Wie nähert man sich einer Partie? Um das zu erfahren, haben wir uns mit Susanne Serfling – die Senta der „Holländer“-Neuinszenierung – in der Stadtbibliothek im Forum Confluentes getroffen und dort gemeinsam in den Regalen nach Literatur gestöbert. Anschließend hat sie uns von ihrem Weg erzählt.

Susanne Serfling schmökert in Wagner-Literatur

„In Koblenz habe ich vor knapp zweieinhalb Jahren die Leonore in Beethovens ‚Fidelio’ gesungen, damals ebenfalls unter der Regie von Markus Dietze. Einige Zeit nach der letzten Vorstellung, im Frühling 2016, bekam ich einen Anruf, dass er mich gerne als Senta engagieren würde, ob ich mir das vorstellen könnte. Allein die Tatsache, dass es eine weitere Partie im deutschen Fach sein würde, reizte mich bereits sehr. Hinzu kam, dass das Orchester in dieser Inszenierung auf der Hinterbühne platziert sein würde, ich also in unmittelbarer Nähe zum Publikum wäre. Das würde mir ganz neue Möglichkeiten eröffnen, die Rolle zu gestalten. Denn normalerweise haben wir Sänger ja – anders als Schauspieler – durch den Orchestergraben automatisch eine gewisse Distanz zu den Zuschauern.

Wir haben dann eine musikalische Arbeitsprobe vereinbart, um uns die exponierten Passagen der Partie gemeinsam anzusehen. Deshalb habe ich – was eher unüblich ist – auch schon vor eineinhalb Jahren begonnen, mich mit der Senta zu beschäftigen. Was ich aber sehr schön finde, denn dann ist genug Zeit, sich wirklich eingehend mit der Rolle auseinanderzusetzen. Zunächst natürlich musikalisch: Ich bin Note für Note den Klavierauszug durchgegangen, um zu sehen, ob die Partie zu mir passt. Die Musik ist das Fundament. Erst wenn das gelegt ist, fängt man an, darauf die Figur psychologisch aufzubauen.“

„Wie ist diese Frau? Wie finde ich meinen Zugang zu ihr?“

„Meine erste Frage ist stets: Wie ist diese Frau? Und die zweite: Wie finde ich persönlich meinen Zugang zu ihr? Was mir dabei oft hilft: Mich über andere Rollen, die ich bereits gesungen habe, der neuen Partie anzunähern. In diesem Fall erinnerte mich Sentas Umgang mit ihrem Freund Georg stark an Salomes Umgang mit Narraboth. Beide führen den Mann vor, wickeln ihn um den Finger – und lassen ihn dann eiskalt fallen.

An diesem Punkt beginne ich in der Regel mit dem Lesen. Ich besorge mir Literatur zu allem, was mit dem Werk zu tun hat. Und in diesem Fall zusätzlich Material über die Urfassung von 1841, die ja in Koblenz erklingen wird: Was unterscheidet sie von der Uraufführungs-Fassung von 1843, was von späteren Umarbeitungen?“

Susanne Serfling in der Koblenzer Stadtbibliothek

„Was will der Regisseur von mir?“

„Eine Besonderheit, die mich betrifft: In der Urfassung steht die Ballade der Senta noch in a-Moll – zur Uraufführung hat Richard Wagner sie, vermutlich auf Wunsch der damaligen Sängerin, bereits um einen Ganzton nach unten transponiert, also nach g-Moll. Man mag es kaum glauben, aber dieses a-Moll macht im Klangbild einen enormen Unterschied aus. Zudem ist der Spitzenton ein h, was ja eng an der Grenze zum c liegt. Dieses h klingt gefühlt viel höher als es das a in der g-Moll-Fassung wäre. Und gefühlt passt diese a-Moll-Urfassung auch weit besser zu mir und meiner Stimme.

Im nächsten Schritt habe ich mir dann „Holländer“-Inszenierungen angesehen. Da stellte ich mir dann erstmals die Frage, was der Regisseur wohl von mir wollen mag. Allerdings muss ich, wie immer, zu diesem Zeitpunkt noch damit leben, dass ich keine Antwort bekomme. Das ist übrigens etwas, was ich innerhalb der zeitlichen Abläufe an den Opernhäusern wirklich bedaure: Dass der erste inhaltliche Austausch erst bei Probenbeginn stattfindet, also erst sechs, sieben Wochen vor der Premiere.“

„Was ist eine Manie? Was ist ein Wahn?“

„Senta ist eine ebenso komplexe wie komplizierte Person. Für mich ist sie nicht nur das naive Mädchen, nicht nur die Träumerin. Was ich für mich selber aber auch eher langweilig finden würde. Wenn, wie in der Koblenzer Inszenierung, ihre Egozentrik, ihre Manie, ihr Wahn gezeigt werden sollen, wird die Rolle auch inhaltlich interessant.

Als ich auf dem Konzeptionsgespräch zu Probenbeginn hörte, dass Markus Dietze genau das zeigen will, fand ich das extrem spannend – aber natürlich eine enorme Herausforderung. Was ist eine Manie? Was ein Wahn? Was eine narzisstische Persönlichkeitsstörung? Worauf gründet sich all das? Und wie kann ich so etwas darstellen? An diesem Punkt halfen mir musikwissenschaftliche Bücher oder Aufsätze über Richard Wagner oder das Werk nicht mehr weiter. Da musste ich mich tatsächlich in die psychologische Fachliteratur einlesen.“

Susanne Serling bereitet sich mit Literatur auf ihre Rolle vor

„Was sind Sentas Ecken und Kanten?“

„Die erste Probenwoche ist regelmäßig sehr anstrengend: Da beginnt die emotionale Arbeit an der Figur: Ich muss die Rolle finden. Und weil ich ein Mensch bin, der sehr vom Gefühl ausgeht, ist das stets ein intensiver Prozess. Ist mir nach einigen Tagen – so wie jetzt – mein Zugang und der Gefühlsbogen für die Figur klar, wird es leichter. Dann kann ich die Rolle auch nach der Probe im Theater zurücklassen.

Senta und der Holländer sind gefangen in einer engen, kleinen Welt. Sie glaubt, auserwählt zu sein, diesen Mann erlösen zu müssen – und er glaubt, von einer Frau erlöst werden zu müssen. Beide haben ausschließlich diesen einen Gedanken in ihrem Kopf. Sie ist mir nicht besonders sympathisch, das muss ich ehrlich sagen. Aber genau das ist die Herausforderung: Ich mag es, die Ecken und Kanten einer Figur zu suchen, das Unbequeme und Unangenehme an ihr zu entdecken und das darzustellen. Hinzu kommt, dass Markus Dietze uns Sängern sorgfältig jeden vermeintlich opernhaften Gestus austreibt. Manchmal fühlt es sich so an, als würde ich gar nicht singen, sondern schauspielen – und das mag ich wahnsinnig gern.“

Text: Margot Weber
Fotos: Anja Merfeld

In unserer Reihe zur Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ sind bereits folgende Texte erschienen:
Vom Wasser
Mit Markus Dietze, dem Regisseur der Neuinszenierung, auf dem Rhein
Hier spielt die Musik!
Ein Gespräch mit dem Koblenzer Chefdirigenten Enrico Delamboye und dem Dirigenten der Neuproduktion, Mino Marani
„Kinder, schafft Neues!“
Su Sigmund, die Kostümbildnerin der Produktion über ihre Arbeit als Künstlerin
Der Holländer als Holländer
Bassbariton Nico Wouterse, der Sänger der Titelrolle
All the world’s a stage
Bodo Demelius’ Arbeit als Bühnenbildner in 5 Akten