Unser heutiges Interview führen wir mit Schauspielerin Raphaela Crossey. Im Schauspiel „Ghetto“ spielt sie aktuell eine ganz besondere Rolle und erzählt uns in unserem Gespräch von den Hintergründen und wie diese Rolle vorbereitet werden musste.Raphaela Crossey als Puppe Lina

In „Ghetto“ geht es unter anderem um eine Gruppe von Künstlern im Ghetto von Wilna, die – auch auf Wunsch des SS-Manns Bruno Kittel – Theater spielen (müssen). Welche Rolle nimmst du in diesem Kontext ein?
Es gibt in dieser Theatergruppe einen Puppenspieler namens Srulik und dieser hat immer eine Puppe dabei; die Puppe, mit der er auftritt, Lina. Ich bin diese Puppe Lina.

Du spielst also eine Puppe, aber gleichzeitig gibt es auch eine richtige Puppe, die aussieht wie du. Wie ist diese entstanden?
Die Puppe wurde gebaut von der Puppenbauerin Ulrike Langenbein. Hier in der Maske wurde erst mal ein Abdruck von meinem Kopf gemacht. Der wurde ausgegossen und dieser Abdruck wurde dann an die Puppenbauerin geschickt. Außerdem wurde mein ganzer Körper ausgemessen – also jeweils die Länge der Finger, Hände, Unter- und Oberarme usw. – und aus allen Perspektiven fotografiert, damit meine exakte Körpergröße für die Puppe übernommen werden konnte. Auch das alles wurde dann der Puppenbauerin geschickt, damit sie beginnen konnte, die Puppe anzufertigen.

Das klingt aufwändig und hat sicherlich einige Zeit in Anspruch genommen.
Also, das Fotografieren hat ungefähr eine Stunde gedauert und der Abdruck des Kopfes ca. zwei Stunden. Von den Händen wurde auch ein Abdruck gemacht, damit sie identisch sind, denn die sind ja bei einer Puppe auch zu sehen. Der Puppenbau an sich hat sicherlich einige Stunden, wenn nicht sogar Tage gedauert.

Raphaela Crossey/Puppe Lina in Ghetto
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Wie wird denn ein Abdruck von einem Kopf genau gemacht?
Man bekommt erst einmal eine Glatze geklebt, damit alle Haare aus dem Weg sind. Als nächstes wird man vollständig mit Silikon zugespachtelt, nur die Nasenlöcher bleiben frei. Dabei sind die Augen geschlossen und das Gesicht sollte so entspannt wie möglich sein. Das Spachteln passiert mit drei unterschiedlichen Silikonarten, die haben jeweils eine andere Festigkeit – über die Augen kommt zum Beispiel ein weicheres Silikon. Dann wird gewartet bis das Silikon abgehärtet ist. Schließlich wird der Kopf mit Gipsbändern eingebunden und wenn diese hart geworden sind, wird das Ganze abgenommen.

Das erinnert an die lustigen Gipsabdrücke, die man in der Schulzeit gemacht hat.
Ja, ein bisschen ist es auch so. Aber es ist vor allem körperlich anstrengend gewesen. Du darfst dich ja nicht bewegen: nicht reden, nicht lachen, bis zumindest das Silikon abgehärtet ist. Und natürlich fängt dann irgendwann die Nase an zu jucken, die man nicht kratzen darf. Aber es ist ein hervorragendes Hautpeeling – so sauber wie danach war meine Haut noch nie! (lacht)

 Abdrücke nehmen für Puppe Lina

Was genau ist das Besondere daran, eine Puppe zu spielen? Wie hast du dich auf diese Rolle vorbereitet?
Ich sehe mir hier gerne die Produktionen des Puppentheaters an. Dort habe ich versucht zu beobachten, was der maßgebliche Unterschied einer Puppenbewegung zu einer Menschenbewegung ist. Das Hilfreiche an meiner Rolle ist, dass ich nicht auf mich alleine gestellt bin, sondern immer Kontakt zum Puppenspieler Srulik habe, der seine Hand auf meinem Rücken hält. Von Stephan Siegfried, der den Srulik spielt, habe ich auch unheimlich viel gelernt, darüber wie der Anfang und das Ende einer Puppenbewegung ist und über diverse technische Feinheiten.

