Das rief Richard Wagner 1852. Gültig ist dieser Satz bis heute. Oper ist schließlich kein Museum. Auch in Koblenz arbeitet derzeit ein Team an einer Neudeutung der Oper um den „Fliegenden Holländer“. Mit dabei: die österreichische Kostümbildnerin Su Sigmund. Ein Porträt

Su Sigmund schafft Gesamtkunstwerke. Das verbindet sie mit Richard Wagner. Allerdings nicht aus Wörtern und Tönen, sondern aus Gemälden, Taschen und Kostümbildern. Das wiederum unterscheidet sie von Richard Wagner. Und natürlich, dass sie als Frau und Mensch des 21. Jahrhunderts – und als Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Söhnen – ihre Kunst und Künstlerexistenz ganz anders lebt als ein Mann des 19. Jahrhunderts. Anders leben kann.

In ihrem Wiener Atelier entstehen die Kostümentwürfe für zwei bis drei Inszenierungen pro Jahr – ganz bewusst nicht mehr. Denn daneben will sie noch ausreichend Zeit haben für ihre Malerei und ihre „Subags“: kleine und große Handtaschen aus Leinwand, die sie zuvor gemalt hat. Und von denen jede ein eigenes Kunstwerk darstellt, ein nicht reproduzierbares Unikat. Und die, wie auch ihre Bilder, bisweilen inspiriert sind von ihren Arbeiten für die Bühne. Alles, was sie macht, ergänzt sich gegenseitig, und alles gehört am Ende irgendwie zusammen.

Sie transformiere ihre künstlerische Arbeit als tragbare Kunst in den Alltag, hat ein schlauer Mensch mal über ihre Clutches und Bags gesagt. Aber was ist sie denn nun eigentlich zuallererst? Malerin? Modedesignerin? Bühnenbildnerin? Su Sigmund versteht die Frage gut, mag sie aber trotzdem nicht beantworten. „Man kann mich nicht in nur eine Schublade stecken“, sagt sie dazu.

Das Kostüm als Kunstwerk

„Su ist viel mehr Künstlerin als ich Künstler“, erzählt Markus Dietze, der Regisseur des „Fliegenden Holländers“. Im Gespräch mit der so Gepriesenen wird schnell klar, was er damit meint: Ist ein Regisseur womöglich eher nachschöpferisch tätig – „organisatorisch“ oder „affekterzeugend“ nennt es Dietze, wobei da vielleicht auch ein wenig Understatement mitschwingt –, öffnet Su Sigmund mit ihren Kostümen neue Räume. Die der Sänger oder Schauspieler genauso füllen und bespielen muss wie ein Bühnenbild.

„Ein Kostüm ist ja nichts, was man einfach so anhat“, sagt sie. Ist mehr als eine Hose von der Stange, aber auch mehr als ein Designer-Kleid. Das Kostüm, wenn es gut ist, erzählt innerhalb der Inszenierung eine eigene Geschichte über den Menschen, der es trägt. „Mit einem Kostüm nimmt man einen Darsteller – und die Zuschauer – genau so an die Hand wie der Regisseur.“

Vielleicht ist die Tatsache, dass man in ihrem Beruf in erster Linie genau das können sollte, einer der Gründe dafür, dass es so wenig wirklich gute Kostümbildner gibt? Und vielleicht ist Su Sigmund deshalb eine der wenigen guten, weil sie ursprünglich vom Bühnenbild kommt? Weil sie Szenographie studiert hat, also die Kunst der Inszenierung im Raum – und das beim großen Erich Wonder? Kein Zufall womöglich, dass sie bereits mit ihrer Abschlussarbeit an der Akademie der bildenden Künste Wien die Grenzen sprengte, weil sie statt eines Bühnenbilds eine Installation vorlegte?

Das Kostüm als Installation

Schwierige Fragen, auf die es vielleicht keine eindeutigen Antworten gibt. Was allerdings gewiss ist: Dass von Anfang an viele Regisseure mit der gebürtigen Salzburgerin arbeiten wollten. Jürgen Flimm, Johannes Schaaf, Martin Kušej, Tina Lanik, Elisabeth Stöppler – ihr Lebenslauf liest sich wie ein Who’s who der deutschsprachigen Theaterszene. Der Oper näherte sie sich dabei erst vor einem knappen Jahrzehnt – obwohl sie als studierte Pianistin („allerdings abgebrochen“) immer eine Affinität dafür hatte.

Die Koblenzer lernten ihre Arbeit erstmals 2011 bei Massenets „Werther“ in der Regie von Gabriele Wiesmüller kennen; es folgten Brechts „Dreigroschenoper“, Brittens „Peter Grimes“ und Beethovens „Fidelio“ – allesamt mit Markus Dietze. Nun also der „Fliegende Holländer“, erneut mit ihm. Wie hat sie sich darauf vorbereitet? „Anders als im Schauspiel hilft bei einer Oper die Musik“, erklärt sie. „Sie liefert bereits eine Grundstimmung mit, die einen dann durch die Arbeit trägt.“ Ist das einfacher oder schwieriger als im Schauspiel? „Es ist anders.“ Was sie jedoch ausdrücklich schätzt: Dass es durch die Klangwelten des Komponisten von Anfang an etwas gibt, an dem sie sich reiben kann.

Denn der Regisseur ist es – jedenfalls zu Beginn – noch nicht. Da will sie noch allein sein, taucht für ein erstes Konzept drei, vier Wochen komplett aus ihrem Alltagsleben ab. „Ich schiebe dann ganz bewusst alle anderen Einflüsse weg.“ Sie geht weniger aus, schaltet das Handy stumm – und träumt dann auch schon mal nachts von ihren Figuren. Ein temporär sehr reduziertes Leben. „Um die Antwort auf die beiden grundlegenden Fragen zu finden.“ Die da wären? „Was will ich erzählen? Und: Wie erreiche ich das?“

Die Inszenierung als Teamwork

Erst wenn sie das überhaupt für sich klar hat, trifft sie sich mit Regisseur und Bühnenbildner. Aber auch da gilt: „Ich gehe in kein Gespräch, ohne dass ich etwas von mir dabei habe.“ Weil sie die Erfahrung gemacht habe, dass eine Kostümwelt, die sie autark und unabhängig erschaffen hat, stärker sei als eine, die sie lediglich aufgrund von Vorgaben kreiert. Der Kostümbildner als Dienstleister des Regisseurs? Um Himmels Willen!

Doch es bleibt ein steter Spagat zwischen den eigenen Ideen und denen des Regisseurs. Denn letztlich geht es am Ende ja darum, was das Team gemeinsam erzählen will. „Theaterarbeit funktioniert nur als ‚Wir’“, sagt sie. Anders als ihre Malerei und ihre Arbeit als Designerin. Da arbeitet sie ausschließlich als „Ich“. Aber vielleicht braucht Su Sigmund ja das eine, um das andere machen zu können.

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld

In unserer Reihe zur Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ sind bereits folgende Texte erschienen:
Vom Wasser
Mit Markus Dietze, dem Regisseur der Neuinszenierung, auf dem Rhein
Hier spielt die Musik!
Ein Gespräch mit dem Koblenzer Chefdirigenten Enrico Delamboye und dem Dirigenten der Neuproduktion, Mino Marani