Susan Sarandon und Sean Penn. „Dead Man Walking“. Ein weltberühmter Film von 1995. Aber nicht nur das. Es ist auch eine weltberühmte Oper. Geschrieben hat sie der amerikanische Komponist Jake Heggie, 60. Es war sein erstes Werk für die Opernbühne, wurde am 7. Oktober 2000 in San Francisco uraufgeführt – und bis heute auf der ganzen Welt dutzendfach nachgespielt.

Ab Januar steht es auch in Koblenz auf dem Spielplan. Ein glücklicher Zufall wollte es, dass Heggie vor einigen Wochen in Deutschland war. In Frankfurt, um genau zu sein. Intendant und Regisseur Markus Dietze hat die Gelegenheit genutzt und ihn dort zum Gespräch getroffen.

Markus Dietze und Jake Heggie im Gespräch zu Sister Helens Reise in der Oper "Dead Man Walking"

Dietze: „Dead Man Walking“ gilt ja als die Oper schlechthin zum Thema Todesstrafe …

Heggie: Da muss ich Ihnen gleich widersprechen: Selbstverständlich ist das Thema im Hintergrund die ganze Zeit vorhanden. Und es geht in der Tat um das Leben und den Tod. Am Ende wird ein Mensch sterben. Er wird hingerichtet werden. Und wir, die Zuschauer, wissen das von Anfang an. Aber, gleichwohl: Es ist eine Oper über die Reise eines Menschen, der sich unterwegs entscheiden muss, ob er zur Vergebung fähig ist – oder nicht. 

Dietze: Sie sprechen von Sister Helen?

Heggie: Zum einen. Aber auch von uns, den Zuschauern. Denn Sister Helen nimmt uns mit auf diese Reise. Ihre Reise. Zum einen ist es eine Reise durch das gesellschaftliche System, in dem wir leben. Aber auch eine Reise durch ihre eigene Gefühlswelt: Sie erlebt Qual und Freude, sie ist mal fröhlich, mal nachdenklich, mal schmerzerfüllt. Und es ist eine Reise, die ihre Entwicklung zeigt: Zu Beginn der Oper hat sie eine Haltung, die vermutlich identisch ist mit derjenigen der meisten von uns – auch, weil die Todesstrafe für sie noch abstrakt ist. In der Theorie ist sie davon überzeugt, dass niemand sie verdient hat.

Aber ebenso wie wir ist sie bis zu diesem Zeitpunkt nie persönlich involviert gewesen. Am Ende der Oper ist sie eine Zeugin: Sie hat Schreckliches gesehen und kann darüber künftig gegenüber der Öffentlichkeit Zeugnis ablegen. In den Minuten, in der sie der Vollstreckung der Todesstrafe beiwohnte, wandelt sich die naive Ordensschwester aus guter Familie zur energischen Aktivistin Sister Helen Prejean – der Frau, die wir heute kennen.

Dietze: Das ist übrigens etwas, das in Ihrer Oper sehr gut funktioniert, finde ich. Im Film spielt Susan Sarandon Sister Helen meinem Empfinden nach immer etwas zu „wissend“. Nehmen Sie die Szene, in der sie im Auto sitzt und das erste Mal zum Gefängnis fährt. Und sie spielt: ‚Oh ihr Zuschauer, ihr werdet es nicht glauben, was gleich passieren wird. In 30 Minuten werde ich ohnmächtig und zusammenbrechen, wartet es nur ab!‘ Aber ich glaube gar nicht mal, dass das Absicht ist oder ein bewusstes Stilmittel. Es ist einfach passiert.

Markus Dietze und Jake Heggie im Gespräch zu Sister Helens Reise in der Oper "Dead Man Walking"

Heggie: Wir erwähnten ja schon kurz, ob „Dead Man Walking“ ein Werk über die Todesstrafe ist. Was ich dazu gerne noch ergänzend sagen würde: Es ist keine Propaganda. In dem Augenblick, in dem ein Künstler Propaganda in sein Werk hineinlässt, wird es selbst Propaganda. Dann ist es keine Geschichte über Menschen mehr.

