieriger.“

Und ganz alleine ist er mit dieser Aufgabe ja auch nicht, denn Regisseur Matthias Fontheim steht ihm tatkräftig zur Seite. Zusammen arbeiten sie als Team, sagt David: „Wir haben beide Ideen und bringen sie ein. Er ist zwar der Regisseur, aber ihm ist es wichtig, dass ich mich mit dem was ich tue, wohl fühle und dann treffen wir uns irgendwo in der Mitte.“ Wenn David in den Proben Schwierigkeiten mit der Umsetzung hat, bietet Fontheim Hilfestellungen, oder sie lassen sich eine weitere Lösung einfallen.

Foto: Arek Głębocki für das Theater Koblenz

Um sich so gut wie möglich auf die Proben und Vorstellungen vorzubereiten, übt David seinen Text auf eine etwas außergewöhnliche Art: Er denkt sich fremde Menschen, also ein paar imaginäre Zuschauer aus und spricht ihnen den Text vor, „damit es immer direkt bleibt.“ Sein Ziel ist es, ein nettes Gespräch zu gestalten wie bei einem schönen Abend mit Freunden.

Ein schöner Abend mit Freunden und der passenden Musik in einem gemütlich eingerichteten, kleinen Raum – und mit Post-it’s stellen wir fest. Schon auf dem Plakat zu „All das Schöne“ sind uns die gelben Quadrate aufgefallen. „Diese Post-it’s sind ein Requisit von vielen, die ich in dem Stück verwende“ erklärt David. „Der Erzähler nutzt die Post-it’s, um all die schönen Dinge zu notieren und sie in der ganzen Wohnung seiner Mutter auf Gegenstände zu kleben. Damit möchte er seiner Mutter die Augen öffnen und zeigen, dass, egal wohin sie schaut, überall die Dinge sind, die es wert sind zu leben.“

Diese Idee finden wir schön kreativ. Wir packen einen Stapel Post-it’s aus und drücken sie David zusammen mit einem Stift in die Hand, damit er unsere letzten drei Fragen auf eine etwas spielerische Art beantworten kann. Für jede Frage gibt es jeweils nur zwei Antwortmöglichkeiten. Es sei denn, David kann sich nicht entscheiden, dann darf er seinen Veto einsetzen: Eiscreme, die Nummer eins auf seiner Liste.

Anja Merfeld und Nathalie Thomann

 

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