West Side Story – Jets gegen Sharks

Auf der Festung Ehrenbreitstein liefern sich die Jets und die Sharks Kämpfe. Der Choreograf Luches Huddleston jr. probt mit den Mitgliedern des Ensembles der „West Side Story“ auf der Bühne die Tanzszenen der Straßengangs, die im New York der 1950er-Jahre gegeneinander kämpfen. Die Sharks sind junge Puertoricaner, die Jets ihre Altersgenossen, die in den USA geboren sind und von denen viele aus Einwandererfamilien kommen. Auf der Bühne mitten in dem historischen Gemäuer hoch über dem Deutschen Eck tanzen sich die Männer und Frauen in einen Sog der Leidenschaft hinein. Manchmal greift der sportliche Tänzer und Choreograf ein. Die überbordenden Gefühle mit der Sprache der Körper abzubilden, die sich zwischen den verfeindeten Gangs entlädt, das reizt den Künstler.

Wenn an den Tanzszenen gearbeitet wird, hat Regisseurin Anja Nicklich etwas Luft. Doch da steht sie ständig unter Strom. „Wenn wir den ersten Tag auf der Festung sind, ist das immer aufregend“, findet die Regisseurin. Da ist viel Koordination mit dem Team der Technik, mit der Requisite und den anderen Mitarbeitern hinter den Kulissen gefragt. Und natürlich gilt es, die Abläufe anzupassen, die das Ensemble bislang nur auf den Probebühnen im Theater einstudiert hat. Was reizt Nicklich daran, die „West Side Story“ zu inszenieren? Vor allem findet es die Opern-Spezialistin spannend, dass da alle Sparten zusammenkommen. „Das ist so eine absolute Herausforderung. Es tanzt ein Balletttänzer mit einer Opernchorsängerin. Es tanzt aber auch ein Schauspieler mit einer Tänzerin.“ Dass dieses Miteinander auf der Bühne mit dem Koblenzer Ensemble so wunderbar klappt, „ohne Arroganz und Überheblichkeit“, das findet die Gastregisseurin stark.

Regisseurin Anja Nicklich und das Ensemble von West Side Story üben die Sterbeszene von Tony

Als Fan von Leonard Bernstein, der das berühmte Musical 1957 komponiert hat, genießt Anja Nicklich die gemeinsame Arbeit mit dem Dirigenten Daniel Spogis. Den Film habe sie nur einmal zur Recherche angeschaut, sagt die Regisseurin, denn ihr geht es um eigene Bilder: „Ich will meine Fantasie benutzen.“ Ohne diese Vorarbeit gehe es nicht, denn der Verlag habe strenge Regeln. Da ist zum Beispiel klar festgelegt, was ein Regieteam keinesfalls so machen darf wie im Film.

Viele Ensemblemitglieder standen schon in anderen Produktionen der „West Side Story“ auf der Bühne. 2011 war die Produktion bereits in Koblenz zu sehen, und zwar im Rahmen der Bundesgartenschau. Als „großer Fan“ von Shakespeares „Romeo und Julia“ findet Nicklich den Blick auf die Liebesgeschichte von Tony und Maria aus den verfeindeten Gangs besonders spannend. Dass die beiden wie einst das klassische Liebespaar ihre erste Liebe mit all ihren zarten Gefühlen entdecken, das reizt die Regisseurin besonders an dem Stoff.

Tony und Maria gespielt von Markus Schneider und Virginia Blanco

„Was mir in anderen Inszenierungen, die ich gesehen habe, nicht gefallen hat, war die Aggressivität, die sich da von Anfang an entlädt.“ Da wählt die Regisseurin, die gerade im Open-Air-Theater auf starke Bilder setzt, einen anderen Weg. Ihr Ansatz ist eher spielerisch: „Wir haben als Kinder früher auch unsere Straße verteidigt.“ Anja Nicklichs Ziel ist es, das Spielerische und die pubertären Hahnenkämpfe sichtbar zu machen. Sie reizt der Blick in die Psyche der jungen Menschen: „Dass sie als Teenager oder Twens diese Fallhöhe erreichen und dann in die Aggression abgleiten, das will ich mit dem Ensemble untersuchen.“

Diese Setzung bietet auch für den Choreografen Luches Huddleston jr. interessante Perspektiven. Der Amerikaner, der in der Hauptstadt Washington D.C. geboren wurde und dort viele Jahre lebte, ist jetzt der Leiter des Bewegungschors am Nationaltheater Mannheim. Dort ist er auch Hauschoreograf. Er arbeite mit Laien genauso gerne wie mit Profis, sagt der sportliche Tänzer, der schon an vielen großen Häusern gearbeitet hat. Was gefällt Huddleston, der selbst seit dem dritten Lebensjahr tanzt, an der „West Side Story“? Als erstes fällt ihm da die Liebesgeschichte von Maria und Tony ein. Ebenso gefällt ihm aber die Musik. „Das ist genau mein Stil“, schwärmt der Tänzer, der in seiner Ausbildung Jazz und Modern gelernt hat. Wenn er mit dem Ensemble die Tanzszenen einstudiert, steht er vor einer besonderen Herausforderung. Denn die Schauspieler, Opernsänger, Tänzer und Musicaldarsteller haben alle einen ganz unterschiedlichen Kenntnisstand: „Wie kann man das zusammenbringen?“ heißt da für den vielseitigen Choreografen die Herausforderung.

Regieassistentin Britta Bischof, Regisseurin Anja Nicklich, Inspizient Felix Scheuer und Choreograf Luches Huddleston jr.

Mit den relativ strengen Vorschriften, die der Verlag den künstlerischen Teams auferlegt, hat Luches Huddleston jr. keine Probleme. „Ich habe sehr viele Freiheiten.“ Zwar ist festgelegt, dass das Stück in den 1950er-Jahren spielen muss. Ebenso müssen die Lieder bleiben. Schwierig war für ihn, dass man die großen Bilder vom Film im Kopf hatte: „Das zu zitieren, ohne es zu kopieren“, war für ihn ein Balanceakt. Mit dem Ensemble hat er fließende Übergänge entwickelt: „Man merkt nicht, wenn sie anfangen zu tanzen.“ Er erlebt das Musical als eine Show, die für ihn nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.

Text: Elisabeth Maier
Fotos: Anja Merfeld


Die Darsteller*innen dieser Produktion haben sich unter ärztlicher Aufsicht regelmäßigen, engmaschigen, medizinischen Tests auf eine Infektion mit Covid-19 unterzogen. So ist auch eine Unterschreitung des Mindestabstandes ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen möglich.