Dietze: Interessant, dass Sie das so sehen. Also Politik und Propaganda gleichsetzen. Ich glaube, genau das ist der Unterscheid zwischen europäischem und amerikanischem Theater. In Amerika denkt man oft, Politik und Propaganda seien identisch. Wenn man über die Todesstrafe spricht, ist es – meinem Eindruck nach – in den Vereinigten Staaten so, dass man versucht, sie vermeintlich objektiv zu diskutieren. In Amerika vermeidet man es, sie unter einem ethisch-moralischen Blick zu betrachten. Und die Gesellschaft ist sich nicht einig. In einigen Staaten ist sie erlaubt, in anderen verboten.

Hingegen würden Sie in Europa – oder in Deutschland – vermutlich keinen Intendanten, Regisseur oder Sänger finden, der der Auffassung ist, man solle auf der Bühne ein Thema wie die Todesstrafe objektiv diskutieren. Oder der der Meinung sei, es sei kein politisches Thema. In Deutschland würden sehr, sehr viele Menschen sagen: ‚Die Todesstrafe ist ein politisches Thema. Die Todesstrafe ist falsch. Ich persönlich lehne sie ab.‘

Markus Dietze und Jake Heggie im Gespräch zu Sister Helens Reise in der Oper "Dead Man Walking"

Heggie: In der Oper ist Sister Helen anfangs von großer Naivität. Man spürt bei dieser Figur keine solche Allwissenheit über sich selbst, wie Sie sie bei Susan Sarandon empfunden haben. Der Opernfigur Sister Helen unterlaufen ja auch jede Menge Fehler. Etwa der, dass sie vermeidet, die Eltern der ermordeten Kinder zu treffen. Aber sie erkennt eben auch, dass sie Fehler macht. Das zu zeigen, war dem Librettisten Terrence McNally und mir extrem wichtig. Musikalisch gesehen bedeutet das: Das erste Mal begegnen wir ihr, als sie einen einfachen Gospel singt. Eine simple musikalische Linie.

Dann entwickeln sich die Dinge und auch ihre Musik wird komplexer. Und dann kommt das große Crescendo zum Ende des ersten Aktes: Sie wird ohnmächtig. Weil die Stimmen in ihrem Kopf so stark werden, so anwachsen, immens bedrohlich werden. Wir, die Zuschauer, sind dabei, wie die Opernfigur Sister Helen durch ihre Tätigkeit als geistlicher Beistand in eine große Krise gerät. Sie stellt alles in Frage, was sie je geglaubt und gelernt hat. Als amerikanische Bürgerin, als Ordensfrau, als Katholikin, als Lehrerin. Gleichzeitig ist sie aber auch fest davon überzeugt, das Richtige zu tun.

Dietze: Ich glaube, wenn man Dinge wirklich verändern will, muss man genauso sein. Wenn man nicht diese Form der festen Überzeugung hat, genau zu wissen, wie der eigene Weg aussehen muss, wird man nichts erreichen. Aber natürlich ist es so, dass man im Laufe seines Lebens auch erkennt, was man in seine eigene Persönlichkeit integrieren muss und kann. Ich glaube, der einzige Weg für eine Sängerin, die Rolle der Sister Helen überhaupt spielen zu können, ist, zu wissen: Ich bin weder Teil eines Biopics noch einer Dokumentation. Ich bin nicht in einem Museum, bin kein Teil einer ‚Sister Helen – Wie sie wirklich war‘-Ausstellung.

Eine Sängerin kann sich inspirieren lassen durch die Lektüre von Sister Helens Buch, durch ihre Reden und Ansprachen, die man auf YouTube findet – aber sie muss sich sicher sein, dass sie auf der Bühne ihre ganz eigene Version kreieren darf. Wie sie auch ihre eigene Tosca oder ihre eigene Salome erschaffen darf.

Fotos: Matthias Baus


Dieser Beitrag Teil unserer vierteiligen Blogserie rund um Jake Heggie und „Dead Man Walking“.
Die gesamte Reihe besteht aus folgenden Beiträgen:

Sister Helens Reise (Teil 1)
Komponist Jake Heggie in der Selbstauskunft (Teil 2)
Gedanken zur Todesstrafe (Teil 3)
Einblick in die Komponistenwerkstatt (Teil 4)