Für unsere aktuelle Puppenspiel-Produktion „Wolfsstunde“ wollen wir mit Pressereferent Markus Scherer und Künstlerin Eva Maria Enders sprechen. Wir verlassen gemeinsam mit Markus das Theater, überqueren die Clemensstraße und treffen Eva und ihren Hund Eden am Gittertor vor ihrem Atelier. Wir durchqueren den Ausstellungsraum, der im Augenblick vollständig vom Produktionsteam erobert und zur Bühne gemacht wird, und gehen in ein lichtdurchflutetes kleineres Hinterzimmer. Dort nehmen wir an einem massiven Holztisch Platz. Während Eva uns Getränke anbietet, macht Eden es sich auf dem bunt gestreiften Sofa neben uns bequem.

Eva Maria Enders und Markus Scherer im Kunstraum Werkstatt
Künstlerin Eva Maria Enders und Pressereferent Markus Scherer.

 

Eva, was war dein erster Berührungspunkt mit dem Theater Koblenz?
Eva: Ein Besuch des „Fliegenden Holländers“ vor sehr langer Zeit. Ich war sieben Jahre alt und habe zum ersten Mal in meinem Leben ein langes Kleid getragen. Aber leider bin ich dann gleich auf der ersten Stufe zum Parkettrang auf den Saum getreten und stand deshalb plötzlich in einer gelben Schlafanzug-Hose im Foyer – die ich heimlich drunter trug, weil ich Strumpfhosen nicht mochte.

Nun ist deine Werkstatt „Kunstraum“ die Bühne für „Wolfsstunde“. Wie kam es dazu?
Eva: Es gab schon immer einen engen Austausch mit dem Theater – wobei der Kontakt in erster Linie durch Markus Scherer zustande kam. Die erste Theater-Produktion bei mir war das Schauspiel „Nipplejesus“ im Frühjahr 2012. Drei Jahre später folgte die Mono-Oper „Die menschliche Stimme“. Beides unter der Betreuung von Chefdramaturgin Juliane Wulfgramm, die darüber hinaus für die Kontinuität der Gastspiele im Atelier sorgt –  auch in Form von Lesungen während der Langen Nacht der Museen. Außerdem haben in meinem Haus seit Jahren regelmäßig Sänger, Darsteller oder Tänzer gewohnt. Und seitdem mein Atelier eine kleine Bühne enthält, gibt es auch regelmäßige Auftritte. Die Bühne hat das Theater sogar selbst eingebaut!

Warum sollte man nicht nur im Theater Theater spielen?
Markus: Das hat zwei entscheidende Vorteile. Der eine ist, dass das Publikum immer gespannt darauf ist, wie sich die Darsteller außerhalb des Theaters bewegen. Das heißt, sie kommen ohnehin – aber sie freuen sich, wenn es mal woanders stattfindet. Und der zweite: Manche Menschen haben Hemmungen, ins Theater zu gehen. Aber sie würden gerne eine Location wie das Luxor, den Circus Maximus oder Evas Atelier besuchen, weil ihnen die Atmosphäre dort gefällt. Diese Art der Kooperation tut somit beiden Seiten gut.

Für die Darsteller ist das sicherlich auch eine schöne Abwechslung.
Markus: Auf jeden Fall! Schauspieler, Sänger, Tänzer oder Puppenspieler genießen eine neue Atmosphäre. Sie finden es toll, mal aus den üblichen Theater-Abläufen herauszukommen und als Künstler einen neuen Spielort zu erobern.
Eva: Schön sind auch Kooperationen, die darüber hinaus entstehen. In einem Projekt mit den Tänzern hat beispielsweise Arkadiusz Głębocki vor einiger Zeit wunderschöne Fotos gemacht. Das habe ich entdeckt und entschieden, seine Fotos auf große Leinwände zu ziehen und innerhalb einer Ausstellung in meinem Atelier zu verkaufen.

Hund Eden
Eva Maria Enders Hund Eden war auch bei dem Interview dabei.

 

Mittlerweile ist Evas Hund neben uns friedlich eingeschlafen. Draußen setzt nach der Dämmerung langsam die abendliche Dunkelheit ein, während die Atmosphäre unter dem warmen Licht in Evas Privatraum vertraut und gelassen ist. Dass Eva und Markus eine langjährige Freundschaft verbindet, spiegelt sich in ihrem Umgang miteinander wieder. Darin, wie sie kurze Anekdoten streuen, kleine Witze machen und gemeinsam lachen.

 

Was für organisatorische Herausforderungen entstehen für das Theater, wenn es sich an externe Spielorte aufmacht?
Markus: Einige. Denn wir müssen ja mit allem dorthin: Technik, Bühnenbild, Requisiten, Kostüme. Hier begeben wir uns zwar nur einmal quer über die Straße – trotzdem ist das sehr aufwändig. So etwas muss wesentlich intensiver geplant werden als eine Produktion, die auf der Probebühne stattfindet.