Und wie sah so eine Probe von euch dann zum Beispiel aus?
Ganz am Anfang haben wir die Szenen mit der Puppe erst nur zu dritt, also Stephan Siegfried und ich zusammen mit Regisseur Markus Dietze erarbeitet. Denn es dauert unheimlich lange, schon eine einzige Bewegung zu konstruieren. Wir haben damit angefangen, wie es aussieht, wenn ich als Puppe gehe. Dafür hat Stephan eine Puppe aus einer anderen Produktion geholt und ist mit dieser einfach gegangen. Mit mir zusammen haben wir dann versucht, die Bewegung zu imitieren und Markus Dietze musste dann im Detail beschreiben, ob sie zu langsam, zu schnell oder sonstiges aussah. Wir waren also sehr auf eine optische Beschreibungen angewiesen. Ein anderes Beispiel ist, dass jede Bewegung einer Puppe mit einem Impuls in die Gegenbewegung beginnt. Wenn ich also meinen Kopf nach links drehen möchte, fange ich mit einer leichten Bewegung nach rechts an, damit die Bewegung größer wird und mehr Ausdruck bekommt. Das haben wir erst mal ganz klar technisch erarbeitet.

Puppe Lina wird in der Maske hergerichtet

Wir haben jetzt schon ein paar Mal Stephan Siegfried erwähnt, der zur Sparte Puppentheater gehört. Wie ist es in einer Schauspielproduktion mit einem Puppenspieler zu arbeiten, unterscheiden sich die Arbeitsgewohnheiten?
Es fügt sich sehr gut zusammen, aber man merkt tatsächlich, dass man aus unterschiedlichen Sparten kommt. Ein Schauspieler ist in seiner Ganzheit ein Ausdruck, also mit seiner Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimme und sogar mit seinem Wesen. Das ist der Puppenspieler nicht, weil es seine Aufgabe ist, so hinter der Puppe zu verschwinden, dass der Zuschauer mit seiner Aufmerksamkeit nur bei der Puppe ist. Hinzukommt, dass die Puppe nur eingeschränkte Ausdrucksmittel hat – sie hat ja zum Beispiel kein Minenspiel. Als Puppenspieler musst du technisch also all das bei der Puppe erzeugen, was ein Schauspieler als Mensch sowieso mitbringt. Im Zusammenspiel war das für Stephan und mich eine Umstellung: Er muss gewisse Dinge nicht für mich mitspielen, weil ich das als menschliche Puppe selbst darstellen kann. Gleichzeitig musste ich mich bremsen, weil ich bei Freude zum Beispiel nur meinen Körper, aber nicht meine Mimik einsetzen durfte. Wir mussten unsere Spielweise also aufeinander anpassen.

…und ein Feingefühl füreinander entwickeln.
Genau. Es gab natürlich auch Situationen, in denen ich eine Bewegung angefangen habe und dachte, jetzt müsste es losgehen, ohne ein Signal von Stephan zu bekommen, oder in denen das Zeichen, das ich ihm gab, nicht deutlich genug war und Stephan dann sagte: „Entschuldige!? Ich habe noch nichts gemacht, du bist die Puppe!“ Und ich dann sagte: „Das kann ja sein, aber du musst dann auch irgendwann loslegen!“ Aber das Feingefühl füreinander hat sich schnell ergeben.

Raphaela Crossey und Stephan Siegfried in Ghetto
Foto: Matthias Baus für das Theater Koblenz

Warum muss deiner Meinung nach deine Figur eine Puppe sein?
Zum einen ist die Puppe dadurch, dass sie Material ist, der Bedrohung, wie sie in diesem Ghetto herrscht, nicht emotional und auch faktisch nicht ausgesetzt. Das heißt, die Puppe hat die Möglichkeit einem SS-Mann zu sagen „Alter, du redest Scheiße!“, „Ich mag dich nicht!“ oder „Was ihr mit uns Juden hier macht, geht gar nicht!“. Die Puppe Lina ist also das einzige Ding in diesem Ghetto, das die Möglichkeit hat, offenen Widerstand gegen die SS zu leisten. Und ich glaube, dass der Autor Joshua Sobol deshalb die Puppe in das Stück integriert hat, damit der Zuschauer die Möglichkeit hat, in einer solchen Situation, die ja furchtbar ist, auch mal lachen zu können.

Warum wird dann die Puppe von einem Menschen gespielt?
Wenn der Puppenspieler Srulik selbst auch die Puppe sprechen muss, dann kann er nie neutral eine Puppe spielen. Und dann gerät er und seine Person zu sehr in den Fokus dessen, was die Puppe eigentlich frei und offen sagt.

Hast du zum Abschluss noch einen Appell, den du uns mit auf den Weg geben möchtest?
Leute, guckt euch das Stück an. In der Zeit, in der wir leben, darf es keine Diskussion darüber geben, ob es Erinnerungskultur geben darf, kann, soll, muss, ob sie verändert werden sollte – diese Diskussion ist für mich unmöglich. Deshalb geht rein und seht es euch an.

Anja Merfeld und Nathalie Thomann

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Maik Stüven
Folge 1 – Damengewandmeister

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Laura Bos
Folge 2 – Solorepetitorin

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Eva Maria Enders und Markus Scherer
Folge 3 – Künstlerin und Pressereferent

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Manuela Adebahr
Folge 4 – Chefmaskenbildnerin

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – David Prosenc
Folge 5 – Schauspieler