Wie gut lassen sich der Inhalt des Stücks „Wolfsstunde“ und die Puppen in einem Kunstatelier als Spielort verorten?
Eva: „Wolfsstunde“ passt sehr gut in mein Atelier! In diesem Stück geht um einen Künstler, einen Maler und gerade deswegen ist es sehr schön zu sehen wie dieser Künstler in diesem Raum gespiegelt wird. Außerdem denkt jeder Laie beim Zusehen sicherlich: „Ja, genau so ist ein Künstler!“ Das ist für mich amüsant, stimmt in der Realität aber natürlich nicht wirklich. 

 

Wir lassen unsere Blicke durch den Raum gleiten. Farben und Werkzeuge stehen und liegen auf einer Arbeitsfläche gegenüber von uns. Hinter uns befindet sich eine kleine Küchenzeile, fast schon eine Bar. Uns fallen die vielen Whiskey-Flaschen auf. „Das sind alles Gastgeschenke“, erklärt Eva. „Unter Künstlern ist es üblich, einen Whiskey mitzubringen, wenn man vorbeikommt.“ Sie schmunzelt. „Dabei würde es eine Flasche Wein doch auch tun.“ An der Wand über dem bunt gestreiften Sofa hängen verschiedene farbenfrohe Werke von ihr selbst. Dazwischen ein Foto, wie sie Papst Franziskus in Rom eines ihrer Werke überreicht: „Bei einer Sicherheitsüberprüfung vor dem Besuch des päpstlichen Staatssekretariats wurde man auf mein Marienbild ‘Nexus-Maria am Kreuz’ aufmerksam. Also lud man mich zu einem erneuten Besuch des Vatikans ein.“ Das Bild ist nun im Besitz der Sammlung des Vatikans.

 

Was fasziniert euch am Puppentheater?
Markus: Dass Markus Dietze diese Sparte hier am Theater eingeführt hat, ist eine Meisterleistung. Viele Theater streichen heutzutage eher Sparten – aber er hat es geschafft, unserem Stadttheater eine weitere hinzuzufügen. Deshalb ist es umso schöner, zu erleben, welch große Resonanz jede unserer Puppentheater-Produktion erzeugt.

Puppentheater richtet sich ja nicht nur an Kinder.
Markus: Ganz genau. Das ist ja kein Kasperletheater! Wir haben von Anfang an darauf geachtet, unser Programm auch für Erwachsene aufzustellen. Und die sensationellen Puppenspieler, die wir haben, bieten ja noch viel mehr: Sie spielen mit allem. Auch mit Sachen, mit Dingen. Sie schaffen es, einen Gegenstand zum Leben zu erwecken. Sie schaffen es, dass für das Publikum die Puppe der Ansprechpartner ist, nicht der Spieler. Das ist eine große Kunst.

Inszenierung Wolfsstunde
Die Puppenspielerinnen Hendrika Ruthenberg und Myriam Rossbach während “Wolfsstunde” mit dem Maler Johan Borg. (Foto: Katharina Dielenhein für das Theater Koblenz)

 

Die Zuschauer reagieren durchweg positiv auf die kreativen Darbietungen der Puppenspieler, die sich immer wieder neu erfinden.
Eva: Auch, dass das Stück „Wolfsstunde“ hier vom Puppentheater gespielt wird, ist etwas besonderes. In dieser Form gibt es das Stück bisher noch nicht. Dass der Verlag dazu seine Einwilligung gegeben hat, sind schöne Vorschusslorbeeren für das Theater Koblenz und seine Puppenspiel-Sparte.

Als Wolfsstunde wird die Zeit zwischen 3 und 5 Uhr morgens bezeichnet. In dieser Zeit empfindet man angeblich besonders intensiv. Manche haben hier ihren tiefsten Schlaf, andere sind da wach, wieder andere erleben gerade dann ihre kreativsten Momente. Zu welcher Kategorie gehört ihr?
Markus: Zu den Wachen.
Eva: Zu denen mit den kreativsten Momenten. Für mich ist das wirklich eine Zeit, in der ich ganz oft über viele Ideen nachdenke. Ich habe immer Stift und Block am Bett liegen und schreibe alles auf, was mir da einfällt. Tatsächlich passiert das bei mir immer zwischen drei und fünf.

Anja Merfeld, Nathalie Thomann

 

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Maik Stüven
Folge 1 mit Damendgewandmeister Maik Stüven

Inszenierungen aus anderen Perspektiven – Laura Bos
Folge 2 mit Solorepetitorin Laura Bos